Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-03-31 · 13 (31.3.1911) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
13 (31.3.1911)
Date
1911-03-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316475--54403-3348189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

284 SIEGEL! Mo, id kein Zeitgenosse des Jeschajahu die Artikel eine Ahad-ha-'Ams verstehen können, aber wer sein Hebräisch in der Schule Ahad-ha-'Ams gebildet hat, wird dem Jeschajahu ganz anderes Verständnis entgegenbringen, als das die bloße Gelehrsamkeit verleiht. So hat das Hebräische seine Auferstehung als Schrift- und Kultursprache der Juden gerade in einer Zeit gefeiert, als man glaubte, es einsargen zu können. Aber es blieb nicht dabei. Indem ein kleiner Teil der Juden den Fesseln des einengenden Ghettos entrann, kam über das Judentum und damit über das Hebräische jene neue Regsamkeit, die eine nationale Richtung allein erst möglich machte. DerFreiheit- und Frühlingshauch ließ die nationale Idee aufkeimen, die sich politisch als Zionismus, kulturell als hebräische Sprachbewegung äußert. Kaum hundert Jahre nach Wessely erlebte das Hebräische seine Auferstehung als Umgangs- und Familiensprache. Auch als solche war sie ja nur erstarrt, keineswegs völlig abgestorben gewesen. Wenn in irgend eine Gemeinde Deutschlands früher ein Stammesgenosse als Abgesandter aus Jerusalem, ein „Erez-Jissröl-JTd", kam, da drängte sich alles ehrfürchtig um ihn, um die heilige Sprache lebendig zu hören. Bei solcher Gelegenheit durfte sich der Rabbiner freuen. Er konnte stolz sein. Denn alles bewunderte, daß er dem lebendigen Hebräisch folgte und mit Schriftbrocken das Hebräische so radebrechte, daß der „Erez-Jissröl-Jid" ihn einigermaßen verstand. In Jerusalem führte die hebräische Umgangssprache noch immer ein bescheidenes, recht bescheidenes Dasein. Die Sefardim in der Heiligen Stadt pflegten die heilige Sprache auch im Sprechen, und es gab stets viele Familien, die es für eine fromme Pflicht ansahen, daß wenigstens am Sabbat keine andere Sprache als Hebräisch in ihrem Hause gehört wurde. Im Jahre 1853 berichtete der Judenmissionar Reichardt über eine in Galiläa von ihm und seinem Kameraden Nicolaison gemachte merkwürdige Entdeckung, Beide trafen in den galiläischen Bergen in der Richtung zwischen 'Akka und Mazareth nördlich von Schefä-'Amr ein ganz von Ackerbau treibenden Juden bewohntes Dorf Bukeah, dessen Bevölkerung sich nach ihren Angaben von den morgenländischen und abendländischen Juden in Palästina dadurch unterscheidet, daß sie weder Deutsch noch Spanisch, sondern nur Hebräisch neben der arabischen Landessprache redet. Gumprecht gab in einem Artikel über „Das Syrische und Hebräische als lebende Sprache"*) der Meinung Ausdruck, das man hier ein weiteres Beispiel der Vivazität untergegangen geglaubter Sprachen gefunden habe. Die früheste neuzeitliche Erwähnung dieser hebräischen Juden in Pekiin, wieder Ort hebräisch von den Juden genannt wird, findet sich im Ahabath Zion des Simchah ben Jehoschua, der Pekiin vor ungefähr 150 Jahren besucht hat. Seitdem ist die jüdische Bevölkerung dort dauernd an Wohlstand und Zahl zurückgegangen**). Immerhin ist es ein interessantes Beispiel, daß auch nach dieser Richtung das Hebräische niemals ganz aufgehört hat, als Umgangssprache zu dienen. Endlich war das bis zu einem gewissen Grade stets bei den sehr zahlreichen Juden in Jemen *) Zeitschrift für Allgemeine Erdkunde. Bd. 1. Berlin 1853, Seite 143. **) Luncz' '^tf-itpi ptf nib Jg- V., Jerusalem 1899—1900. Vgl. ferner den demographischen Bericht über Pekiin und seine Juden von Dr. S. Weißenberg (Elisabethgrad) im Globus, Bd. 96, 1909, Nr. 3, Seite 41—45. der Fall. Diese heute ins Land Israel zahlreich einströmenden Juden bringen aus ihrer Heimat neben dem Arabischen ein geläufiges und von ihnen gern gesprochenes Hebräisch mit, dessen eigentümliche Aussprache sie im Umgang im heutigen Palästina bald mit der sefardischen vertauschen, während sie ebenso wie ihre aschkenasischen Stammesbrüder beim Gottesdienst die heimische Aussprache fortsetzen. Daß das Hebräische nicht bloß eine Gelehrtensprache wie etwa das mittelalterliche oder gar das neuzeitliche Latein ist, sondern eine wirkliche Schriftsprache des größten Teiles des jüdischen Volkes, kann man täglich daran feststellen, daß Leute, die keineswegs Gelehrte sind, sofort imstande sind, Hebräisch richtig zu sprechen, sobald ihnen hierzu die Gelegenheit geboten wird. Sie sprechen in Hebräisch sprechender Umgebung sofort als in der Sprache Einheimische mit. Es ist eben noch heute ein Volk, das in seiner überwiegenden Mehrheit einen Judendialekt einer andern Sprache spricht, aber Hebräisch schreibt. Das Hebräische ist also nicht tot, sondern lebt, wenn auch nur als geschriebene Volkssprache. Sie bildet damit eine Parallele zum jüdischen Volke, dem auch scheinbar sehr viele der wichtigsten Attribute einer Nation abgehen und das trotzdem als Nation weiterlebt. Die Anomalie des Lebens schließt das Leben nicht aus. Aber es ist notwendig, daß diese Anomalien, die das Leben keineswegs verschönen, verschwinden und einem normalen, einem naturschönen Leben Platz machen. Dazu gehört, daß eine Sprache auch ihrem Grundwesen, dem Gesprochenwerden, ihren Namen verdanken muß. Wie nun die jüngste Generation, die für die Erhaltung und Fortentwicklung des Judentums begeistert ist und tätig sein will, die Anomalien im jüdischen Volksleben dadurch mindern will, daß sie eine wirtschaftlich gesunde jüdische Bevölkerung im alten Stammlande vor allem auf der breiten Grundlage einer landwirtschaftlichen Volksschicht aufzubauen im Begriff steht, so sind auch an derselben Stelle die Versuche gemacht worden, in dieser entstehenden Bevölkerung die hebräische Sprache als die lebendige Umgangssprache einzuführen. Zugleich soll die hebräische Umgangssprache eines der Mittel sein, um die andersartige, bereits im Lande sässige jüdische Bevölkerung der erwerbstätigen Kolonisationsbevölkerung in Stadt und Land an- und einzugliedern. Auf dem Gebiete der Neubelebung des Hebräischen als lebendiger Umgangs- und Kultursprache des jüdischen Volkes ist das Verdienst Elieser Ben-Jehudas von epochaler Bedeutung. Er erkannte die Notwendigkeit, das Hebräische zur Umgangssprache zu machen. Er begann bei sich selbst. Er legte seinen russischen Namen ab und nannte sich nur noch Ben-Jehuda. In der von ihm in Jerusalem gegründeten Familie wurde so lange nur Hebräisch gesprochen, bis die Gewißheit vorhanden war, daß das Hebräische die lebendige Mutter- und Umgangssprache aller seiner Kinder bleiben würde. Er hat dies mit der unermüdlichen Energie, die sich bei ihm bis zum Eigensinn steigern kann, durchgesetzt und sich damit einen unvergänglichen Namen in der jüdischen Geschichte geschaffen. Wie groß diese Arbeit, wie opfermutig das Unternehmen war, vermögen nur die zu ermessen, die fern von allen hebräischen Zentren sich in gleicher Weise mühen, das Hebräische in ihren Familien als Muttersprache ihrer Kinder zu pflegen. An Ben-Jehudas Person und Arbeit lehnten sich die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.