Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-04-07 · 14 (7.4.1911) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
14 (7.4.1911)
Date
1911-04-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316476--54433-3348220
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 14 DIE IqKE LT 317 absender. Keine Silbe des Dankes. Nur eine kühl ironische Bemerkung, daß die ganze Prozedur überflüssig war. Die Juden beteuern, dem Vateriande treu zu sein? Aber das ist doch eine höchst alte, eine bis zum Überdruß bekannte Sache; wir haben nie daran gezweifelt, wie könnten wir auch! Wozu also ward der ganze Knechtseligkeits-Rurnmel in Bewegung gesetzt? Auf Grund einiger antisemitischer Torheiten eines xbeliebigen oppositionellen Deputierten? Welch unverantworllicher Mangel an Würde und Selbstvertrauen! Oder ist die gan?e patriotische Aktion nur inszeniert worden, um den Zionismus bei der Regierung abzutöten? Nun, über diese Seite der Sache geht der Großwesir gerade stumm und geheimnisvoll hinweg. Und doch, wie schön wäre es gewesen, wenn er just für ihren AntiZionismus sich bei den Smyrnaern Juden bedankt haben würde. Wozu nützte da der ganze Aufwand an Patriotismus? Vielleicht w;rd nun, nach dieser Lektion, die Konstantinopeler Gemeinde und Rabbi Nahum an ihrer Spitze es doch vorziehen, sich eine ähnliche Blamage nicht zuzuziehen. Eröffnung des neuen Medschliß Umumi. Konstantinopel, den 2. April 1911. Heute um 10 Uhr morgens, ist zum ersten Male der neugewählte Medschliß Umumi, de große Repräsentantenversammlung der Konstantinopeler Gemeinde, zusammengetreten. Im etwas engen Empfangssaale des Chacham-Chane, des Gemeindehauses, drängten sich die Delegierten, aus deren achtzig betragender Gesamtziffer 63 erschienen waren. Das Korps der Rabbinen, das ein Viertel der Versammlung ausmacht, war ziemlich vollzählig. Im allgemeinen sticht der Gesamtcharakter des neuen Medschliß gegen den des früheren sichtbarlich ab. Es sind weniger Graubärte, mehr Juhend sichtbar, die Uniformen sind diesmal ganz verschwunden. Auch die Ruhe und äußerliche Würde ist nicht mehr die gleiche; es liegt mehr Nervosität, Spannung über der Versammlung, wenn auch noch immer genug Gesichter den Stempel des Indifferentismus tragen. Der Großrabbiner Chaim Nach um in seiner Amts'racht, lange Schübe] und grüner Turban, eröffnet die Sitzung mit einer Ansprache ungefähr folgenden Inhalts: „Sprichwörter spiegeln die Seele eines Volkes. Ein spaniolisches Sprichwort sagt: Sind wir im Hafen, vergessen wir des Sturmes. Nun, es gab S ürme genug für den Schiffer, der die ottomanische Judenheit in den Hafen zu lenken hatte. Das Steuer, das ihn dabei zu leiten hatte, das Chacham-Chane-Gesetz, war schadhaft, äußerst reparationsbedürftig. Nichtsdestoweniger sei jetzt der Sturm vergessen. Es ist kein endgiltiges Resultat, dieser Hafen, in den man jetzt einlaufe, sondern nur ein vorläufiges, eine Etappe, ein Mittel zum letzten Zweck, der da lautet: Entwicklung und Hebung des ottomanischen Judentumes.— Der frühere Medschliß sei vielfach gegen die Gemeinderäte anderer Großsiädte rückständig gewesen. Es fehlte ihm am rechten Lebenshauch, es fehlte ihm an intimer Beziehung zum Volke und an intimem innerm Zusammenhang unter seinen Mitgliedern. Diese, die eine Ehren-Sinekure auf Lebenszeiten hatten, glaubten, der Nation eine Ehre anzutun, wenn sie einmal erschienen, um ihre Stimme abzugeben. Der Medschliß von heute ist nicht auf Lebenszeit, sondern nur auf zehn Jahre gewählt, und alle zwei Jahre ist das Volk berufen, neuen Einfluß durch Ersatzwahlen auf ihn auszuüben; hierdurch übe er wiederum politische Erziehung auf die Massen. Um den Medschliß lebendiger, arbeitsfähiger und fester in sich geschlossen zu machen, habe er zwei Anträge: erstens, daß er sich ein Präsidium (außer dein Ehrenpräsidium des Großrabbiners) wähle, zweitens, daß er seine Sitzungen im Gegensatz zu früher regelmäßig abhalte. Von allen Seiten seien Vorwürfe gekommen, weswegen das Chacham-Chane-Nisamnamnessi nicht schon bis heute reformiert worden sei. Es war unmöglich. Jedes Ding will seine stille, natürliche Evolution; keine Administration kann um die drei Arbeitsstufen Nichdenken, Vergleichen und Urteilen vorschnell herum. Es müsse nun sofort eine Kommission zur Vorbereitung der Gesetzesreform gewählt werden. (Eine solche wurde schon vor 2 1jz Jahren eingesetzt. Anm. d. Berichterst.) Das von ihr ausgearbeitete Projekt werde allen Gemeinden des Reiches zugestellt werden, um dann von einer eigens einzuberufenden allgemeinen Delegiertenversammlung aller Großgemeinden beschlossen zu werden. — Ein schweres Leiden sei die Finanz Wirtschaft. Eine .Finanzkommission ist zweites dringendes Bedürfnis. Weitere Kommissionen, wie die für den Unterricht usw. werde der Mechschliß dschismani, die zu wählende Exekutive, d. h. das Konsistorium, selbst, einzusetzen haben. Es gibt Differenzen in den Meinungen. Aber wenn alle sich auf ihr Gewissen prüfen, finden sie im Grunde eine totale Einstimmigkeit, nämlich in den Zielen. Wird diese in den Vordergrund treten, so ist Ruhe, Ordnung und fruchtbare Tätigkeit der Versammlung sicher." Vor Eintritt in die weitere Tagesordnung stellt Nissim Effendi Russo, der Kabinettcief des Finanzministers (trotz der „liste recommandee" doch Mitglied des Medschliß), den Antrag, folgende Adresse an die Regierung zu senden: „Der Medschliß Umumi in seiner Eröffnungsversammlung beschließt nach Anhörung der Rede des Großrabbiners: Glücklich, ans Werk der moralischen Hebung und Verbesserung der sozialen und materiellen Beiingungen der Israeliten des ottomanischen Reiches schreiten zu können, überzeugt, daß das patriotische Gefühl der Anhänglichkeit an das ottomanische Vaterland bei allen ottomanischen Juden ohne Ausnahme nicht anders sein kann als tief und unerschütterlich, und daß alle bereit sind, die Integrität des heiligen, einen und unteilbaren Vaterlandes zu verteidigen; in Respekt vor den dnrch die Verfassung gewährleisteten Freiheiten nnd in Vertrauen auf die Gesetze der konstitutionellen Regierung, die den Triumph des ottomanischen Ideals sichern werden, — richtet der Medschliß einen patriotischen Gruß an das Vaterland (ä la Mere Patrie), drückt der kaiserlichen Regierung seinen Dank aus für das ständige Wohlwollen gegenüber den ottornanischen Israeliten und geht zur Tagesordnung über." (Beifall.) Die Tagesordnung lauttt: Wahl des Medschliß dschismani, Wahl der Kommissionen, Anträge des Chachambaschi. Vor Erledigung dieser Punkte spielte sich eine große Debatte über die Validierung der Mandate ab. Es ist David Fresco, der sie aufrollt. Er stellt die Frage, ob der Medschliß Umumi als in aller Form konstituiert zu betrachten sei. Sind alle Gewählten den gesetzlichen Ansprüchen nach passend? Gibt es Gewählte, die demissioniert haben und warum? Herr Pilosoph assistiert Fresco. Es liegt ihnen offenbar daran, die Demission zweier Mitglieder des frühern Medschliß dschismani, die von der einen Partei in den Himmel gehoben, von der andern als Verderber der kommunalen Angelegenheiten angesehen werden, rückgäng:g zu machen. Außerdem scheint es, daß sie den Enkel des frühern Chachambaschi mit allen Mitteln aus dem Medschliß herausbringen wollen. Ihr Mühen ist indes erfolglos. Angenommen wird vielmehr ein Antrag des Advokaten Attala, daß die Wahlen im allgemeinen als legal anzusehen seien, die Demissionen die Versammlung nicht zu beschäftigen haben, daß aber eine Kommission einzusetzen sei, die alle Klagen über Illegalitäten bei den Wahlen zu prüfen und die Gilt gkeit der umstrittenen Mandate festzustellen habe. Die Kommission soll dann einer nächsten Sitzung des großen Medschliß das Resultat ihrer Untersuchungen unterbreiten. Als man zur Wahl dieser Kommission schreitet, spielt sich ein interessanter Vorgang ab. Eine Partei, der Fresco mit Heftigkeit das Wort führt, will den Rabbinen das Recht absprechen, in der Kommission mit vertreten zu sein. Aber das Korps der Rabbinen gibt zum ersten Male seit drei Jahren kräftige Lebenszeichen. Rabbi Sages, der Sekretär des Großrabbinats, und Rabbi Sabban, der Sekretär des früheren Medschliß Umumi, führen geschickt und kräftig die Sache der Rabbinen. Ein Rabbiner wird hierauf in die Kommission gewählt. , Dasselbe wiederholte sich bei der später erfolgenden Wahl der Kommission zur Gesetzesrevidierung, in die schließlich zwei Rabbiner hineingewählt werden. Auch der Deputierte Mazliach wird in diese Kommission gewählt, David Fresco dagegen mit eisigem Schweigen angelehnt. In die Finanzkommission werden Vertreter aller Stadtteile delegiert; für Galata der Präsident der Aschkenasim, Reisner. Bei Besprechung der Frage des Medschliß dschismani, der wichtigsten Körperschaft des Konstantinopeler Judentums, kommt es wiederum zu einem gewissen Widerstreit der Ideen. Fresco, auf seinem Steckenpferde reitend, nennt diesen Medschliß hochtrabend die Repräsentation des ottomanischen Judentums, erfährt aber dabei entschiedenen Widerspruch, insbesondere vonseiten des Deputierten Faraggi, der ihm bedeutet, daß beide Räte, der große wie der kleine, absolut nur die Konstantinopeler Gemeinde vertreten, nicht aber die andern ottomanischen Gemeinden, einStandpunkt, den übrigens die ganze jüdische Provinzpresse energisch vertiitt. Vor den Wahlen zum Medschliß dschismani, d. h. des Konsistoriums, wird vom Großrabbiner eine Pause anberaumt, die die Parteien zu eifriger Propaganda für ihre Männer ausnützen. AU$9 strömt in die Couloirs. Nur das Korps der Rabbinen, das bereits mit sich im Reinen zu sein scheint, verläßt seinen Platz nicht. Die Spannung ist lebhaft; denn von dieser Wahl wird es abhängen, ob nationale Männer in die Leitung der Gemeinde berufen werden, oder ob der krasseste Antizionismus dort fortherrschen soll. Das ist um so bedeutungsvoller, als der Medschliß dschismani der Haupt-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.