Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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-^"V.r^j-^"^ rr v«^9fj<r*1 DIE3KEELT No. 13 296 undsechs Wähler. Denn mehr haben im Hauptwahlkreise Galata und Pera, wo die ganze Hälfte des Medschliß, 30 Mitglieder, zu votieren waren, die Urne ihres Besuches nicht gewürdigt. Wenn diese 30 Medschliß-Männer also gegen den Zionismus protestieren werden, so wird das im Namen der Hunderttausende , . . pardon, ihrer zweihundertundsechs Wähler geschehen. In der ganzen Stadt, alles in allem genommen, haben kaum ein volles Tausend, d. h. etwa 4 Prozent der Wahlberechtigten, so viel Interesse und Kraft bekundet, um einen Wahlzettel abzugeben. Gleichwohl mag das Gewächs, das die Herren Konstantinopeler Gärtner da herangezüchtet haben, sie doch nicht recht befriedigen. Es sind Oppositionelle, Nationalisten, ja — horribile dictu — Zionisten mit hinein gekommen. Seine Eminenz werden auf die Resultate von Ortaköj, von Hasköj und von Kusgundschuk nicht mit Gnaden blicken können. Wie gut, daß diesen rebellischen Vororten wenigstens rechtzeitig die Trense angelegt worden war, indem man — gesetzwidrig zwar, aber was tut's? — ihre Kandidatenziffern dezimierte. Sonst hätte man eine wahre Zionistendämmerung erleben können. Der Konkurs der Firma David Fresco & Fils Wir haben vor einigen Wochen berichtet, daß der „Tiempo" mit Zahlungsschwierigkeiten zu kämpfen habe, und daß die Konkursverhängung im „Ikdam" publiziert worden sei. Hierzu sendet uns Herr David Fresco einen Ausschnitt aus der „Aurore" des Inhalts, daß das Obergericht den Konkurs aufgehoben habe, nachdem die Firma ihren Verbindlichkeiten wieder nachkommt. Da der Zeitungsausschnitt zweifellos echt ist, so nehmen wir keinen Anstand, dem Ersuchen des Herrn Fresco um Ergänzung unserer seinerzeitigen Nachricht Folge zu geben. Palästina Rabbi Jacob Meir— Chachambaschi von Jerusalem Wie die Jerusalemer Blätter berichten, steht es nun endgültig fest, daß Rabbi Jacob Mei r als Chachambaschi nach Jerusalem kommt. Sein Vertrag mit der jüdischen Gemeinde in Saloniki ist im Februar d. J. abgelaufen und wurde nicht wieder erneuert. Es ist jnöglich, daß Rabbi Jacob Meir noch vor dem Pessachfeste die Reise nach Jerusalem antritt. Jerusalemer Chronik Das Frühjahr ist in Palästina die Jahreszeit der Touristen und Pilger. Leider läßt der Besuch des heiligen Landes durch jüdische Reisende trotz der in den letzten Jahren ab und zu veranstalteten Gesellschaftsreisen noch viel zu wünschen übrig und steht hinter dem christlichen Touristen- und Piigerverkehr weit zurück. Die Mehrzahl der europäischen Reisenden in Palästina besteht aus Russen und Engländern. Am 4. d. M. langte eine Gruppe von ca. 1000 Touristen, und einige Tage darauf eine noch zahlreichere Gruppe von mehr als 2000 Personen, meist Engländern und Amerikanern, in Jerusalem an, nachdem bereits eine Woche vorher eine größere europäische Reisegesellschaft unsere Stadt besucht hatte. Infolge des regen Fremdenverkehrs ist das kaufmännische Leben in Jerusalem wieder etwas lebhafter geworden, und auch die jüdischen Handelsgeschäfte, Hotels usw. erzielen beträchtliche Einnahmen, was die gegenwärtig hier herrschende finanzielle Krise einigermaßen mildert. Die durch Mißwirtschaft und unzweckmäßige Geldgebarung hervorgerufene Insolvenz zweier hiesiger jüdischer Wohlfahrtsinstitute, des Altersversorgungsheims und der Jeschibah Torath Chai in, hat schwere wirtschaftliche Schädigungen nach sich gezogen, den Ruin zahlreicher Familien bewirkt und den Kleinkredit in der heiligen Stadt gänzlich vernichtet. Unter dem Eindruck dieser finanziellen Katastrophe hat von neuem eine lebhafte Bewegung eingesetzt, die die Organisierung der aschkenasischen Bewohnerschaft Jerusalems zu einer reg ei rec Ilten Gern einde mit geordneter Verwaltung anstrebt. Gäbe es in Jerusalem eine organisierte jüdische Gemeinde mit einem ordnungsgemäß gewählten Vorstands- und Repräsentantenkollegium (Waad riair — wie e:ne solche Vertretungskörperschaft hier genannt wird), so würde die offizielle Gemeindevertretung die Verwaltung der verschiedenen gemeinnützigen Anstalten in wirksamer Weise überwachen und dem willkürlichen Schalten und Walten einzelner unverantwortlicher Personen ein Ende machen. Frühere Bemühungen nach dieser Richtung hin scheiterten an dem Widerstand der führenden orthodoxen Kreise, insbesondere der Rabbiner. Neuerdings scheint jedoch selbst das aschkenasischeBeth-Din die Notwendigkeit der Wahl eines Waad-Hair eingesehen zu haben. Am 5. d. M. fand in dieser Angelegenheit eine große öffentliche Versammlung statt, die von zahlreichen angesehenen Bürgern besucht war, jedoch nicht zu dem gewünschten Ergebnis führte. Demnächst soll eine zweite größere Versammlung stattfinden, in der auch das Rabbinat vertreten sein durfte, und von der man hofft, daß sie die Modalitäten für die Wahl eines Waad-Hair unter allgemeiner Zustimmung endgültig festsetzen wird. Dieser Körperschaft würde dann wohl auch die Aufgabe zufallen, die Neubesetzung der seit dem Tode R. Samuel Salants vakanten Oberrabbinerstelle der A senke na s im in die Wege zu leiten. Die Jerusalemer Stadtverwaltung hat beschlossen, die Straßen der Stadt mit Asphalt zu pflastern. Der Anfang soll demnächst mit der Asphaltierung eines Teiles der Jaffastraße, nämlich vom Hotel Post bis zum Stadtgarten, gemacht werden. Späterhin soll die ganze Jaffastraße vom Jaffator bis zum Hospital Schaare Zedek und etwa in einem Jahre noch weitere drei Hauptstraßen asphaltiert werden. Rußland Stolypin wieder Premier Die russische Kabinettskrise, die durch die Demission des Ministerpräsidenten P. A. Stolypin hervorgerufen worden war, ist nach dreitägiger Dauer beendet worden. Stolypin zog sein Demissionsgesuch zurück. Sein Semstwoprojekt wurde im Verordnungsweg mit Umgehung der Duma als Gesetz publiziert, Duma und Reichsrat vertagt. Der Dumapräsident Gutschkow hat infolge dieses Vorgehens sein Amt niedergelegt. Die nationalistischen Blätter sprechen ihre Freude über diese Wendung der Dinge aus. Den letzten Meldungen zufolge wird die Auflösung der Duma geplant. Delegiertentag des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands Der Verband der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands hielt am 19. März zu Hannover im Konzerthause seinen ersten Verbandstag ab, der von 96 Delegierten aus allen Teilen des Reichs zahlreich besucht war. Ein Drittel der Delegierten bestand aus Zionisten. Zu der Delegiertenversammlung, die von dem Verbandsvorsitzenden Rechtsanwalt Dr. Apfel-Berlin geleitet wurde, hatten auch andere jüdische Korporationen Vertreier entsandt. Im Namen des Jüdischem Jugendvereins Hannover begrüßte Rechtsanwalt Lichtenberg die Erschienenen und sprach seine Freude darüber aus, daß der erste Verbandstag in Hannover abgehalten werde und daß fast alle großen jüdischen Zentralorganisationen vertreten seien, namentlich auch die Großloge. Landrabbiner Dr. Gronemann entbot der Versammlung den Gruß der jüdischen Gemeinde. Als Vertre'er des Vorstandes und Repräsentantenkollegiums begrüßte Senator Fischer-Linden den Verbandstag. Die Grüße der Großloge für Deutschend überbrachte Herr Abraham söhn. Professor Blumenthai-Berlin berührte als Vertreter des Zentralvereins deuischer Staatsbürger jüdischen Glaubens auch das politische Gebiet. Er wies auf die bevors:ehend-3n Reichstags wählen hin und betonte, die jetzt noch im Reichstag sitzenden 20 Antisemiten müßten hinaus; kein Jude dürfe einem Antisemiten seine S;imme geben, auch nicht in der Stichwahl; sie dürften auch nichts zu schaffen haben mit den Liberalen, die zur Wahl eines Antisemiten aufforderten. Die Juden verlangten nicht Titel und Orden, fuhr der Redner fort, sondern die ihnen durch die Verfassung gewährleisteten Rechte. Nicht dirum wollten sie auch Offizier werden, weil ihnen das etwas Höheres zu sein scheine, sondern weil die Fernhaltung der Juden aus diesem Stande ein Ausdruck der Mißachtung sei, die man ihnen zuteil werden lasse. Er fand weiter sehr scharfe Worte für die Verurteilung des Rinegatentums. Nach weitern Begrüßungsansprachen begannen die Verhandlungen mit der Erstattung des Geschäftsberichts durch Dr. Finkel, Berlin. Der Verband wurde vor anderthalb J ihren in Berlin mit 25 Vereinen und einer Mitgliederzahl von 1295 gegründet und umfaßt jetzt 70 Vereine mit rund 9000 Mitgliedern. Bs wurde ein Verbandsorgan als Monatsschrift gegründet, von dem bisher sechs Nummern erschienen sind; Normalstatuten für die Jugendvereine wurden ausgearbeitet, den Vereinen Bücher und Broschüren für ihre ßibliotheKen überwiesen, hebräische Sprachkurse wurden eingeführt usw. Besonders hervorgehoben wurde im Geschäftsbericht die Förderung der Jugendbewegung durch andere Judenorganisationen. Der Geschäftsbericht wendet sich dann gegen d;e in neuerer Zeit einsetzende Bewegung zur Gründung von liberalen jüdischen Jugendvereinen. Dem Geschäftsbericht folgte eine ausgedehnte Besprechung über alle die Jugendbewegung berührenden Fragen. Die Diskussion um-