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Die Welt · 1911-03-31 · 13 (31.3.1911) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
13 (31.3.1911)
Date
1911-03-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Lebens", aus dem Nachlasse des Verfassers herausgegeben von Rabb. Dr. C. Seligmann (1910; VII u. 157 S. 8°). Es ist ein Buch ohne einheitlichen Plan, ohne systematische Anlage und ohne gleichmäßige Ausführung, dem nur durch die Kapitelüberschriften und künstlich konstruierte Übergänge der Schein einer organischen Verbindung gegeben wird. Und das ist nicht sein einziger und nicht sein schlimmster Fehler. Stein ist bekannt als Wortführer der Reformbestrebungen, als Vorkämpfer jener Entjudaisierung des Judentums, die man früher lediglich vom religiösen Standpunkte aus bekämpfte, heute aber auch aus jüdisch-nationalen Gründen verwerfen gelernt hat. Trotz des Untertitels „Die Weisheit der Rabbinen", den das Buch führt, mußte man doch mit der Möglichkeit rechnen, daß auch hier jene Bestrebungen zum Ausdruck gelangen werden, denen der Verfasser seine wissenschaftliche Begabung, seine rhetorische Fähigkeit und seine ganze Arbeitskraft gewidmet hat. Das trifft denn auch bedauerlicherweise zu. „Die Weisheit der Rabbinen" finden wir in Kapitel I—V und X—XII. Mit kundiger Hand reiht hier der Verfasser Perlen aneinander, die er au> den Tiefen des rabbinischen Schrifttums heraufholt, erhabene und erhebende Lehren der Moral und Sitte, kernige Sprüche der Weisheit, herrliche Bilder und Gleichnisse, die er aus Mischna, Talmud und Midrasch schöpft. Beachtet man, wie er oft durch einen geschickt gewählten Ausdruck in der Obersetzung, durch eine Frage, die im Original lose aneinandergereihte Sätze verbindet, durch ein Wort der Erklärung, das er einfiicht, den Gedanken klar hervortreten läßt, dann sieht man es dem Verfasser nach, wenn er zuweilen eine Ungenauigkeit sich zuschulden kommen läßt (z. B. S 11 Nr. 42, wo der Blinde dem Lahmen auf den Rücken steigt!), oder mit einer erklärenden Bemerkung zurückhält, wo sie zur Vermeidung irrtümlicher Auffassung nötig wäre (z. B. S. 14 Nr. 60: Mache deinen Sabbat zum Werktage). Die Kapitel Vi —IX, die zwei Drittel des Buches umfassen, enthalten eine „Würdigung der göttlichen Lehre und Gebote", wie sie dem Verfasser „im Lichte einer klaren und lautern Auslegung erscheinen". Hier muß die Weisheit der Rabbinen derjenigen des Verfassers weichen; hier verspüren wir deutlich den Hauch der „Sturm- und Drangperiode"t in welcher das posthume Werk entstanden ist; hier werden wir mit Predigtskizzen und Predigtfragmenten gespeist, mit Ideen und Schlagworten, die in den Zeiten des Reformruminels auf der Tagesordnung waren und uns nur ein mitleidvolles Lächeln abringen; hier sehen wir falsche Schlüsse aus mißverstandenen historischen Erscheinungen (z. B. S. 75 angebliche Mißachtung der Agada und ihre Folgen); hier finden wir langatmige Ausführungen über fernliegende Themata, die nur herbeigezerrt zu sein scheinen, damit der „religiöse Liberalismus" zu Worte komme (z. B. S. 60 der lange und breite, aber nicht tiefe Exkurs über Akeda, Opfer und Opfergebete); hier haben wir ein eigenartiges Gemisch von ernster Belehrung und hohlem Phrasengeklingel, von Polemik und Apologetik, von Tiefdurchdachtem und Oberflächlichem, von Richtigem und Verkehrtem, von Vernünftigem und Naivem, von poetisch Schönem und prosaisch Alltäglichem. Wer Wahres von Falschem zu unterscheiden versteht, der mag das Buch immerhin zur Hand nehmen und genießen, was er darin Schönes und Nützliches findet; wie es aber der Herausgeber als „ein frommes Erbauungs- und ein angenehm belehrendes Jugendbuch" bezeichnen kann, ist mir ein Rätsel. Die „Weisheit der Rabbinen", die hier ein Rabbiner als Etikette für die Erzeugnisse des eigenen Geistes gebraucht, lenkt immer mehr und mehr das Interesse auch christlicher Gelehrter auf sich. Es sind zunächst die Lehrsätze der Tannaiten, denen sie aus ieicht begreiflichen Gründen ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Der fleißige und gründliche Prof. D. Dr. Herrn. L. Strack hat der 1909 bei J. C. Hinrichs in Leipzig erschienenen zweiten Auflage seiner Bearbeitung des Mischna-Traktats Abodazara (20 und 31 S. 8°) die Mischna-Traktate San hedrin-Makkoth folgen lassen (Leipzig, Hinrichs, 1910; 60 und 56 S. 8°). Der Mischna-Text ist nach Handschriften und für die Textkritik wertvollen Druckausgaben hergestellt, vokalisiert und mit Fußnoten versehen, die eine reiche Variantenlese enthalten; die Übersetzung ist klar, der Sinn überall auch dem Laien verständlich, was dort, wo die knappe Sprache des Originals es erfordert, durch Zusätze in runden Klammern bewirkt wird; die Anmerkungen zur Ubersetzung enthalten kurze Erklärungen und allerlei nützliche Nachweise. Durch ein „Vokabular" wird das Studium des hebr. Originals erleichtert. Strack hat eine ausgezeichnete Arbeitsmethode, und da er die Materie gut beherrscht und dort, wo das richtige Verständnis ohne ein tieferes Eindringen in die oft sehr verwickelte talmudische Diskussion nicht möglich ist, gerne bei jüdischen Gelehrten sich Aufschluß und Rat holt, wird seine Arbeit den Kreisen Nutzen bringen, für die sie berechnet ist. Weniger befriedigend ist „Sanhedrin und Makkoth, ins Deutsche übersetzt und unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zum neuen Testament mit Anmerkungen versehen von Lic.Dr. G. Hölscher" (Bd. 6 der von P. Fiebig herausgegebenen „Ausgew. Mischnatraktate", Tübingen, J.C. B. Mohr, 1910; VIII und 143 S. 8°). Mit ungenügender Sachkenntnis ausgestattet, begnügt sich der Verfasser nicht mit der engbegrenzten Aufgabe, die er sich nach dem Wortlaut des Titels gestellt hat; er wagt auch Ausflüge in das Gebiet der literarischen Kritik und bereitet sich selbst Verlegenheiten und Gefahren. Wie oberflächlich seine Kritik ist, mag ein Beispiel lehren. Er will (S. 6) beweisen, — was übrigens keines Beweises bedarf, — daß die Mischnaredaktoren ihre Hanptquellen gewöhnlich nicht zitieren. Ein Beweis liegt nun, wie er meint, in Sanhedrin I, 1 vor, wo ein Lehrsatz anonym angeführt erscheint, der in III, 1 wiederkehrt und hierR. Meir beigelegt wird. Nun wird aber R. Meir in I, 1 ausdrücklich als Autor erwähnt, und in III, 1 handelt es sich gar nicht um denselben Lehrsatz; an der einen Stelle wird gelehrt, daß Zivilprozesse durch ein Dreirichterkollegium geschlichtet werden, an der andern wird darüber verhandelt, wie dieses Kollegium zusammenzusetzen ist! Wie mangelhaft der Verfasser die Materie beherrscht, zeigt sich ganz besonders in den. vielen „Widersprüchen", die er in der Mischna entdeckt und die ihn eigentlich an die Unzulänglichkeit seines Wissens mahnen sollten; wie sagt doch ein altes Sprichwort? piNn DV JEtfpD DPiD! Hier ein Beispiel für viele: S. 9 und 81 Anm. 4 findet er einen Widerspruch zwischen Sanhedrin VI, 5 und 6, weil er nicht allein den Sinn der Worte -iKQn ^yfß unc* iDIpDD/ sondern den der ganzen Mischna 6 gründlich verkannt hat. Freilich hätte — wenn schon der Talmud dem Verfasser ein Buch mit sieben Siegeln ist — ein Blick in die Mischna von Ho ff mann oder Strack genügt, um ihn auf den geraden Weg zu führen. Aber er ist mißtrauisch und benützt seine Vorgänger nicht, um von ihnen zu lernen, sondern um sie zu kritisieren, — denn er schwingt das Schwert der Kritik mit harter Strenge. Was dabei herauskommt? Böcke, nichts als Böcke. Auch hierfür von zahlreichen Beispielen nur eines: In der Tatsache, daß Ende Sanhedrin und Anfang Makkoth von falschen Zeugen gehandelt wird, finden Hoffmann und Krauß einen Beweis für die Tradition, daß die beiden Traktate ursprünglich zusammengehörten. Dem widerspricht der Verfasser; „man scheint" übersehen zu haben, daß es nach dem Sanhedrin-Schlusse nur einen Fall gegeben habe, in dem die falschen Zeugen nicht nach dem jus talionis bestraft wurden, während Anfang Makkoth eine Reihe weiterer Fälle dieser Art aufgezählt werden, — also ein offener „Widerspruch"! Und was hat Verfasser übersehen? Die Ausführung des Talmud Makkoth fol. 2 a, wo die beiden Mischnajoth zueinander in Beziehung gebracht und im Zusammenhang schön und richtig erklärt werden. Wer die Mischna kritisieren und andern vermitteln will, der wird eben mit einem halben Dutzend Wörterbücher allein nicht fertig werden; dazu gehört viel mehr und nicht zuletzt die Fähigkeit, sich im Talmud einigermaßen zurechtzufinden. In diesem Zusammenhang sei noch die Arbeit eines jüdischen

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