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Die Welt · 1911-03-31 · 13 (31.3.1911) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
13 (31.3.1911)
Date
1911-03-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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fto. 13 DJEä^KELT 287 mit pädagogisch geschärftem Blick die Materie studierten, auf Mitteilungen von Kolonisten, die jedoch, in Vorurteilen befangen, zu einer objektiven Betrachtung dieser speziellen Frage nicht gelangen konnten, auf meine Beobachtungen an 13—17 jährigen jungen Leuten, die sowohl in den jüdischen Kolonien wie auch in Jerusalem und Jaffa Unterricht genossen haben. Theodor Herzl in ein i in seinem . Judenstaat, daß dieser in der beneidenswerten Lage sein werde, die Errungenschaften der Kultur und der Zivilisation auf seinen jungfräulichen Boden zu verpflanzen, ohne die Kämpfe ausfechten zu müssen, die den Sieg der höhern Lebenswerte reifen ließen. Auf allen wirtschaftlichen Gebieten mag tatsächlich diese Ansicht, wenigstens zum Teil bei der Kolonisation Palästinas, in die Tat umgesetzt worden sein. Nur die Fragen der Erziehung werden m. E. doch nach einer Methode gelöst, wie sie nur in Osteuropa noch rückständiger ist. Nach dem Prinzip der Individualitätspädagogik wird die Erlangung gewisser Kenntnisse, die einzig auf dem Gebiete der rein geistigen Funktionen liegen, event. noch die Entwicklung des Charakters, eine Vokabel, die mit den Begriffen „konsequent" und „konservativ" eine fast hinreichende Erklärung finden kann, als letztes anzustrebendes Ziel gesetzt. Die nachteiligen Folgen eines solchen Erziehungssystems werden in allen Staaten, die ihm huldigen, recht deutlich vor Augen geführt: Das praktische Leben als solches, das Geschmeidigkeit, Anpassungsfähigkeit, rasches, ja blitzschnelles Erfassen aller Situationen, die Fähigkeit zu rationeller Ausnützung derselben kategorisch verlangt, steht späterhin in den weitesten Schichten der werktätigen Bevölkerung in direktem Kontrast zu den erworbenen Kenntnissen. Wir aber müssen dann nochmals von vorne anfangen und in die sog. Schule des Lebens gehen. ^\b>er weiter: der Arbeiter, der eine Maschine bedienen soll, der Handwerker, der mit Geräten zu hantieren hat, der Bauer, der hinter dem Pfluge einhergeht, sie alle werden meistens zum Sklaven des Gegenständlichen, denn das Metier materialisiert den Geist, anstatt daß der Geist die Materie durchdränge. Dies sollte aber die Aufgabe jeder sozialen, subjektivistischen Pädagogik sein: ihre ganze Kraft darauf zu verwenden, schon durch die erste Erziehung (von der Mutterschule, dem Kindergarten an) eine Vergeistigung der Materie anzubahnen, eine Brücke zu schlagen von der Hand, die Spaten, Nadel, Hobel und Maschine lenkt, zum Geist, oder sagen wir besser, dem Bewußtsein des Arbeiters. Die Herrschaft des Geistes, der nicht an die prüfende Möglichkeit der gestaltenden Hand gewöhnt ist, wird leicht tyrannisch, undiszipliniert und fällt daher von einem Extrem in das andere. Der Deutsche und der Jude belegen diese Behauptung. Unrealisierbareldeen, nicht zur Wirklichkeitsgestaltung gelangende, an den Klippen des praktischen Lebens lautlos zerschellende Phantastereien zeichnen beide Völker zu ihrem Vor- und Nachteil aus; in jener Domäne geistiger Betätigung, in welcher der Phantasie freier Spielraum zu ki;uier Entfaltung gelassen wird, in Philosophie und Kunst, leisten beide Völker Hervorragendes. In letzterer ist es wieder nicht das plastische und zeichnende Können, als vielmehr das Stimmungsmoment, das sich in Dichtung und Musik, auch in der impressionistischen M lerei auswirkt. Ein Beisp'j gereifter sozialer Erziehungskurist bietet Amerika. Nicht mehr Wissen, Können gilt dort als Macht; nicht der, in ein Netz von weltabg .chiedenen Philosophemen eingesponnene Denker; der praktische Mann erklimmt im Lande der unmöglichen Möglichkeiten die steilen Höhen gesellschaftlicher Hochachtung. Die Demokratisierung eines Staates hat nach der nicht ganz unrichtigen Ansicht eines Weltanschauers auf dem Ministersessel zur Folge, daß die allgemeine Richtung des Geistes einer Verflachung anstatt einer Vertiefung ausgesetzt ist. Dieser Satz, für deutsche Verhältnisse, vielleicht auch für die Juden von einzuschränkender Richtigkeit, ist auf .ein Volk, das sozialwirtschaftliche Erziehungsmethoden kennt, wie Amerika, England, Schweden, Dänemark und Finnland, durchaus unanwendbar. Die soziale Pädagogik erstrebt einerseits, das Kind für das wirtschaftliche Milieu zu erziehen, in welchem es aufgewachsen ist, alle Faktoren der Methodik dem Anschauungskreis der Umgebung zu entnehmen, eine Durchgeistigung, eine begriffliche Erfassung der tagtäglichen Erfahrungen anzubahnen; anderseits sucht sie dem Kinde eine derart weitschichtige Vorbereitung in allen manuellen und geistigen Fertigkeiten zu vermitteln, daß sich der gereifte Mann, das erwachsene Mädchen in jeglicher Lebenslage zurechtfinden kann. D e Erziehungskunst bleibt so lange eine individuelle, rückschrittliche, wirtschaftlich korrumpierende, als sie nur den Interessen des Geistes dient, ohne die Hand zu bilden, ohne manuelles Können in den Dienst der Pädagogik zu stellen. Es kommt gerade für die jüdische Jugend darauf an, derselben von den Kindesbeinen an die werktätige Arbeit im Licht geistiger Verklärung darzustellen. Nicht wer die Scholle bebaut, wer die ihr innewohnenden Gesetze kennt, den ursächlichen Zusammenhang zwischen seiner Hände Arbeit und den Früchten, die er erntet, versteht, kann den Heimatboden lieben und in seiner Tätigkeit innere Befriedigung, wahres Glück finden. Soweit mir immer die jüdischen Schulen in- und außerhalb Palästinas bekannt sind, vermitteln dieselben ein Maß von theoretischen Kenntnissen, das von den oben skizzierten Gesichtspunkten aus betrachtet pessimistisch stimmen kann. Was nun die rein praktische Seite dieser Erörterungen betrifft, so halte ich es nach Lage der Verhältnisse nicht für richtig, die Handfertigkeiten in den Lehrplan der Schule aufzunehmen. Es läßt sich eine Schule nicht mit einem Schlage von einer Lernin eine Arbeitsanstalt umwandeln. Viel richtiger verbindet man den manuellen Unterricht mit Horten, Institutionen, welche dazu dienen, der Jugend in der freien Zeit ein gemütliches, ihrer geistigen und körperlichen Betätigung tunlichst freies Spiel lassendes Heim zu bieten. „Heimstättenunannte ich in einer andern Veröffentlichung dieses Gedankens solche Einrichtungen und brachte sie mit den Kindergärten, die dank dem Hilfsverein der deutschen Juden auch in Palästina zu schöner Blüte gelangt sind, in Verbindung. Ich habe schon einmal dargetan, wie eine solche Heimstätte unsere Individualschule zu einer sozialen Institution stempeln würde, wie sie dazu dienen könnte, alle Wohlfahrtseinrichtungen, die sich auf unsere Jugend erstrecken, in sich zu vereinen, unter einem einheitlichen, was jedoch am wichtigsten ist, einem pädagogischen Gesichtspunkte zu betrachten, welche Wege sie einzuschlagen hätte, um der drohenden Gefahr einer Massenerziehung zu begegnen, vue die Realisierung dieser Idee selbst in pekuniärer Hinsicht zu gestalten wäre, wie sie auch auf die Erziehung unserer Mütter einzuwirken imstande ist. Doch wäre unbedingt zu fordern, daß der Handfertigkeitsunterricht (das Modellieren, Fröbel-, Papp-, Spaltholz-, Naturholz-, Hobelbank-, Schmiede- und Metallarbeiter vor allem selbständige, systematische Gartenarbeit verbunden mit Zimmerblumenschmuck) in den Grenzen des Schulmäßigen bleibe, die Lernanstalt tatsächlich erweitere, allein dem Gedanken der sozialen Erziehung diene, nicht Fachunterricht und damit Selbstzweck werde. Dieser soll vorherrschend sein, wenn es gilt, die sozialpädagogischen Fragen der schulentlassenen Jugend kurz zu skizzieren. Diese muß eine berufliche Ausbildung genießen, ohne daß dabei eine Einwirkung auf die geistig-idealen Faktoren auszuschließen ist. Als Exempel wähle ich den landwirtschaftlichen Beruf als den für Palästina wichtigsten, werde jedoch die Erziehung zum Handwerk gegen das Ende meiner Ausführungen streifen. Dr. Franz Oppenheimer meint, daß es in Palästina nicht an Bauern mangele, daß jedoch Landwirte, tüchtige Agronomen, dortselbst zu zählen wären. Der Bauer unterscheidet sich vom Landwirt nicht nur dadurch, daß letzterer theoretische Kenntnisse besitzt, die ersterrn nicht eigen sind; der Landwirt kennt vor allem eine intensive Betriebslehre, verwaltet seinen Boden einerseits nach den Grundlagen moderner Erfahrung, zu deren Gewinnung er die Disziplinen der Naturwissenschaften heranzieht (dies wäre die theoretische Durchgeistigung der Arbeit); anderseits erstrebt er durch Übertragung der kaufmännischen Methode auf seine Tätigkeit eine peinliche Ordnung in allen Zweigen seines Betriebes (wodurch ein ganz neues, die Rentabilität einer Wirtschaft erst ermöglichendes Element hinzukommt). Der Bauer wirtschaftet nach bestem Wissen und Können, in kommerzieller Hinsicht ins Ungewisse und Blinde hinein. Selbst die Nebenzweige der Landwirtschaft, wie Imkerei, Fischerei, Geflügelzucht, können nur dann rentabel sein, wenn positives Wissen auf diesen Gebieten mit genauester Buchführung Hand in Hand geht. Auch bei der Erziehung der palästinensischen Landjugend muß es als Ziel gelten, die Verbindung zwischen Geist und Materie herzustellen, nur mit dem Unterschiede, daß hier der Weg ein entgegengesetzter sein muß, als bei der Volksschulfrage, Während bei letzterer zur Lernschule die Heimstätte als Arbeitsanstalt hinzutreten soll, muß die Fortbildungsschule die Vermittlung von theoretischem Wissen mit dem praktischen Können eines modernen Landwirts anbahnen. In jeder grö[3ern Kolonie wäre es demnach anzustreben, entweder durch Abendstunden oder durch Unterrichtskurse in der landwirtschaftlich stillen Zeit (ähnlich den deutschen Winterschulen) diese Aufgabe zu erfüllen. An Disziplinen nenne ich nur: allgemeiner Acker- und Pflanzenbau, Tierzuchtlehre, Fütterungslehre, Düngerlehre, landwirtschaftliche Maschinenkunde, Geflügel- und Bienenzucht, Fischerei, Obst- und Gemüsebau, landwirtschaftliche Chemie und Physik, Geologie, Botanik und Zoologie, Versicherungs-, Kredit-, Bank- und Genossenschaftswesen, Buchführung und Formularkunde, Bürgerkunde, Handelsgeographie, Gesundheitslehre. Des fernem: praktische Arbeiten an der Zug- und Hobelbank, in der Schmiede, Naturholzarbeiten als fieimatkunst, praktische Tätigkeit im Illustrationsfeld und -Garten, welche das Anschauungsmaterial zu liefern hätten. Ein derartiger mehrjähriger Kursus würde auch den Bestrebungen der Versuchsstation ein günstiges Keimbett sein. Wenn dann letztere 2*

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