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Die Welt · 1911-03-24 · 12 (24.3.1911) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 16)
Language
German
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274 DIEJ§£ELT No. 12 Palästina Judenfreundliche Stimmen in der arabischen Presse Palästinas Der Wali (Gouverneur) von Beirut, Nuri Eddin, hat vor kurzem in der Beiruter arabischen Zeitung „Hadikat Al-Ahbar" einen Artikel veröffentlicht, in dem er dem antisemitischen Treiben des frühern Kaimakams von Nazareth und gegenwärtigen Kammerdeputierten vou Damaskus sehr entschieden entgegentritt und erklärt, in der konstitutionellen Türkei sei kein Platz für konfessionelle und nationale Hetzen. Die Beiruter Zeitung „Lissan Alchal" bringt einen Artikel aus der Feder des jüdischen Rechtsanwalts Salomon Jellin, des Rechtsvertreters der Ica in Palästina, worin der Nachweis geführt wird, daß die jüdische Einwanderung nach Palästina ein wahrer Segen fürs Land sei und die Verdächtigungen der antisemitischen Zeitung „El Karmel" in Haifa jeder Grundlage entbehren. In der Beiruter Zeitung „Kilamat El-Hak" veröffentlicht ein angesehener mohammedanischer Bürger aus Jaffa, Salim Effendi El-Salahi, einen vorzüglichen Aufsatz über die jüdische Kolonisatian in Palästina, worin auf Grund zahlreicher statistischer Daten nachgewiesen wird, wiesehr die jüdische Einwanderung nach Palästina und die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation zum Aufschwung des Landes beigetragen hat und in welch hohem Maße auch der Fiskus von der jüdischen Kolonisationstätigkeit in Palästina profitiere. Die neue arabische Zeitung „Philistin" in Jaffa bringt gleichfalls einen längern judenfreundlichen Aufsatz, der der Ermutigung und Förderung des jüdischen Kolonisationswerkes in Palästina und Syrien das Wort redet. Generalversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden Am 19- März hat in Berlin die Generalversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden stattgefunden. Der Vorsitzende, Herr Dr. James Simon berichtete über die Tätigkeit des Vereins. Er schilderte zuerst die Notlage der Juden in Galizien, d;e sogar dazu geführt hat, daß eine staatliche Enquete eingeleitet wurde. Zur Lage der Juden in Rußland führte Herr Dr. Simon aus, daß die Bedrückung der Juden dort in unvermindertem Maße während des Jahres 1910 angedauert hat. Aus hunderten von Orten werden täglich bald einzelne Juden, bald größere oder kleinere Gruppen von Juden vertrieben, so beispielsweise aus Riga, Libau, Tula, Tiflis, Tambow, Torobez, Zarizin und Tomsk, also aus allen Teilen Rußlands, von der europäischen bis zur asiatischen Grenze. Viele tausende Familien sind im Laufe des Jahres auf diese Weise heimatlos geworden. Dieser Kampf gegen das Wohnrecht der russischen Juden wurde auf der ganzen Linie wie auch der systematische Kampf gegen die Bildungsbestrebungen der Juden von der Regierung fortgeführt. Die berüchtigte Prozentnorm, die Bestimmung, daß an den staatlichen höhern Schulen nur 3"o Juden in den Hauptstädten, 5°'o in sonstigen Gegenden, die außerhalb des Rayons und 10°/o im Rayon zugelassen werden, wurde in wenig erweiterter Form auch auf die Privatschulen und Kornmerzschulen übertragen. Den speziell jüdischen Schulen, von denen sechs (fünf Gymnasien und eine Realschule) bestehen, wurde der Garaus gemacht, indem man ihnen die Berechtigungen für die Zukunft einfach entzog, und selbst diejenigen jüdischen Knaben und Mädchen, die sich privat vorbereiteten und als Externe ihre Examina machen wollten, sind der Prozentnorm unterworfen worden. Zwar sei es erfreulich, so führte der Redner aus, daß ein Gesetzentwurf über die Abschaffung des Ansiedlungsrayons in der Duma mit 203 gegen 138 Stimmen einer Kommission überwiesen worden sei, doch sei bei der herrschenden Strömung in Rußland kaum zu erwarten, daß dieser Entwurf in absehbarer Zeit Gesetz werde. Der schwere Druck, der auf den Juden Rußlands lastet, hat seine Rückwirkung auch auf die ohnehin traurige wirtschaftliche Lage. Sodann gab Herr Dr. Nathan in großen Zügen einen Oberblick über das Schulwerk des Hilfsvereins im Orient. Das Schulwerk, das der Hilfsverein dar Deutschen Juden in Galizien, Bulgarien, Rumänien, der europäischen und asiatischen Türkei, unterhält und unterstützt, ist im verflossenen Schuljahr wiederum insbesondere im türkischen Orient durch Gründung neuer Institute in Saloniki, Jerusalem, Jaffa und Haifa bedeutend' erweitert und ausgestaltet worden. Die Lämel-Schule in Jerusalem ist in das Eigentum des Hiifsvereins der Deutschen Juden übergegangen. In Jerusalem und Jaffa sind Terrains erworben worden, auf denen binnen kurzem eigene Gebäude für Schulen und Kindergärten, insbesondere für das Lehrerseminar des Hilfsvereins erstehen werden. Neuerdings ist der Hilfsverein dazu übergegangen, die einheimischen rein religiösen Schulen der orientalischen Juden, die Talmud-Thora-Schulen, unter strengster Beibehaltung ihres Charakters in der Richtung zu reformieren, daß moderne pädagogische Methoden eingeführt werden und der Lehrstoff durch Darbietung profanen Unterrichts erweitert wird. Redner erwähnt weiter die geplante Errichtung eines Rabbinerseminars in Jerusalem und die Gründung des Instituts für technische Erziehung in Haifa, das im Bau begriffen ist und in den nächsten Jahren ins Leben treten wird. Die Förderung des orientalischen Judentums, sagt Redner, geht weit hinaus über den unmittelbaren Nutzen für die Herangebildeten. Stehen die Juden im Orient auf einem höhern kulturellen Niveau, dann gewinnt der Orient auch für die unterdrückten und elenden Juden von Osteuropa, in Rußland, Galizien, Rumänien eine wachsende Bedeutung. Bei der nahen Lage des Orients zu den Ländern der größten Not und Bedrückung der Juden werden sich immer engere Wechselbeziehungen zwischen diesen Ländern und dem Orient herausbilden, die der gesamten Judenheit zum Vorteil gereichen können. Der Generalsekretär Dr. Bernhard Kahn berichtete über die Tätigkeit auf dem Gebiete der Auswanderung. In den Jahren 1908 und 1909 war eine merkbare Abnahme der jüdischen Auswanderung eingetreten. Im Berichtsjahr aber hat sich hauptsächlich infolge der Bedrückung der Juden in Rußland die jüdische Emigration wieder bedeutend vermehrt. Sie betrug im Kalenderjahr 1910 93 107 Personen allein nach den Vereinigten Staaten, gegen 74643 im Jahre 1909; sie hat sich also um 25°/o vermehrt Die Gesamtauswanderung nach den Vereinigten Staaten, nach andern überseeischen Gebieten und nach kontinentalen Ländern ist auf 120000 Juden zu veranschlagen. — Die Versammlung erteilte sodann dem Vorstand das Dankesvotum und nahm die Neuwahlen vor. gp NACHRICHTEN jl Ein gestörter Missionär Aus Wien wird uns telegraphiert: Am 21. d. sollte hier im Hotel Continental eine Versammlung stattfinden, in welcher der bekannte Newyorker Missionär Pastor Russell, dessen Treiben die „Welt" schon einigemale besprochen hatte, über „prophetischen Zionismus" sprechen sollte. Er hatte aber den Zug versäumt, und an seiner Steile erschien ein anderer Missionär, der aber wenig Freude erlebte. Die zionistische Jugend hatte den Saal besetzt, und als der Geistliche zum Zwecke der Seelenfängerei Jargonzeitungen verteilte, kam es zu großen Lärmszenen. Das Publikum zerriß die Zeitungen. Dem entstandenen Lärm machte die Polizei ein Ende, die den Saal räumte. Die orthodoxe Rabbinerkonferenz in England Am 7., 8. und 9. d. M. fand in Leeds eine öffentliche Konferenz der orthodoxen Rabbiner Englands statt. Diese Rabbiner, die meist aus Rußland und Polen nach England eingewandert sind und dort in den Gemeinden und Vereinigungen der osteuropäischen Juden als religiöse Führer wirken, haben das absolutistische Regime des Chief Rabbi Dr. Adler der sich gewissermaßen als „Bischof" der britischen Judenheit geriert und die übrigen Rabbiner des Landes als seine Untergebenen ansieht, schon längst als unleidlich empfunden. Der Gegensatz hat sich infolge der jüngsten Vorkommnisse in der Ehescheidungs - und Schechitahfrage noch mehr zugespitzt. So gestaltete sich denn die Rabbinerkonferenz zu einer scharfen Kundgebung gegen das angemaßte Landesrabbinertum Dr. Adlers und für die lokale Zuständigkeit und Unabhängigkeit der einzelnen Rabbiner. An der Konferenz nahmen u. a. die Rabbiner Daich es (Leeds), Bloch (Birmingham), Berman (MiddLsborough), Helm an (Glasgow), Hurwitz (Sunderland), Haber (Belfast), Joffe (Manchester), Le win- Epstein (Sheffield), Sanderson (Newcastle), J. S. Rabbinowitz (Liverpool) und Schönfeld (London N.) teil. Außerdem beteiligten sich auch Laien mit beratender Stimme an den Verhandlungen. Aus vielen Städten liefen Begrüßungstelegramme ein. Rabbiner Daiches eröffnete die Sitzung mit einer längern Rede und gab einen Überblick über die gegenwärtige religiöse Lage des Judentums in England. Die Hauptaufgaben der orthodoxen Rabbiner des Landes erblickt er in der Erziehung der jungen Generation zu religiös gebildeten, im traditionellen Schrifttum \

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