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Die Welt · 1911-04-07 · 14 (7.4.1911) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
14 (7.4.1911)
Date
1911-04-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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strafen, die Verhaftungen, das unbefugte und ungesetzliche Zusammenstreichen der Zählungsbogen, die das schreckliche Wort „Jüdisch" in der Rubrik „Umgangsprache" enthielten. Die jüdische Bevölkerung Galiziens s:llte in einen dauernden, anhaltenden Zustand der Unsicherheit, des Druckes versetzt, mit Schikanen und Strafen überhäuft werden. Die mutige Erhebung des unterjochten Volkes mußte, wie jede strafbare Handlung, geahndet werden. Doch die polnischen Herren sind bewundernswert in ihrer Kunst, stets neue Bändigungs- und Züchtigungsmittel zu ersinnen. Was schert sie Recht und Gesetz, was kümmert sie das Urteil der öffentlichen Meinung, was der Aufschrei eines ganzen gequälten Volkes, wenn es gilt, die Suprematie der polnischen Schlachta zu verewigen! Der Zynismus der polnischen Machthaber kennt keine Schranken, wie ihr Machthunger. Was in Drohobycz vor wenigen Wochen entdeckt wurde, ist wohl einzig dastehend in der Geschichte der Volkszählungen aller Länder. Man höre: In einer oder in einigen Drohobyczer Milchhandlungen, die sich in Kellerräumen befinden, wurden Zählungsbogen im Gewichte von 9'* Kilogramm gefunden. Es sind Erhebungsbogen von 1200 judischen Einwohnern der Stadt Drohobycz, die ihre Umgangssprache mit „Jüdisch" angegeben haben. Die Zählungsbogen wurden offenbar als Packpapier, als Makulatur verkauft oder einfach weggeworfen. Merkwürdigerweise äußerte einige Tage vor dem sensationellen Fund ein Magistratsbeamter den Verdacht, daß einige tausend jüdische Seelen aus der Statistik . . verschwunden seien. Nun zeigt es sich, in welcher Weise die Tschinowniki des Herrn v. Bobrzynski die ihnen unbequemen Juden, die in keiner Weise zu Polen umzuprägen sind, „eliminierten". Nun offenbart es sich, welche wissenschaftliche Bedeutung die statistische.! Erhebungen im Lande der Schlachta besitzen. Vom polnisch-nationalen Standpunkt unbrauchbare Zählungsbogen werden nach Belieben korrigiert oder wandern auf den Kehrichthaufen. Wenn der Beamte kaufmännisches Talent besitzt, eröffnet er einen schwungvollen Handel mit dem Papier. Das Bld der „gaÜzischen Volkszählung" wurde in dankenswerter Weise vervollständigt. Zählungsbogen verschwinden im Magistrat und tauchen als Makulatur in Milchgeschäften auf. Fürwahr, die schlachz;zischen Beamten sind wackere Diener des Gesetzes. Sie konnten ohne schriftlich bescheinigte Zustimmung des Gezählten die verwünschte Angabe nicht ändern. Sie taten es auch nicht, sie verschmähten den Pfad der Ungesetzlichkeit. Sie ließen die ärgerlichen Bogen in Ruhe. Aber müssen sie denn im Magistrat kostbaren Raum ausfüllen? Man beförderte sie in einen entlegenen Keller. . . So geschehen im Jahre 1911 in einer der bedeutendsten Industriestädte Galiziens, in unmittelbarer Nähe der Landeshauptstadt, unter den Augen des Statthalters Herrn v. Bobrzynski. Nun sind wir neugierig, in welcher Weise Graf Wickenburg, der Minister des Innern, d.m galizi^chen Augiasstall säubern, wie die statistische Zentralkommission, die diese Angelegenheit wohl beiührt, ihren wissenschaftliche! Ruf, ihre Würde wahren wird. Was sich in Galizien abspielt, ist kein europäischer Skandal. Die Drohobyczer Vorgänge würden heutzutage schon in einem asiatischen Ländchen als eine Verhöhnung der elementarsten Rechtsbegriffe empfunden werden. Die verunglückte Missionsreise des Pastor Rüssel Wie bereits in einer der letzten Nummern berichtet, hatte der Missionsvortrag, den der Sekretär des Pastor Rüssel am 21. März im Hotel „Kontinental" hielt, keinen Erfolg. DieZionisten erzwangen die Räumung des Saales durch die Wache. Am folgenden Tage erschien Pastor Rüssel selbst am Vortragstisch. Er hatte vorher seine Rede in einem Wiener Blatte in Form eines Inserats erscheinen lassen. Am Abend wiederholten sich die stürmischen Proteste der Zionisten gegen die Seelenfängerei des Pastors, so daß er sich gezwungen sah, Wien zu verlassen und sein Glück in Lemberg zu versuchen. Im dortigen ruhenischen Na'ionalhaus wollte er am 24. März über das Thema sprechen, dessen Erörterung ihm in Wien unmöglich geworden war. Allein auch die Lemberger Judenschaft zeigte für seine Reden über den „prophetischen Zionismus" keine Sympathie. Die in großer Zahl erschienenen zionistischen Studenten ließen den Pastor nicht aussprechen und er mußte zwischen einem Spalier von Polizisten den Saal verlassen. Die Landtags wählen in der Bukowina Am 2. April haben in der Bukowina die Landtagswahlen begonnen. Durch die Zuweisung der Juden an die deutsche Kurie, welche entgegen den Wünschen der Deutschen und der Juden von der Regierung auf Betreiben Kurandas- und Löwensteins verfügt worden war, sind die Juden der Möglichkeit beraubt worden, ihre nationale Vertretung .so zu gestalten, wie dies ihrer Zahl und Steuerkraft gebühren würde. Doch ist nach den bekanntgewordenen Abstirnmungsziffern des* ersten Wahltages zu erwarten, daß der geplante jüdische Klub im Landtag zustande kommen wird. Gewählt erscheint bisher nur der Kandidat der jüdischen Nationalpartei Dr. Isidor Katz. In Czernowitz kämpften vier Parteien um das Mandat: die jüdische Nationalpartei, deren Kandidat Dr. Weißelberger 4854 Stimmen erhielt, die jüdische Volksratspartei, deren Kandidat Dr. Kellner 4094 Stimmen erhielt; ferner die Deu'schnationalen und Sozialdemokraten. Es wurden im Ganzen 13 711 Stimmen abgegeben. Da kein Kandidat die absolute Majorität erhielt, wurde eine neuerliche Wahl auf den 7. April angeordnet. Brief aus Ungarn Es gab in Ungarn eine Zeit, wo es fast so aussah, als ob die ungarische Gesellschaft geneigt wäre, die Juden als vollwertige Gentlemen in ihre Mitte aufzunehmen. Selbst das vornehmste Kasino Ungarns, das vom bekannten Staatsmann Grafen Szechenyi gegründete Nationalkasino hatte den Juden Wahrmann zu seinen Mitgliedern gezählt. Seitdem ist so manche Zeit verflossen und Wahrmann ist das erste und letzte Mitglied des vornehmen Kasinos geblieben. Ja, es haben sich inzwischen andere vornehme Geselligkeitsklubs gebildet, denen — ebenso wie dem Nationalkasino — die vornehmsten Staatsmänner des Landes vorstellen, die jedoch samt und sonders den zwar schriftlich nicht festgelegten, aber desto folgerichtiger durchgeführten Beschluß gefaßt haben, fortan judenrein zu bleiben. Nicht nur die sich zur Aufnahme meldenden Juden wurden kurzweg abgewiesen, selbst Täuflingen und Judenstämmlingen wurde der Beitritt verweigert. Höchst charakteristisch ist der Fall eines getauften Bankpräsidenten, der sich troti zweimaliger Abweisung ein drittes Mal zur Aufnahme gemeldet hat und nur infolge Intervention des Ministerpräsidenten, der des mächtigen Finanziers bedurfte, aufgenommen wurde, jedoch nur mit der Mehrheit von einer Stimme. Angesichts dieser Umstände fühlten sich die Juden schwer gekränkt und die Vornehmen der Budapester City riefen das „Leopoldstädter Kasino" ins Leben, zu dessen Präsidenten seibstverständlicherweise ein Nichtjude und zum Vizepräsidenten ein Täufling gewählt wurde. Dieses Kasino, obwohl es zu 99 % aus Juden besteht, opfert jährlich Tausende und Abertausende zur Förderung ungarischer Literatur und Kunst, für jüdische Zwecke hat es nicht einen Heller übrig. Mit der Zeit sind auch minder wohlhabende Elemente in das Leopoldstädter Kasino eingedrungen, was die Geldprotzen und offiziellen Vertreter des Judentums nicht wenig verdroß. Es wurde daher beschlossen, aus den „bessergestellten" Mitgliedern des Kasinos, unter Heranziehung der in ihreni Banne stehenden Nichtjuden, einen besondern Klub zu bilden. Vor wenigen Jahren ist dieser Plan unter dem Namen „Ungarischer Union-Klub" in die Tat umgesetzt worden. In welchem Maße nun die führenden Persönlichkeiten, dieses Kasinos, das auch „Millionärklub" genannt wird, die im öffentlichen Leben, wenn sie es für nutzbringend erachten, sich so gut darauf verstehen, als Vertreter der „intelligenten Juden", wie sie sich auszudrücken pflegen, aufzutreten degeneriert sind, beweist folgende Affäre, die in Budapester gesellschaftliche i und politischen Kreisen sehr lebhaft besprochen wird: In der letzten Zeit wurden vom Baron Emmerich Fejerväry zwei Herren zur Aufnahme in den Unionklub empfohlen, und zwar der ehemalige Reichsratsabgeordnete Ludwig Horänszky und der Bankdirektor Emmerich Vajda. In der Sitzung, in der über die Aufnahme der beiden Herren entschieden werden sollte, prä-idierte der bekannte jüdische Großindustrielle Baron Alexander Hatvany- Deutsch. Horänszky wurde ohne jede Debatte in den Klub aufgenommen. Als jedoch über die Aufnahme Vajdas abgesümmt werden sollte, erhob sich Herr Hitvany-Deutsch und führte aus, daß nach einer geheimen Vereinbarung die Zahl der jüdischen Mitglieder kontingentiert sei und daß nur 44 Prozent der Mitglieder Juden sein dürfen. Wenn diese Zahl vollständig sei, könne ein neues jüdisches Mitglied erst dann aufgenommen werden, wenn ein Sitz durch Austritt oder Todesfall frei werde. Infolgedessen müsse die Aufnahme Vajdas vorderhand in Schwebe gelassen werden. Die Geschichte erhält noch dadurch eine ganz besondere Pointe, daß Vajda schon seit einigen Jahren getauft ist. Während die offiziellen Juden einen derartigen Mangel an Selbstachtung an den Tag legen, wird von Seiten der Regierung eine nichts weniger als judenfreundliche Politik verfolgt. Es ist. in diesen Spalten über die im ungarischen Kultusministerium herrschende judenfeindliche Tendenz schon öfters gesprochen worden. Jedes Wort der im bekannten Artikel „Fernbeben" des Altmeisters Nordau enthaltenen Prophezeiung hat sich bewahrheitet. Durch die in Frankreich .vollzogene Trennung der Kirche vom Staate sind ganze Scharen von Ordensmönchen nach Ungarn gekommen, wo sie von

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