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Die Welt · 1911-03-24 · 12 (24.3.1911) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No 12 DIE^ELT 273 Loyalität der zionistischen Bewegung gegenüber dem türkischen Reiche beteuern. Nachdem Kiasim Nami Bey den Wortlaut dieser Erklärungen anführt, die er als durchaus befriedigend bezeichnet, setzt er auseinander, daß der Hauptpunkt des Mißtrauens, welches man in manchen politischen Kreisen der Türkei dem Zionismus entgegenbringe, darin zu finden sei, daß diese Bewegung, welche in so hohem Maße die Interessen des ottomanischen Reiches berührt, ihren Sitz außerhalb der Türkei hat und von Ausländern geleitet wird. Das beste Mittel, um allen Verdächtigungen die Spitze abzubrechen, wäre nach Ansicht Kiasim Nami Beys die Einberufung eines zionistischen Kongresses nach Konstantinopel oder Saloniki, wo die Führer der Bewegung die beste Gelegenheit hätten, in wirksamer Weise zu bekräftigen, daß die Ziele der Bewegung sich im Einklang mit den Interessen des ottomanischen Reiches befinden. Das „Journal de Salonique" weist mit Bezug auf diesen Artikel Kiasim Nami Beys darauf hin, daß die Anregung zur Abhaltung eines außerordentlichen zionistischen Kongresses in Saloniki zuerst von ihm — dem „Journal de Salonique" — ausgegangen sei. Es läge gar kein Grund vor, weshalb die Zionisten eine solche günstige Gelegenheit zur autoritativen Klarstellung ihrer Bestrebungen nicht ergreifen sollten. (Auch wir glauben nicht, daß die Leitung der zionistischen Organisation diesen Vorschlag Kiasim Nami Beys unfreundlich aufnehmen würde. Der Einberufung einer Sitzung des Großen A. C. oder auch sogar eines Kongresses nach einer auf türkischem Boden gelegenen Stadt würde sicherlich kein prinzipielles Hindernis im Wege stehen, wenn die Einladung hierzu von maßgebender türkischer Stelle ausgeht und wir auf die Gastfreundschaft des türkischen Volkes rechnen dürfen. Wir haben stets erklärt, daß wir nichts vor der Öffentlichkeit zu verbergen haben und daß wir den grösten Wert darauf legen, die leitenden Kreise der Türkei über unsere Bestrebungen und unsere praktische Arbeit in völlig ausreichender Weise zu unterrichten, damit sie ihre Informationen nicht aus trüben Quellen zu schöpfen genötigt sind. — Anm. d. Red.) Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Der Gouverneur von Skutari an die Juden Einen Beweis politischer Einsicht lieferte wieder einmal ein hoher jungtürkischer Beamter, Faik Bej, der Gouverneur von Skutari. Dieser ergriff auf einem Feste des Vereins „Kadimah" in Haidar Pascha, der sich die Pflege der türkischen und hebräischen Sprache zum Ziele gesetzt hat, das Wort zu einer Ansprache, die, wie der„JudioM mitteilt, folgenden Inhalt hatte: Er hege alle Hochachtung vor dem Wirken dieses Jugendvereins. Das neue Regime verlange nichts arideres von patriotischen Bürgern, als die Pflege ihrer eigenen nationalen Interessen unter gleichzeitiger Kultivierung der vaterländischen Gefühle und der türkischen Sprache. Er empfahl den ottomanischen Juden, fortab nicht mehr einzig und allein hinter der okzidentalen Kultur hinterdreinzujagen, sondern sich nun auch für die orientalische Kultur lebhafter zu interessieren. Das lasse sich erreichen durch das Studium der hebräischen und türkischen Sprache, und jeder ottomanische Jude sollte beide gründlich kennen. Das verlange unsere Pflicht gegenüber unserm Volke und unserm Vaterlande. Diese von wahrer Aufklärung und von freiem Blicke zeugenden Worte des bekannten Jungtürken sollten sich die ottomanischen Juden gesagt sein lassen, speziell die von Haidar Pascha, die jetzt gerade daran gehen, das Monstrum Fresco als ihren Vertreter in den Mischlisch Umumi zu entsenden. Die Wahlen vor der Tür Die Wahlvorbereitungen zum Mischlisch Umumi sind zu Ende- Es hat ein Jahr gebraucht, von der Auflösung des alten Mischlisch bis zur Wahl des neuen. Und wieviel administrative Kniffe, um den Karren über alle Ungesetzlichkeiten hinweg weiterzubringen! Das Schwierigste war die Aufßtellung konsistorial gesiebter Kandidatenlisten, die nur die dem Großrabbinate genehmen Namen enthalten durften. Das stärkste Stück aber wurde in den letzten zwei Tagen vor der Wahl geleistet, wo eine noch feiner gesiebte „inoffizielle" Kandidatenliste im Großrabbinate fabriziert und durch den offiziellen Schammasch des Großrabbiners und den Diener der Galataer sephardischen Gemeinde als „Liste recommandee" mit der größern Liste zusammen in die einzelnen Häuser verteilt wurde. Diese dem Großrabbiner persönlich angenehme und empfohlene Liste hat sorgfältigst die Namen aller als nationalistisch bekannten Persönlichkeiten eliminiert, selbst den Kabinettschef des Finanzministers Nissim Russo und den Senator Bochor Effendi, vielleicht der bedeutendste Mann der hiesigen Judenheit. Dafür ist David Fresco nicht vergessen worden. Die aschkenasische Gemeinde hat beschlossen, sich an den Wahlen nicht zu beteiligen und die etwa von sephardischer Seite gewählten Aschkenasim nicht als ihre Vertreter im Mischlisch anzuerkennen. Der „Tanin" über den Herausgeber der „Aurore" Das jungtürkische Weltblatt veröffentlichte dieser Tage einen Leitartikel über die ottomanische Dichtkunst, speziell über die patriotische Lyrik. Bei dieser Gelegenheit singt es in hohen Tönen das Lob Lucien Sciutos, des Herausgebers unseres Bruderblattes, der „Aurore". Er rühmt seine poetischen Fähigkeiten und den hohen patriotischen Schwung an der Hand einer Reihe von Gedichten, die nach der Proklamation der Konstitution von Sciuto publiziert wurden. Er empfiehlt schließlich seinen mohammedanischen Landsleuten, die Experimente in ästhetisierender Dekadenzpoesie aufzugeben und sich, dem Beispiele dieses jungen jüdischen Poeten folgend, den patriotischen Gegenständen zuzuwenden. Daß das unsern Gegnern passieren muß: der Redakteur der „Aurore", der als Propagator antipatriotischer Ideen verschrieene Zionist, als patriotisches Muster gefeiert vom „Tanin", und das zwei Wochen nach den antizionistischen Kammerreden! Jüdisches Theater in Konstantinopel Seit einer Woche hat die jüdische Bewohnerschaft unserer Stadt, speziell die aschkenasische, ihre Sensation, ein jüdisches Theater, zu Gaste. Leider weiß sie weder die reifen Dichtungen der jungjüdischen Dramatik noch die zum Teile ganz ausgezeichneten Leistungen der russisch-jüdischen Truppe Krause-Abramowitz, zu wüdigen. Sie zieht das Variete oder die französische Theatertruppe vor. So ist denn das jüdische Theater für einige Wochen zum Stelldichein der Nationalgesinnten geworden. Der Star der Künstlergesellschaft, die Schauspielerin und Sängerin Gurewitz, ist eine reife Menschendarstellerin hohen Ranges. Ihre Kunst als Chaje, die Jessoume im Gordinschen Drama, riß hin und erschütterte. Tüchtige Genossen stehen ihr zur Seite. Es wird noch lange währen müssen, ehe die Kultur der spaniolischen Juden eine Höhe erreicht haben wird, wie sie diese jüdische Dramatik, so schön interpretiert, hier ihren staunenden Augen entrollt. Rußland Stolypins Demission Am 20. März hat Stolypin seine Demission gegeben. Man hatte diesen Schritt schon seit dem Umschwenken der Oktobristen zur Opposition erwartet. Den unmittelbaren Anlaß gab die Verwerfung des Stolypinschen Projektes der nationalen Kurien für die Semstwowahlen in den westlichen Gouvernements im Reichsrat. Das Ministerium Stolypin hatte von seinem Auftraggeber, der Autokratie, das Mandat erhalten, die ohnedies sehr problematischen konstitutionellen Garantien des Oktobermanifestes zu paralysieren. Diesen Auftrag führte Stolypin, den man in Europa einen liberalen Staatsmann nennt, getreulich durch und wandelte die Duma durch seinen Staatsstreich vom 16. Juni 1906 in ein Scheinparlarnent um. Auch sonst ist er der Diener der Reaktion gewesen. Die Judenfrage sah er immer im Lichte der Sipjägin und Plehwe und setzte an die Stelle der Pogrome eine unerbittliche und brutale Ausweisungspraxis,diein ihren wirtschaftlichen Folgen die Pogrome wohl bald erreichen wird. Stolypin geht, und die „Nowoje Wremja" nimmt von ihm mit einem herzlichen „Auf Wiedersehen!" Abschied. Er wird also wiederkommen. Nun, es wird dafür gesorgt werden, daß er die Dinge nicht sonderlich gebessert vorfinden wird. Die Männer, die man als die neuen Minister nennt, die Durnowo, Kriwoschein usw., sind Blut von seinem Blut. Minister wechseln, aber das System bleibt: die Willkürherrschaft des Tschin.

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