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Die Welt · 1911-03-24 · 12 (24.3.1911) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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fühlen. Die nächsten Jahre werden höchstwahrscheinlich in dieser Richtung wie in der hebräischen Kulturarbeit viel ersprießliches leisten. Erwähnenswert sind bereits jetzt die Erfolge, welche Gesinnungsgenosse Dr. Hausmann für den Bezalel und Gg. Dr. Spindel für die Palestine Land Development-Company erreicht haben, obwohl für die P. L. D. C. die energische Agitation erst seit den letzten Wochen einsetzte. (Die Agitationsreise des Herrn Böhm war in der „Welt" schon erwähnt.) Das Hauptaugenmerk der Parteileitung ist momentan auf die Reorganisation der zionistischen Partei in Galizien gerichtet. Das von der letzten Landeskonferenz festgesetzte Grundprinzip unseres Neubaues besteht in der strengsten und weitgehendsten Zentralisation aller Agenden im Zentralkomitee, denn nur auf diese Weise kann eine gewisse, stabile Richtung in unserer Politik eingehalten, größere Pläne einheitlich durchgeführt und verwirklicht werden. Um dem Zentralkomitee eine genaue Übersicht über die Streitkräfte, die gesellschaftliche und ökonomische Stellung der Parteigenossen wie ihre pekuniäre und agitatorische Leistungskraft zu verschaffen, wird ein Parteikataster eingeführt, welcher das beste statistische Material für die nächste Jahreskonferenz abgeben wird. Die nächste Parteikonferenz wird fast ausschließlich organisatorischen Arbeiten gewidmet sein. Für die Stimmung, welche in den Kreisen der gaüzischen Zionisten betreffs des nächsten Kongresses herrscht, ist die Genugtuung, mit der allgemein eine interessante Äußerung des Gg. Dr. Daniel Pasmanik über die jetzige Leitung der Partei aufgenommen wurde, höchst bezeichnend. Von einem Mitarbeiter des „Wschod" über den X. Kongreß befragt, äußerte Dr. Pasmanik unter anderm, er sei mit der Tätigkeit unserer jetzigen Parteileitung vollständig zufrieden, Präsident Wolffsohn habe alles geleistet, was in seiner Macht gelegen und was überhaupt zu leisten möglich war. Wenn in allen Ländern eine so besonnen ruhige Stimmung dem Kongresse gegenüber herrscht, wie in Galizien, so wird der X. Kongreß nach langer Zeit wieder ein Arbeitskongreß erster Güte werden. Außerhalb des zionistischen Lagers kocht und siedet das jüdische Leben in Galizien fast ebenso leidenschaftlich wie im Rahmen unserer Bewegung. Wir sind jetzt in Lemberg Zeugen eines kleinen aber interessanten Kampfes um die Lemberger Stadtgemeinde, an dem wir keinen direkten Anteil nehmen, der aber durch die Menge interessanter Episoden wert ist erwähnt zu werden. Um die Herrschaft in der Gemeinde ringen bei den jetzigen Wahlen, welche nächste Woche stattfinden, die allpolnische Partei, in deren Mitte sich viele Hausjuden befinden, mit einer sogenannten Reformpartei, die meistens aus Juden besteht und vom bekannten Judenpolen Dr. Aschkenase kommandiert wird, der gerne Vizepräsident oder Präsident der Stadt Lemberg werden möchte. Komisch wirkt der Kampf der Polen mit den Polen um den polnischen Charakter der Stadt Lemberg, denn beide Teile versichern fortwährend, daß es sich nur um die Wahrung des polnischen Besitzstandes in der Gemeinde handelt, und zwar den Ruthenen gegenüber, die sehr schwach sind, und den Zionisten gegenüber, die gar keinen Anteil an dem Kampfe nehmen. Der „Pole" Aschkenase erzählte bei einer Volksversammlung vor fast lauter Juden über seine Konnatilen recht interessante Dinge. Die Allpolen, behauptet Dr. Aschkenase, hätten zwei Parteiblätter, das „Slowo polskie" und die „Ojczyzna". — Während sie im ersten, welches für die Juden bestimmt ist, der Assimilation der Juden mit den Polen das Wort reden, schreiben sie im zweiten Organe, welches für die tiefern Schichten des polnischen Volkes bestimmt ist, wörtlich: „Was ist mit den Juden zu tun? Verfolgen und ihrer Rechte berauben darf man nicht. Man soll mit ihnen verfahren wie ein jeder gesunde Organismus mit Fremdkörpern verfährt: ausscheiden, unschädlich machen und in Ruhe lassen. — Bei Juden nicht kaufen, jüdische Advokaten nicht konsultieren, mit Juden keine Wahlkompromisse schliessen, in jüdischen Banken kein Geld leihen. Ganz müssen wir sie ausscheiden, damit die Juden wissen, daß wir ein gesundes Volk sind." Die Allpolen schweigen natürlich nicht und rücken gegen den Polen Dr. Aschkenase mit der Anklage heraus, er sei — ein Zionist. Das ist das Ende vom Liede. Der Pole Aschkenase muß, um seine Kon nationalen von seinem Polentum zu überzeugen, besondere jüdische Versammlungen abhalten, auf denen er die Juden darüber versichert, was ihm weder die Juden noch die Polen glauben. Das tragikomische an der Sache ist, daß Dr. Aschkenase vielleicht der einzige ist, der sich allen Ernstes für einen Polen hält. Der Jude, dem er so erzählt, hört ihn ruhig an und denkt bei sich: Parnose. Der Pole lacht und nennt ihn einen Zionisten. „Je näher ein Jude der polnischen Gesellschaft ist, desto stärker wird er von ihr bekämpft und beschimpft" klagte Dr. Aschkenase. Dem können wir glauben, der muß es doch wissen. —Wir Zionisten wußten seit jeher daß der Begriff „Judenpole" ein Unsinn ist. Die Judenpolen vom Gemeinderat in Lemberg werden es am eigenen Leibe erfahren. Die Schänkerabgaben Im ersten Augenblicke schien die Schänkerfrage lediglich eine „Frage" für diejenigen Schanker zu sein, die keine Schankkonzessionen erhielten, nicht aber für die „glücklichen" mit einer Konzession ausgerüsteten Schänker. Nun stellt es sich heraus, daß auch diese ihrer Konzession wegen nicht zu beneiden sind. Die Abgaben der Schänker an den Staat sind furchtbar in die Höhe geschraubt worden, so daß der größte Teil derselben horrende Summen leisten muß. Es ist demnach begreiflich, daß viele Schänker es vorziehen, ihre Konzessionen zurückzulegen, aber auch diejenigen, die es bisher noch nicht taten, drohen mit der Zurücklegung der Konzessionen. Um dem vorzubeugen, wurde für den 15. März d. J. eine Konferenz sämtlicher Schänker nach Ja roslau einberufen, zu der auch die Reichrats- und Landtagsabgeordnete eingeladen worden sind. Dem Vernehmen nach soll sich der Landmarschall Graf Badeni bereit erklärt haben, von der ursprünglich festgesetzten Summe, die dem Staate aus diesem Titel zufließen soll, anderthalb Millionen Kronen jährlich nachzulassen. Sollte diese "Nachricht sich bestätigen, so bliebe noch immer abzuwarten, ob auch die jüdischen Schänker an diesem Nachlasse partizipieren werden. Untersuchungskommissionen und kein Ende Die Zeiten, als der Polenklub wie ein festgefügter Felsblock den Reichsrat überragte, sind vorüber. Sprichwörtlich war seine Solidarität und seine Verschwiegenheit. Nie ist ein innerer Riß zum Vorschein gekommen. In stolzer Geschlossenheit entschied er über Österreichs Geschichte. Der schöne Traum verrinnt nun. Jede parlamentarische Schlacht zeigt uns die ungenügend einexerzierte Phalanx und die verminderte Schlagkraft der „polnischen Delegation". Viel schlimmer ist es aber, daß in letzter Zeit Korruptionsaffäiren aus dem „Kolo" immer häufiger in die Öffentlichkeit dringen. Es war ja niemals zweifelhaft, daß die Mitglieder des Polenklubs Sinn für politische Geschäfte haben. Nur daß in der letzten Zeit diese Geschäftigkeit die öffentliche Meinung zu beunruhigen anfängt. Eine große Rolle spielt dabei die S c h än k e rfrage. Die Statthalterei vergibt die Konzessionen an reiche Bewerber, die „Volksvertreter" benutzen die Not der Benachteiligten, versichern sie ihrer politischen Förderung, versprechen ihnen Konzessionen und locken ihnen nicht unbedeutende Beträge heraus. Eine polnische Zeitung hat diese Beschuldigung gegen drei sonst unbekannte Mitglieder des Polenklubs erhoben. Der berühmte Pater Stojalowski verlangte, daß die eingesetzte Untersuchungskommission auch ihn berücksichtigen möge. Herr Jan Stapinski verlangte die Einleitung einer Untersuchung gegen ihn, was die Volkspartei beschlossen hat, und eine ältereUntersuchungskommission hat jüngst den Abg. R. v. Starzynski freigesprochen. Dazu sind nämlich wohl alle Untersuchungskommissionen da. Mutiger wäre es, die „Verleumder" vor die Geschworenenbank zu rufen. Die „Justitia" des Polenklubs ist nicht nur erblich blind, sie hat auch ein Janusantlitz. Inzwischen hat in«Tarnobrzeg ein Prozeß zweier bäuerlicher Abgeordneter gegen einen ihrer Ankläger namens Moses Kanarek begonnen. Der von Kanarek geführte Wahrheitsbeweis hat schon jetzt trotz aller Bemühungen des Gerichtsvorsitzenden ein ausreichendes Material zur Abschätzung des Geschäftssinnes der Volksvertreter geliefert. Ein jüdisches Museum in Lemberg Nachdem bereits in Krakau ein jüdisches Museum besteht, geht man auch in Lemberg daran, eine ähnliche Anstalt zu errichten. Dieser Plan, der unlängst aufgeworfen wurde, hat in maßgebenden jüdischen Kreisen ernste Beachtung gefunden, um so mehr, als ein jüdisches Museum sich gerade in Lemberg, das eine Menge eigenartiger und historisch denkwürdiger Wertgegenstände beherbergt, glänzend entwickeln könnte. Türkei Ein Vorschlag Kiasim Nami Beys In einer vor kurzem in der Salonikier Zeitung „Roumelie", dem Organ des dortigen Komitees für Einheit und Fortschritt, erschienenen Besprechung des Vortrages, den Dr. Jacobso n kürzlich in Saloniki über „Zionismus und Ottomanisrnus" gehalten hat, führt Kiasim Nami Bey, Generalinspektor des öffentlichen Unterrichtswesens im Vilayet Saloniki, u.a. folgendes aus: Die führenden Männer der zionistischen Bewegung, David Wolffsohn und Max Nordau, haben auf dem letzten Kongreß in Hamburg feierliche Erklärungen abgegeben, die die unbedingte

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