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Die Welt · 1911-04-07 · 14 (7.4.1911) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
14 (7.4.1911)
Date
1911-04-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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das Tatsächliche darstellen, indem man von einem allgemeinen Oberblick ausgeht. Der Materialismus hat auf allen Gebieten des geistigen Lebens versagt und ist aufgegeben worden. Diese These wird man in der Erkenntnis, daß die Grundlage des Materialismus, die darwinislische Mechanik der Deszendenz, ein halber Irrtum war, nicht bestreiten können. Im Ringen nach einem neuen Idealismus ist das Suchen nach Religion vertieft, ja ein wesentliches Moment geworden. Es kann keinem entgehen, daß dies seine Gründe hat in der haltlosen Lage der Bourgeoisie gegenüber dem festgeschlossenen und' wohlorganisierten Proletariat, und weiter in der Tatsache, daß am ehesten auf dem Gebiete der Religion, vermöge der ihr innewohnenden psychischen Mächte, ein Ausdruck der Kollektivseele, ein Stil, sich erreichen lassen müsse. Doch muß es zweifelhaft sein, ob sich dieses Ziel noch erreichen läßt; die Individualpsyche ist mittlerweile zu sehr erstarkt, und eben darum sind alle diese modernen Religionen, die den Gebildeten in Deutschland so eifrig gepredigt werden, „konstruiert". Allein der jüdische Bourgeois hat's gut. Er braucht nicht zu konstruieren; er kann an Historisch-Gegebenes anknüpfen, Alt- Originales mit Neuem verbinden. Nur muß er sich bewußt werden, daß sein Dasein sich an die Leistungen vergangener Generationen anschließt, nur muß er in ihnen das „Alte, das nie altert", erkennen, muß sich das Verständnis dafür, das ihm verloren ging, neu erwerben. Dann erst wird er seiner Sehnsucht entgegengehen, aufrecht, bewußt, stark .... der Typus eines neuen Juden. Solchen Worten folgte der Beifall; solche Anschauungen werden als liberal gepriesen, solchem Ziele wird von liberalen Vorstandsherren volles Einverständnis ausgedrückt. Und wer darf annehmen, daß den Rednern und beifallsfreudigen Herren unbekannt ist, welche Gruppe im Judentum seit mehr als einem Jahrzehnt diesem Ziele zustrebt, und was für Gegner dieser Idee die liberalen Freunde waren? Sie sprechen nur so nebenbei von einer „nationalen" Gruppe, die ohne weitere Bedeutung wäre; sie meinen, daß aus wirtschafilichen Ursachen die Nation zu einem Panier geworden sei, was sehr schwer zu beweisen wäre; denn es sind sozialpsychologische Ursachen, die dies bewirkten. Und wenn es auch wirtschaftliche gewesen wären, — sind sie darum weniger dauerhaft? Wäre die Wirkung dann vergänglicher? Der Idealismus, der höchstes Zweckbewußtsein ist, wird die nackten Tatsachen ja niemals vernachlässigen dürfen. . Und wie man nicht annehmen kann, daß allen jenen die Arbeit, das Ziel, die Leistung der jüdischen Kulturgegenwart fremd sind, so darf man auch nicht glauben, daß ihnen die Tatsachen der Vergangenheit völlig unbekannt wären. Welches waren denn die bewegende Kräfte und Männer, die uns Juden dem Alten-Originalen, das nie altert, entfremdeten, die uns nicht lehrten, das Neue zu assimilieren, sondern es nachzuahmen in jener traurig-lächerlichen „Mimikry", die sich unter Menschen sonst nicht findet? Wo sind denn jene Parteimänner im Judentum, die unter deutsch-nationalem Patriotengeschrei unsern jüdischen Kindern mit den christlichen Festen christliche Zucht aufdrängen und das Streben der erwachsenen Intelligenz nach seelischer Harmonie, ihr Suchen und Drängen zu der. jüdischen Anfängen niederknüttelen? Uni kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Bs wird hier nicht nach der „Schuld" gefragt. Wer einige Einsicht in den Gang historischen Geschehens hat, dem liegt die staatsanwaltiiche Pose fern. Sondern, h er sollte auf diese neue Art liberaler Taktik, hinter welche eine Wandlung sich ankündigt, hingewiesen werden; nicht in der Absicht, die zionistischen Redner „scharf" zu machen, obschon uns auch dies nicht unwesentlich ist; nicht in dem Zweck, für die zionistische Bewegung Mutterrechte an diesem neuen jüdischen Idealismus zu reklamieren; nicht allein in dem Streben, seine Energie in dem taktischen Verhalten des Gegners zu demonstrieren, — sondern es geschah in der Ansicht, daß die Homologie der divergenten Ziele im Judentum notwendig immer giößer und deutlicher werden muß, so daß die Wege der Praxis immer mehr nach gleichen Richtungen streben werden, — und es geschah in der Besorgnis, daß, wenn diese Zeit reift, nicht eine gewöhnliche Kleinigkeit, die sich eigensinnig mit einem stacheligen Zaun törichter Wegvorschriften umgibt, ein gerneinsames Streben und Tun wiederum verhinderte, da doch das Judentum alle Kräfte braucht undüiQ Judenheit zu ihren großen Anstrengungen der Gemeinsamkeit bedarf. o O o ("□□□□□□ o LI--O y FEUILLETON o " □ □ □ □ 1j O r--„ --—~~JJ ö j Jüdische Privatbriefe aus dem Jahre 1619 Von Dr. M. Berkowicz, Iglau *) Die Kulturgeschichte eines Volkes fließt aus verschieden gearteten Quellen. Sie ist nicht allein auf literarische Zeugnisse angewiesen, sondern sie muß auch das Gefühlsleben und die Denkweise des gewöhnlichen, nicht literarischen Menschen in den Bereich ihrer Betrachtungen ziehen, wenn sie uns Menschen als solche und nicht bloß Gesellschaften oder Gemeinden schildern will. Solche Quellen der zweiten Art stehen der jüdischen Geschichtsforschung in hinreichendem Maße zu Gebote, Man denke nur an die nach Tausenden zählenden Sammlungen von Responsen und Rechtsgutachten seit dem Zeitalter der Gaonim, auf die schon Z. Frankel in seinem „Entwurf einer Geschichte der Literatur der nachtalmudischen Responsen" (1865) aufmerksam gemacht hat, die aber leider noch lange nicht gebührend ausgenützt worden sind. Ich möchte daher weiter gehen als die Herausgeber dieser hochwichtigen Publikation und behaupten, daß die Responsen nicht bloß als literarische, für die Öffentlichkeit berechnete Äußerungen des Volkslebens zu betrachten sind. Den theoretischen, profane wie religiöse Fragen betreffenden, halachischen Erörterungen liegen ja schließlich in den meisten Fällen wirkliche Ereignisse, begleitet *) Jüdische Privatbriefe aus dem Jahre i6tq. Nach den Originalen des K. und K. Haus-, Hof- und Staatsarchivs, im Auftrage der Historischen Kommission der Israelitischen Kultusgcmeinde in Wien herausgegeben von Dr. Alfred Landau und Dr. Bernhard Wachstein. Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller 1911. von mündlichen Verhören und wörtlichen Mitteilungen, zugrunde, die uns die intimsten Regungen und die game Art der einzelnen Menschen offenbaren. Uni so höher ist die Bedeutung dieser „Privatbriefe" zu schätzen, denen die Herausgeber mit Recht eine größere Verläßlichkeit in bezug auf die Erkenntnis der Stimmungen und Gefühle der Individuen zuschreiben, als jener noch so genauen „literarischen" Quelle. Es sind Briefe, die an einem und demselben Tage von Prag nach Wien abgeschickt wurden, von einer Gruppe jüdischer Menschen verschiedenen Geschlechts, Alters und Bildungsgrads an eine ebensolche Gruppe von Verwandten, Freunden und Bekannten, also intime Äußerungen, nur für den Empfänger und für niemand sonst in der Öffentlichkeit bestimmt. Der "30jährige Krieg hatb damals begonnen und mag schuld daran sein, daß die Briefe nicht ihr Ziel erreichten. In der Prager Judengasse sind seine Vorboten bereits recht fühlbar: Krankheiten, Teuerung, mßliche Erwerbsverhältnisse und Unsicherheit des Verkehrs. Banges Hoffen und Ängstlichkeit bilden also auch den Grundton der meisten dieser Briefe, und doch sind dies nicht die einzigen Sorgen, die so manchen der Briefschreiber bewegen. Ein Vater z. B. stellt seinen Sohn zur Rede, daß er sich im Hause seines Schwiegervaters dem Handel und nicht (fem Studium der Thora widme. Andere bringen Mitteilung oder verlangen Nachricht über die kleinsten Sorgen des Familienlebens, das von den zärtlichsten Banden der Anhänglichkeit 2*

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