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Die Welt · 1911-03-31 · 13 (31.3.1911) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
13 (31.3.1911)
Date
1911-03-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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zusammenkommen sollen. Dies ist bei weitem der schwerste Kampf des Hebräischen, der freilich im Lande Israel viel geringer als irgendwo in der Fremde ist. Aber auch in andern Ländern macht das Hebräische große, dauernde Fortschritte. Die Aufnahme, die die Organisation für hebräische Sprache undKultur (Histadrut ibrit) in Rußland und Galizien mit ihren Zielen und Arbeiten gefunden hat, beweist den Fortschritt der Sprache und Sprachbestrebungen auch in diesen Ländern. Hier, wo eine große hebräische Schriftkultur neben der jüdischdeutschen Volkssprache einhergeht, wo ein Jahrhundert hebräischer Literaturblüte hinter uns liegt, wo heute in Bialik ein Dichter erstanden ist, der zu den großen Dichtern der Weltliteratur gerechnet werden darf, hat unter dem von Palästina ausgehenden Einfluß ebenfalls eine Bewegung begonnen, das Hebräische neben und über dem Jüdischdeutschen als Umgangssprache und Familiensprache besonders der heranwachsenden Jugend einzuführen. Hier sind wir noch viel mehr am ersten Anfange einer Entwicklung. Das Jüdischdeutsche, das bereits von den Landessprachen stark in seinem Bestände bedroht wird, richtet seinen Abwehrkampf merkwürdigerweise weniger gegen diese als gegen das Hebräische. Nun liegt ja eine gewisse Gefahr darin, daß auf lange Zeit hinaus das Hebräische nur neben einer andern Sprache, meist neben zwei andern, sich wird halten können. Denn außer dem Verkehr mit Volksgenossen, die Jüdischdeutsch als Muttersprache sprechen, ist der Jude auf die Kenntnis der Landessprache angewiesen. Aber die iWehrsprachigkeit hat auch ihre Vorteile. Sie schult den Geist und gibt eine gewisse Leichtigkeit in der Übertragung von Gedanken. Aber wahrhaft gefährlich für den Bestand des Volkstums der Juden ist die Art der Zweisprachigkeit, wie sie heute schon in Rußland bei den Juden in die Erscheinung tritt. Heute spricht die Masse Jüdischdeutsch und hat Hebräisch als Kultursprache. Aber die Kreise, die sich durch Reichtum oder Bildung aus der Masse emporheben, vertauschen das Jüdischdeutsche mit dem Russischen und Polnischen und zerreißen damit den geistigen Zusammenhang zwischen sich und der jüdischen Masse. Diese bleiben zum großen Teile unter den alten Einflüssen, während sie selbst, auch wenn sie jüdischnational sind, durch die Sprache vom Judentum losgelöst sind und im Russentum oder Polentum enden müssen. Dazu kommt, daß der auf seine Geschichte und Volkswürde stolze Jude nichts mehr verachten kann, als daß Juden, intelligente Juden, sich dazu herbeilassen können, ihre immerhin jüdische Mundart gegen die Sprache der Pogromhetzer einzutauschen. Gegenüber den bisherigen Tendenzen in Rußland, die doch immer nur zu einer Abbröckelimg vom Judentum geführt hatten, gegenüber dem mächtigen Fortschritt in der Zerstörung jüdischen Kulturlebens unter der jetzigen russischen Gewaltherrschaft ist es von besonderer Bedeutung, daß die lebendige hebräische Umgangssprache in Rußland Fortschritte macht, wie man sie vor einem Jahrzehnt noch nicht einmal ahnte. Selbst in Deutschland, von wo die Zerstörungsarbeit am Hebräischen als der Schriftnnd Kultursprache des jüdischen Stammes ausgegangen war, sind in jüngster Zeit im Anschluß an die nationaljüdische Bewegung der Zionisten die ersten Keime zu einer Neubelebung des Hebräischen als der nationalen Sprache Israels gemacht worden. Gewiß sind die Kurse im Verhältnis zu der zu leistenden Arbeit gering, ja verschwindend klein; in kaum mehr als einer deutschen jüdischen Familie sprechen die Kinder Hebräisch als ihre Muttersprache, kaum mehr als ein Klub existiert unter einheimischen Juden, in dem man den Versuch macht. Hebräisch zu stammeln. Aber doch ist überall die Tendenz bemerkbar, das Hebräische erlernen zu wollen. Dieses Bedürfnis ist viel größer als die Mittel zu seiner Befriedigung. Wenn freilich die vorhandenen Lehrkräfte und Lehrmittel keineswegs ausreichen, so ist doch der lebendige Wunsch eines großen Teiles der heranwachsenden Jugend nicht zu verkennen, die Sprache der jüdischen Geschichte kennen zu lernen und sie wieder sprechen zu wollen. Das ist gewiß erst der Anfang eines Anfanges. Aber es ist bereits etwas Ungeheures dadurch erreicht, daß in dieser Beurteilung nicht mehr das Maß der Bildung im umgekehrten Verhältnis zu der Kenntnis des Hebräischen stehen muß. So erwacht allenthalben das Hebräische zu neuem Leben. An allen Orten, wo es Juden gibt, machen sich die Keime erster hebräischer Arbeit wieder bemerkbar. Was aber ein Volk in mehr als anderthalb Jahrtausenden vergessen und verlernt hat, das kann es natürlich nicht in anderthalb Jahrzehnten einholen. Aber das Hebräische hat ein neues Leben begonnen. Es hat bewiesen, daß es nie tot war und daß es aus seinem tausendjährigen Schlaf erwacht. Das Zauberland, das es zu neuem Wirken erweckt hat, ist dabei dasselbe Land, das auch dem Volke der Juden die neue Regsamkeit verliehen hat, das Stammland von Volk und Sprache, das Land Israel. Das Problem der Erziehung der jüdischen Jugend, speziell in Palästina Von Alfred Gordon, Schwelm Wer sich der Erziehung der jüdischen Jugend widmet, arbeitet für die Zukunft des jüdischen Volkes. Im sozialen Leben kommt daher dem Erziehungsfaktor eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Eine Nation wie wir Juden, die wir nicht mehr gewillt ist, von den Kapitalien einer noch so ruhmreichen Vergangenheit zu zehren, deren intensivste Arbeit weniger der flüchtigen Gegenwart, als einer gesunden, sichern Zukunft gilt, müßte die Fragen der sozialen Pädagogik in den Brennpunkt der Erörterungen stellen. Ich sage absichtlich die Fragen der „sozialen Pädagogik" in dem Sinne, in welchem der junge Pestalozzi diesen Begriff verstanden hat, und setze mich damit in bewußten Gegensatz zu den Bestrebungen der individuellen Pädagogik, deren"Grundsätze sich durchaus nicht mit der berechtigten Forderung individueller Erziehung decken, letztere oft sogar vollständig in den Schatten stellen. Wer die Seele eines Volkes kennt, wer den lebenbeweisenden Zuckungen und Ekstasen eines sozialen und nationalen Körpers nicht verständnislos gegenübersteht, wird mir beipflichten müssen, daß es bei der Erziehung der jüdischen Jugend im allgemeinen, der palästinensischen Jugend im besondern heute weniger darauf ankommen muß, der individuellen Entwicklung des einzelnen Kindes Rechnung zu tragen, als vielmehr durch die Erziehung dem nationalen Organismus in wirtschaftlicher Hinsicht ein starkes Rückgrat zu verleihen, den Einzelmenschen in der Richtung als Subjekt, als Teil einer großen Masse zu betrachten und demgemäß zu behandeln. Ich bemerke, daß ein pädagogisches System, das dem Prinzip des wirtschaftlichen Subjektivismus huldigt, viel mehr den individuellen Anlagen und Neigungen zur richtigen Auswirkung verhelfen wird, eine vollständige Entfaltung aller dem Kinde innewohnenden Krähe ermöglicht, mithin individueller ist als die moderne Individualpädagogik. Nicht unerwähnt lassen möchte ich, daß ich die Schulverhältnisse in Palästina nicht aus eigener Anschauung kenne; ich stütze mich im einzelnen auf die Nachrichten von Palästinareisenden, die

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