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Die Welt · 1911-04-07 · 14 (7.4.1911) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
14 (7.4.1911)
Date
1911-04-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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308 DIEl^ELT No. 14 auch vielfach materiell in einer günstigem Position befindet und von dem Nebeldunst von Schlagworteil sich berauscht zeigte, die vor 30 oder 40 Jahren eine Berechtigung zu haben schienen, stand diesem Kampfe der östlichen Juden um ihre politischen Rechte teilnahmlos, wenn nicht gar feindselig gegenüber. War doch ureigentlich dieser Kampf um die innerpolitischen Rechte und Vertretungsmöglichkeit als logische Konsequenz aus dem Zionismus erwachsen, der nicht nur ein Zukunfts-, sondern auch ein Gegenwartsprogramm hat. Vielfach hörte man in diesen Kreisen des Westens die kühne Behauptung, daß jüdische Abgeordnete im österreichischen Parlament, die nur Juden und Österreicher sein wollten, eine schwere Schädigung des Judentums bedeuten. Die Ereignisse aber haben gezeigt, daß alle diese Unkenrufe höchstens politischer Unreife, wenn nicht direkt dem Böswillen entsprangen. Gewiß hat man leicht darauf hinzuweisen und zu fragen: Was haben denn die vier jüdischen Abgeordneten (die drei aus Galizien und Dr. St rauch er aus der Bukowina) in diesen vier Jahren österreichischen Reichsrates für das Judentum getan? Darauf ist vor allem zu erwidern, daß es widersinnig wäre, in einem Hause von 516 Mandatsträgern von vier Leuten zu verlangen, daß sie das Haus nach ihrem Willen dirigieren. Und doch haben sie, wie ich meine, unendlich viel getan, sowohl für die Judenschaft in ihrer Gesamtheit als auch für eine bedeutende Zahl für Einzelindividuen. Vor allem sei da auf den gefährlichen Anschlag hingewiesen, der durch die berüchtigte Resolution Schmidt gegen das Lern- und Kulturbedürfnis der Juden geführt werden sollte. Es gelang, diesen Anschlag abzuwehren. Der planvollen Arbeit war es beschieden, einen Zusammenschluß sämtlicher ins österreichische Parlament gewählter Juden zu erzielen, und durch eine Agitation von Mann zu Mann, durch Aufrüttelung des Gewissens wurde es erreicht, daß bei der namentlichen Abstimmung die Resolution Schmidt zu Falle gebracht wurde, wobei als Kuriosum angemerkt sei, daß bei der Abstimmung das ganze Kabinett sich absentierte, um die parlamentarischen Minister vor der Verlegenheit zu bewahren, in dieser Angelegenheit ihr Votum abgeben zu müssen. Wie notwendig jüdische Abgeordnete seien, haben dann wieder gerade die Ergebnisse der letzten Monate gezeigt; in der Schänkerfrage, wobei unter Führung des Jüdischen Klubs tatsächlich die ganze Öffentlichkeit aufgerufen wurde angesichts des vernichtenden Schlages, der gegen Tausende von Existenzen geführt werden sollte, und nicht zumindest beim Hausiergesetz, das nichts weiter war als der Ausfluß des alten Hasses gegen die Juden. Sind also die Erfolge, die in großen parlamentarischen Aktionen seitens des so winzig kleinen Klubs erzielt wurden, nicht gering anzuschlagen, so sind die Leistungen noch unvergleichlich größer, ja entziehen sich vollkommen einer Schätzung, wenn man überblickt, was man als Interventionstätigkeit bezeichnen könnte. Bei den vier, zuletzt durch das Ableben des Dr. Gabel leider nur drei Mandataren des jüdischen Volkes lief so ziemlich der Jammer und das Elend des Judentums von ganz Österreich zusammen. Wo einem Juden ein Unrecht zugefügt wurde, wo er zurückgesetzt wurde, sobald eine jüdische Gemeinde Bedrückung erlitt, war es das Selbstverständliche, sich an den Jüdischen Klub zu wenden, und es konnte uns mit einer gewissen Genugtuung erfüllen, wenn wir sahen, daß üemeinden, die uns vor der Wahl offiziell auf das allerheftigste befehdet hatten, nach der Wahl unsere Intervention in Anspruch nahmen, und wir können uns ruhig das Zeugnis ausstellen, daß wir niemals nach der Gesinnung fragten, wenn es darum ging, erlittenes Unrecht gut zu machen. Man unterschätze nicht diese, fast möchte ich sagen, Kleinarbeit. Sie war für uns nicht nur erschöpfend und aufreibend, sie war auf der andern Seite ebenso segensreich. Daneben hatten wir eine andere große Leistung zu vollbringen, die ich als die erzieherische bezeichnen möchte. Wie viele Orte, ja fast ganze Länder hatte es gegeben, wo man den jüdischen Namen nur mit Scheu und leise aussprach und vom Judentum überhaupt nichts wissen wollte. Dies war nun anders geworden. Wo man, um praktisch zu sprechen, den Kultussaal ohne weiteres einem Redner verweigerte, der über die Interessen des jüdischen Volkes sprechen wollte, da öffneten sich die Türen weit vor den jüdischen Abgeordneten. Und wir können ruhig sagen, daß wir von dieser uns gebotenen Möglichkeit, die Lehre von der jüdischen Nationalität in die breitesten Schichten hinauszutragen, reichlich Gebrauch gemacht haben, und jeder von uns kann eine stattliche Liste aufzählen von Orten, an denen er im Interesse unserer Sache gearbeitet und gewirkt hat. So können denn, so meine ich, wir jüdischen Abgeordneten mit ruhigem Gewissen auf die abgelaufenen vier Jahre zurückblicken. Wenn vielleicht scharfe Kritiker dieses oder jenes oder vielleicht auch sehr vieles an ihrer Tätigkeit auszusetzen finden, so möchte ich ihnen folgendes entgegenhalten. Eine wirklich gerechte Beurteilung ihrer Tätigkeit ist nur möglich bei genauer Kenntnis der Verhältnisse. Wenn, um nur ein Beispiel anzuführen, sich die Öffentlichkeit manchmal fragte, warum hat keiner unserer Abgeordneten zu diesem oder jenem Thema gesprochen, es ist eine unverantwortliche Unterlassung, in diesem Falle zu schweigen, — so sei nur darauf hingewiesen, daß bei der Geschäftsordnung des Parlaments es für den Angehörigen einer kleinen Partei überhaupt ein Kunststück ist, zu Worte zu gelangen, das nicht immer glückt. Das eine wissen wir aber mit Bestimmtheit: Durch die Tätigkeit des Jüdischen Klubs ist der nationale Gedanke speziell im Osten verbreitert und vertieft worden; was vor der Wahl mit Kampf behauptet werden mußte, ist heute zum größten Teile bereits Selbstverständlichkeit geworden. Über die Chancen für die bevorstehende Kampagne ist deswegen schwer etwas zu sagen, weil es sich bei diesen Wahlen stets um eine Stimme handelt und das ist die des Bezirkshauptmannes. Das jüdische Volk hat im Jahre 1907 seine Pflicht getan, es wird sie nicht minder tun im Jahre 1911. Es hat damals nicht gezagt und seinen unerschütterlichen Entschluß bewiesen, durch Männer seiner eigenen Wahl vertreten zu sein, es wird an diesem Entschlüsse festhalten. Und mag auch brutale Gewalt hier und dort die Siegespalme entreißen, das eine wissen wir sicher: Uber einzelne kann man hinwegschreiten, unmöglich aber ist es, in Österreich über das jüdische Volk zur Tagesordnung überzugehen. Die Termine für die Neuwahlen Als Tag Für die Vornahme der Wahlen ist von der österreichischen Regierung der 13. Juni, für die Stichwahlen der 20. Juni

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