Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 13 (31.3.1911)
- Date
- 1911-03-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 13 — -=DIE^ ersten Versuche an, die im Lande Israel die hebräische Sprache als lebendige Mundart nicht bloß in der Schrift, sondern im täglichen Umgang pflegten. Wie jede Neuerung, die dem Fortbestande des Judentums dienen soll, so wurde auch die neuhebräische lebendige Umgangssprache aufs heftigste bekämpft. Die Fanatiker der alten Qhettoüberlieferung, besonders in Jerusalem, sahen in ihr vor allem eine Entweihung der „heiligen Sprache". Hinzu kam die Gehässigkeit gegen Ben-Jehuda, der ihrer Gläubigkeit schroff gegenüberstand und im Kampfe gegen sie immer noch schroffer und ablehnender gegen alle überlieferten Formen und gegen die überkommenen Anschauungen wurde. Dazu kam ihre Meinung, daß das Jüdischdeutsche die jüdische Sprache sei. Sie sahen in ihr die gottgewollte Überlieferung, da sie ihren Ursprung überhaupt nicht kannten. Nicht minder feindlich waren aber die Feinde jüdischer Eigenart, besonders im jüdischen Lager. Assimilation ist ja nichts weiter als die Übertragung der Feindseligkeit gegen alles Jüdische von der judenfeindlichen Umgebung auf die Juden selbst. Die Juden, auf dem Wege aus dem Judentume heraus begriffen, sahen und sehen die gottgewollte Abhängigkeit von andern Völkern für ,,eine Mission4', also für einen Auftrag vom lieben Gott selber an. Danach ist sie ein Teil der nationalen Aufgabe des jüdischen Volkes, dem sie aber zugleich die Existenz und nationale Eigenart absprechen. Diese Feindschaft des Hebräischen ist ein Teil der von dernichtjüdischen Umgebung auf die Juden übertragenen Feindschaft gegen alles Jüdische. Diese Feindlichkeit hatte früher schon dazu geführt, daß die Juden begannen, das Hebräische in ihren Gottesdiensten durch die Landessprache, insbesondere durch das Deutsche, zu verdrängen. Dann aber kam sie darin zum Ausdruck, daß bei der Abfassung des Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuches der Artikel 32 Abs. I aufgenommen wurde, der auch als §43 Abs. I in das jetzt gültige Handelsgesetzbuch seine Aufnahme gefunden hat und der also lautet: ,,Bei der Führung der Handelsbücher und bei den sonst erforderlichen Aufzeichnungen hat sich der Kaufmann einer lebenden Sprache und der Schriftzeichen einer solchen zu bedienen/' Dieser Paragraph war dem Mißtrauen und der Feindseligkeit gegen die Juden entsprungen. Die Kommission hat ihn angenommen „unter der Anerkennung, daß die hebräische Sprache nicht zu den lebenden zähle"*;. Damit setzte sich die Kommission zwar in einen scharfen Gegensatz zu den Tatsachen, aber sie vertrat den Standpunkt, der überhaupt dem Paragraphen sein Dasein verschafft hat, den Juden im deutschen Sprachgebiet die Führung ihrer Handelsbücher in hebräischer und jüdischdeutscher Schrift und Sprache' unmöglich zu machen. Der Versuch der Juden, sich den Anschauungen der umwohnenden Völker anzupassen, veranlaßt sie logischerweise, die dem Judentum feindliche Richtung dieser Umgebung in sich aufzunehmen und sie zu äußern. Daher die heftige Feindschaft solcher Juden gegen das Hebräische schon als Gebetsprache, geschweige denn als Umgangs- und Unterrichtssprache. Daher setzt die jetzige Verwaltung der ursprünglich in nationaljüdischem Geiste gegründeten Alliance Israelite Universelle dem Hebräischen als Schillsprache solche Feindschaft ent- *) Beachte Bruno Blau: Die hebräische Sprache und Schrift und § 43 des Handelsgesetzbuches (in „Der Jüdische Student", Monatsschrift, Jg. 1, 1902 03, Seite 37—41). ^ELT - - 285 gegen. In demselben Sinne hat der neugegründete Hilfsverein der deutschen Juden, der zuerst grundsätzlich nicht jüdischnational sein wollte, die besondere Pflege der neuhebräischen Unterrichtssprache in sein Programm aufgenommen, nachdem er sah, daß diese Pflege des Hebräischen seinen deutschen Tendenzen ebenso günstig wäre, wie er sich selbst mehr und mehr in positiv jüdischem Sinn entwickelt hat. Das Neuhebräische als moderne Umgangssprache hat zuerst in Jaffa Fuß gefaßt. Da ist das Reth Szefer "Ibri in Jaffa von besonderer Bedeutung. Dann griff es in die Kolonien' über. Jetzt dringt es endlich allgemeiner in Jerusalem ein, nachdem Ben-Jehuda jahrzehntelang in der Stadt selbst fast allein gestanden und seine Anhänger und Nachfolger in Jaffa, Safed und den Kolonien gefunden hatte. Überall im ganzen Lande bilden sich kleine Anfangszentren hebräischsprechender Juden, die als Familien- und Umgangssprache das Reden anderer Sprachen ablehnen. Zu den Gegnern des Hebräischen gehörten auch die Kreise junger Leute aus Rußland, die im Hebräischen aristokratische Bestrebungen erblicken wollten. Das Hebräische war ihnen die Sprache der Bourgeois, der sie die jüdischdeutsche Sprache des angeblichen Proletariats entgegensetzten. Die nationalen Erinnerungen, die das Land Israel für das jüdische Volk mit sich führt, und ebenso die dauernde Entfernung von Rußland, dem Nährboden übertriebener, ungesunder Gehässigkeit gegen ein vermeintliches Bourgeoistum haben von selbst dazu geführt, daß auch diese Kreise junger zionistischer Arbeiter sich dem Anwachsen des Hebräischen nicht länger entziehen konnten, und so sind sie bereits in ihrem Parteiorgan, das sie durchaus nur im Jüdischdeutschen herausgeben wollten, zur hebräischen Sprache überzugehen gezwungen gewesen. Das Hebräische als Nationalsprache hat sich gegenüber allen die Juden trennenden Mächten als die zum Siege strebende Macht erwiesen. Aber trotz alledem stehen wir hier erst am Anfange einer Entwicklung. Immerhin hat sich das Hebräische als die Unterrichtssprache der Juden im Lande Israel bereits durchgesetzt. Sie ist als solche so selbstverständlich, daß der Hilfsverein der deutschen Juden von ihr gar nicht absehen kann und daß sogar die orthodoxe Gegenschule des Hebräischen Gymnasiums in Jaffa gezwungen war, das Hebräische als Unterrichtssprache einzuführen, weil sie nur so existieren kann. Einen sehr weiten Schritt nach vorn bedeutet in diesem Sinne auch die jetzt in die Wege geleitete Gründung von modernisierten Chedarim, die ihren Hauptunterschied gegenüber den überkommenen, im mittelalterlichen Geist geleiteten Elementarschulen ebenfalls in der hebräischen Unterrichtssprache findet. Das Hebräische kämpft dabei einen viel schwerern Kampf mit sich selbst als mit seinen Gegnern. Des täglichen Verkehrs in Haus und Gasse, in Stube und Küche seit langem entwöhnt, hat es zwar keine Schwierigkeiten, die feinsten Distinktionen der modernsten Wissenschaften genau und dem Sinne entsprechend wiederzugeben. Aber die einfachsten Benennungen der Speisen und Getränke, der Spiele der Kinder und der häuslichen Verrichtungen sind ihm fremd geworden. Die Bezeichnungen von Tieren und Pflanzen sind starr geworden. Man kennt die Wörter, nennt die Namen, weiß aber nicht, wie Gegenstände und Bezeichnungen