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Die Welt · 1911-04-12 · 15-16 (12.4.1911) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
15-16 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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336 DIE3§KELT Na 15 und politischen Streitigkeiten fern zu bleiben. Sie halten sich in den Schranken dieser Neutralität und es ist unser Wunsch, daß sie in Zukunft ebenso außerhalb aller Agitation bleiben, wie sie es In der Vergangenheit gewesen sind. Da der Kampf, von dem Sie sprechen, nicht von uns gefördert worden ist, da keiner unserer Vertrauensmänner dabei beteiligt ist, so wissen wir nicht, an wen wir uns mit unserm Rat zur Mäßigung wenden sollen. Wir wünschen mit Ihnen, daß der Kampf, den Sie beklagen, aufhöre, und sehnen so wie Sie von ganzem Herzen das Ende eines Streites herbei, der für das ottomanische Judentum nur von Schaden sein kann. Empfangen Sie, Herr Präsident, die Versicherung unserer ausgezeichneten Hochachtung. Gez.: Der Präsident N. Leven. Der Sekretär J. Bigart. III. Cöln, den 9. April 1911. An das Präsidium der Alliance Israelite Universelle Paris Sehr geehrte Herren! Ich bin im Besitze Ihres geehrten Schreibens vom 3. v. Mts. und bedauere außerordentlich, daß die Lage meiner Gesundheit, die mich gezwungen hat, auf einige Wochen nach dem Süden zu verreisen, mir erst heute gestattet, auf dasselbe zurückzukommen. Ich bedauere diese Verzögerung umsomehr, als ich es für nötig halte, Sie auf einige Stellen in Ihrem Schreiben aufmerksam zu machen, worin die Lage der Dinge in der Türkei in einer Weise dargestellt wird, die den tatsächlichen Verhältnissen nicht gerecht wird. Die von Ihnen gegebene Darstellung, daß gleich nach der türkischen Revolution die zionistische Organisation eine ausgedehnte Propaganda in der Presse angefangen hätte, daß von Ihnen aus nichts, absolut nichts, geschehen wäre, um unsere Pläne zu durchkreuzen, daß wir aber die Kreise und Personen, die unserer Idee ablehnend gegenüberstanden, in überaus heftiger Weise angegriffen, ja sogar verleumdet hätten, — diese Darstellung beruht von Anfang bis zu Ende auf Voraussetzungen, die mit den geschichtlich und dokumentarisch feststehenden Ereignissen nicht in Einklang zu bringen sind. Im Juli 1908 fand die Umwälzung in der Türkei statt und es dauerte bis zum Sommer 1909, bevor eine regelmäßige zionistische Propaganda in einigen türkischen Zeitungen einsetzte. Bevor aber dies der Fall war, empfingen Sie, meine Herren, die nach Europa entsandte Delegation der türkischen Kammerdeputierten in Ihren Pariser Bureaus und bei dieser Gelegenheit war es, daß Ihr Präsident, Herr Narcisse Leven, eine Ansprache hielt, worin er den Zionismus als den türkischen Interessen zuwiderlaufend bezeichnete und einen scharfen Gegensatz zwischen ihm und der Alliance konstruierte und hervorhob. Es war dies der erste öffentliche Angriff und Sie werden, meine Herren, nicht bestreiten, daß er von Ihnen ausging. Sie stellen ferner in Ihrem Schreiben fest, daß keine Organisation in der Türkei, keine Zeitung, kein Schriftsteller von Ihnen jemals eine Parole oder irgendeine Subvention erhalten hätte. Auch diese Feststellung findet in den Tatsachen keinen Anhaltspunkt. Denn im Sommer 1909, während ich selbst in Konstantinopel war, ist Ihrem Konstantinopeler Vertrauensmann, Herrn Fernandez, ein Communique über den Empfang der türkischen Delegation und über die Ansprache Ihres Präsidenten zur Weiterverbreitung übermittelt worden, das dieser durch Herrn Benveniste, den Direktor der Alliance-Schule in Konstantinopel-Galata, an eine große Reihe von Zeitungen mit der Bitte um Aufnahme geschickt hat. Ihre Feststellung, daß keine Zeitung von Ihnen jemals eine Parole erhalten hätte, entbehrt, wie mir scheint, auch im Lichte folgender Tatsache der Berechtigung. Vor wenigen Monaten hat Ihr Vizepräsident, Herr Salomon Reinach, einen Brief an Herrn David Fresco, den Herausgeber des in Konstanünopel erscheinenden Blattes „El Tiempo", eines Blattes, das ich nach den Enthüllungen der letzten Monate wohl nicht näher zu charakterisieren brauche, gerichtet. Dieser Brief lautete: „Ich habe öfters die Gelegenheit gehabt, über den Zionismus zu sprechen mit eminenten Vertretern der jungen Türkei, Freunden — wie sie es ja alle sind — der Alliance Israelite Universelle. ' Ich hegte die Befürchtung, daß sie diese zu gleicher Zeit reaktionäre und wahnwitzige Bewegung, welche in einem Lande wie die heutige Türkei nicht nur mit loyalen Gefühlen, sonde n auch mit dem gesunden Menschenverstände unvereinbar ist, ernst nehmen würden. Ich habe immer mit einer wahren Erleichterung feststellen können, daß die Herren, die sich bei mir erkundigten, sich keinen Illusionen über die Wichtigkeit und die wirkliche Kraft des Zionismus hingaben. Ich sehe im Zionismus zwei Elemente: Einerseits ein zweifellos sehr sympathisches: das Elend der unterdrückten Israeliten in Rußland und Rumänien, die sich vor einer Wirklichkeit, die sie zerschmettert, in das Gebiet der Träume flüchten; das andere Element, in meinen Augen sehr wenig respektabel, ist der Ehrgeiz, der Reklamedurst gewisser Agitatoren. In den Ländern, wo die Juden verfolgt werden, kann der Zionismus ein vertröstendes Hirngespinst sein; in der Türkei ist er nur eine Dummheit." Ich glaube, daß die Parole, die Ihr Herr Vizepräsident mit diesem Brief ausgegeben hat, an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Die Motive, die Ihren Herrn Vizepräsidenten zu einem solchen Schreiben haben veranlassen können, sind mir umso unerklärlicher, als, wie Sie mir gegenüber selbst mit Nachdruck hervorheben, nach Ihrer Meinung die ottomanischen Juden vollkommen imstande sind, selbst zu beurteilen, was ihre Pllicht ist und was ihre wahren Interessen sind, als Juden und als ottomanische Bürger. Sie teilen mir mit, — und ich hatte es ja nicht anders erwartet, — daß alle diejenigen, die befugt sind, im Namen der Alliance zu sprechen, den Auftrag haben, allen religiösen und politischen Kämpfen fern zu bleiben. Leider stehen aber zu dieser Erklärung die Tatsachen in einem bedauerlichen Gegensätze, daß in der ganzen Türkei Ihre Schulen die Zentren des uns feindlichen und aktiv bekämpfenden Geistes sind, daß Ihre Konstantinopeler Schulbehörden einen hartnäckigen Kampf gegen den des Zionismus verdächtigen Turnverein Maccabi führen; daß einer Ihrer Schullehrer in Saloniki ein Hauptleiter der dortigen antizionistischen Bewegung ist. Es kann Ihnen, meine Herren, nicht unbekannt sein, daß in der ganzen Türkei kein Jude daran zweifelt, daß die Alliance gegen den Zionismus ist und ihn bekämpft. Sie können sich wohl auch kaum darüber wundern, daß Ihre zum Frieden und zur Neutralität

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