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Die Welt · 1911-04-12 · 15-16 (12.4.1911) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
15-16 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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no. 15 —- - -die; mahnenden Vorschriften nicht die gewünschte Beachtung finden, wenn die Mitglieder Ihrer obersten Verwaltung mit einem solchen Beispiel vorangehen. Glauben Sie mir, meine Herren, daß eine Polemik mit Ihnen mir ebenso peinlich ist, wie sie Ihnen nur erscheinen kann. Ich beschränke mich deshalb auch auf die in obigen Ausführungen enthaltenen Widerlegungen, die mir unumgänglich notwendig erschienen, und übergehe Vieles. Mit tiefem Bedauern habe ich aus Ihrem Briefe entnehmen müssen, daß Sie die Notwendigkeit eines Eingreifens nicht anerkennen, wodurch dem Bruderkampf, der zum Schaden des jüdischen Gemeinwohls unter der ottomanischen Judenheit weiterwütet, ein Ende bereitet werden könnte. Nach wie vor werde ich die hohen Ziele, denen die Alliance sich gewidmet, die großzügige Arbeit, die sie auf manchen Gebieten geleistet hat, aufrichtig schätzen undverehren. Nach wie vor werde ich ihre philantropischen und sozialen Bemühungen vonHerzen unterstützen und jede Bekämpfung derselben, soviel in meiner Macht steht, verurteilen und verhindern. Deshalb hoffe ich noch immer, daß Ihre Verwaltung sich auf den Qeist zurückbesinnen wird, der die großen Stifter der Alliance beseelte, den Geist, der seinen Ausdruck in ihrer weitherzigen Devise fand. Da das Organ Ihrer holländischen Abteilung die bisher zwischen uns gewechselten Briefe publiziert hat, halte ich mich, um einer ungerechten Beurteilung unserer Bewegung vorzubeugen, nunmehr für verpflichtet, meinerseits unsere vollständige Korrespondenz der Öffentlichkeit zu übergeben. Sie werden uns im übrigen stets zum Frieden geneigt finden. Mit vorzüglicher Hochachtung Für das Präsidium der Zionistischen Organisation gez. David Wolffsohn Die Tätigkeit des jüdischen Klubs Von Adolf Stand, gew. Reichsraisabgeordneter. Im Mai 1907 haben die Juden Österreichs das erstemal ihre eigenen Vertreter ins österreichische Volkshaus entsendet und damit bekundet, daß sie ihre Interessen durch niemand andern besser vertreten sehen wollen als durch frei gewählte Männer ihres Stammes und ihres Vertrauens, die ein bis dahin unbekanntes Programm vertraten: Als Juden im nationalen Sinne mitzuberaten in Fragen der Gesetzgebung, der Exekutive und allen übrigen Angelegenheiten, die das politische Gesamt- und Individualleben in Österreich berühren. Mit kaiserlicher Entschließung vom 30. März 1911 wurde das erste österreichische Abgeordnetenhaus, hervorgegangen aus dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahrecht, aufgelöst und da ziemt es sich wohl, einen kurzen Augenblick Rückschau zu halten und Ausblick für die Zukunft zu gewinnen, und dann mutig dem Kampfe, dem Siege mit entrollten Fahnen entgegenzustürmen. * * Seit 1907 haben sich die Chancen zu unsern Gunsten entwickelt; denn die zionistische Bewegung hat einen Aufschwung genommen, sie ist durch die unablässige Agitation nicht nur an Anhängern reicher geworden, sondern sie hat sich auch vertieft. Nicht zum geringsten Teil darf der jüdische Klub des ersten österreichischen Volkshauses hier Helfer genannt werden. Der jüdische Klub hat ^ELT 337 zum Unterschiede von andern sich Juden nennenden und von Juden gewählten Abgeordneten sich allen jüdischen Angelegenheiten gewidmet, nicht nur Angelegenheiten seiner Anhänger, sondern er hat allen Interessen des gesamten Judentums ehrlich und aufopfernd gedient. Man geht nicht fehl, wenn man behauptet, daß die Mitglieder des jüdischen Klubs nicht nur für ihre Mandatare, sondern für alle, die sich an sie wendeten, ob Freund ob Feind der nationalen Idee» in mindestens 3—4000 Fällen interveniert haben. Der jüdische Klub hat das Gesamtinteresse der Judenschaft stets hoch zu halten gewußt im Gegensatze zu den Juden des Polenklubs und andern jüdischen assimilatorischen Vertretern im Parlament. Der Anhang der Jüdischnationalen ist durch die streng nationale Tätigkeit ihrer Wortführer im Parlament und < außerhalb desselben gewachsen. Bei einem flüchtigen Oberblick schon sehen wir dieses kleine Fähnlein sich uberall betätigen. Zirka zwanzigmal haben wir das Wort ergriffen und fehlten bei keiner Debatte. Beim Ausgleichsgesetz, bei jeder Erledigung des Budgets, konnte man eine großzügige demokratische jüdische Rede hören, ebenso gaben wir unser Votum bei allen wichtigen Dringlichkeitsanträgen ab und dieses war immer ein jüdisch-oppositionelles. Auch an großen Aktionen außerhalb des Parlaments beteiligten wir uns. So war der jüdische Klub bei zwei interparlamentarischen Friedenskonferenzen, sowohl in Berlin als auch in Brüssel, vertreten. Zum erstenmale intervenierten wir dort für die rumänischen Juden. Als es sich um die Schänkerfrage handelte, waren wir die ersten, die anfangs 1910 diese Frage aufrollten. Das Zusammengehen aller jüdischer und auch einiger nicht jüdischen Abgeordneten veranlaßten wir, damit eine wirksame Aktion eingeleitet werde. Durch das laue Verhalten der jüdischen Abgeordneten des Polenklubs, welche immer die Sache verzögern wollten, konnten wir nicht einen Schritt vorwärts kommen. Nichtsdestoweniger behalten wir die Angelegenheit im Auge. Bei den zwei großen Schänkerrneetings, besucht aus ganz Galizien, welche im Sommer 1910 und im Herbst 1910 im Lemberger Rathause stattfanden, war ich es, der im Namen unserer Partei auf das energischeste eine Organisation der Schänker vorgeschlagen und ihnen unsere ganze Mithilfe versprochen hat. Als sich der Schänker niemand annahm, waren wir es, die mit dem Abg. Breiter den Massenzug nach Wien unternahmen, sie zu allen maßgebenden Behörden und nach Budapest führten und doch einigermaßen zur Linderung ihrer Not beitrugen, indem wir die ganze öffentliche Meinung für diese Frage aufrüttelten. Bei der Enquete, welche der galizische Landtag für den 23. und 24. Januar einberufen hatte, habe ich zum Unter, schiede von allen dort anwesenden Vertretern eine weit angelegte, auf Tatsachen und breitem Horizont begründete Rede gehalten, weihe die Notlage des jüdischen Volkes in Galizien entrollte. Die Rede machte großen Eindruck und zeigte, daß wir die einzigen sind, die die Meinung des jüdischen Volkes darstellen. Wir fehlten mit einem Wort bei keiner jüdischen Aktion und deshalb nehmen wir an, daß uns die jüdischen Massen noch weiter ihr Vertrauen entgegenbringen werden. Es wird an Versuchen, uns niederzuringen^ sicher nicht fehlen. Während wir nach emsiger Arbeit nach Hause kommen, haben sich die jüdischen Herren des Polenklubs um die Juden Galiziens nicht gekümmert. Dafür sprechen beschämende Tatsachen: Kein einziger von ihnen hat einen Rechenschaftsbericht in seinem Wahlkreise erstattet. Dr. Löwen stein, dem der Ruf eines glänzenden Sprechers vorausging, sprach im ganzen zweimal und wich grundsätzlich jüdischen Angelegenheiten aus. Er fand es für taktvoll, gleich bei Eröffnung des Hauses, als alle oppositionellen Abgeordneten mit ihren begründeten Dringlichkeilsanträgen gegen die Wahlmißbräuche in heftig erregter und leidenschaftlicher Weise protestierten, unsere Verfolger zu verteidigen. Es war eine demütigende Rolle und es ist für uns Juden schmerzlich, daß sich ein Jude, dessen Volksgenossen am allerheftigsten bekämpft wurden, 3*

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