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Die Welt · 1911-03-24 · 12 (24.3.1911) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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NO. 12 DIE ELT 271 werden, kann vor der Religion nicht innehalten. Man will doch eben restlos verschwinden. Dann soll man aber nicht schwächlich reformieren. Das würde die Tschechen ebenso wenig befriedigen wie die Deutschen. Siehe Kohler! Es ist erschreckend, wie gedankenarm unsere Assimilanten sind. So ein tschechischer Assimilant übersetzt ins Tschechische längst vergessene „prähistorische Kuriositäten" und dünkt sich ein israelitischer Huß! Freilich, dieses Kuriosurn von Reformern wird recht bald abgetan sein. Das Judentum braucht eine Reformation, d. h. eine Umgestaltung seiner Lebensgrundlagen und keine „Reform", d. h. keine Formänderung. Die Witze der „Arbeiterzeitung" Das Wiener Zentralorgan der österreichischen Sozialdemokratie wird von Männern geleitet, die Sinn für reale Tatsachen und für Humor haben. Da die antisemitischen Instinkte der Wiener Bevölkerung eine Tatsache sind, mit der Realpolitiker rechnen müssen, gehört das Antisemitein, will sagen, das diskrete und leise Aufziehn der judenfeindlichen und -verächtlichen Saiten, zu dem Hausrat des sozialdemokratischen Blattes. Wir haben von Zeit zu Zeit auf die verschämten und unverschämten Ausschreitungen der „Arb.-Ztg.", in Erfüllung unserer publizistischen Pflicht, hingewiesen. Die Hoffnung, daß die deutschen, nicht jüdischassimilatorischen Redakteure, di esen nicht unbedenklichen Konzessionen, die dem antisemitischen Pöbel gemacht werden, ein Ende bereiten würden, haben wir freilich längst eingebüßt. So registrierten wir seinerzeit die Verhöhnung des Kampfes um die jüdische Sprache als eines „Orpheumscherzes", den verleumderischen Versuch, die deutschnationalen Tschechenkrawalle in Wien als „zionistisches Diktat" hinzustellen, die Freude der „Arb.-Ztg." an der Verurteilung Bocks, der sich geweigert hat, vor einer katholischen Prozession den Hut zu ziehen. Die jüdischen Schänker waren der „Arb.-Ztg." nicht ärmlich genug gekleidet, von „jüdischen Dreck" und „israelitischen Hausknechten" wimmelte es in den Spalten des ehrenwerten Blattes. Doch das sind schon Unscheinbarkeiten, die allerdings den herrschenden Ton kennzeichnen. Vor uns liegt nunmehr eine der letzten Sonntagsnummern der „Arb.-Ztg.", die eine Satyre der „Bildl-Zeitungen" enthält. Sie ist ein weiterer Beleg für die Art und Weise, wie die Wiener Arbeiterschaft sozialdemokratisch erzogen wird. Die illustrierten Schundblätter werden verhöhnt und diskreditiert, indem sie als von Juden gegründete, geleitete und Juden Profit bringende Blätter verlacht werden. So heißt es im Text: „ . . . Dieserhalb hat sich Herr Kohn Assoziert mit Löwysohn, Zu begründen eine Zeitung. Zweck derselben ist Verbreitung Echter christlicher Gesinnung, Nebenbei auch Geldgewinnung. Denn — na ja, man weiß es schon: Gutes Werk braucht Provision. Und weil dem einmal so ist, Stellet jeder reiche Christ Von der Piusbruderschaft Seine finanzielle Kraft Zur Verfügung. Auf einmal Hat ein Aktienkapital Von beinahe tausend Mille Sich gebildet in der Stille. Glaubt nur. daß ihr christlich kauft! Kohn und Komp. sind schon getauft, Noch nicht lange, aber gründlich, Einblick nehmen könnt ihr stündlich. Herr von Kohn ist überdies Päpstlich-römischer Marquis. Also habt ihr's garantiert, Daß die Zeitung koscher wird." In diesem Stil geht es weiter. Besser noch als im Text ist in den Illustrationen der „Judenpunkt" beleuchtet. Juden mit krummen Nasen und Beinen, galizische und Kaijuden fehlen in keiner Zeichnung, zur Erheiterung des arbeitenden Volkes. Die Satyre schließt mit den Worten: „Bleibt nur treu dem Herrn von Kohn, Ihm und euch blüht Gotteslohn." Die Illustration dazu ist ein Jude im bekannten „Kikirikitt-Stil mit einem goldgefüllten Sack. Wir wissen nicht, welchen Anteil die reichen Juden an der Finanzierung von christlich-sozialen und halbpfäffischen Zeitungen haben. Jedenfalls ist die Beteiligung von deutschen Industrierittern, böhmischen Adeligen, Großgrundbesitzern und Vertretern des Klerus zum ndest ebenso intensiv und bedeutsam. Der Jude ist vielleicht der Typus des liberalen, nicht aber des christlich-sozialen Zeitungsgründers. Man sollte glauben, daß es sich der „Arb.-Ztg." ziemt, in Wort und Bild den sozialen Gegensatz und nicht den nationalen zu betonen. Nicht anders als in der „Arb.-Ztg." werden die Schundblätter auch in antisemitischen Witzblättern karrikiert. Ein Blick auf die Satyre genügt, urn uns zu überzeugen, daß sie nicht Haß und Verachtung gegen den sozialen Feind der Arbeiterschaft, sondern gegen die Juden hervorrufen kann und wird. Köstlich ist, wie sich die „Arb.-Ztg." über die Taufe der Herren „Kohn und Löwysohn" lustig macht. Vor einigen Wochen hat das Blatt im Text die Taufe, als Privatsache, in Schutz genommen! Der Herausgeber der,, Arb.-Ztg.a ist ja schließlich auch „gründlich getauft". Es ist daher zumindest unklug von der „Arb.-Ztg.", so laut und vernehmlich zu lachen. Schalom Asch in Wien Zu Ehren des hier weilenden Dichters Schalom Asch veranstaltete der Verein „Jüdische Kultur" Sonntag den 5. d. M. im Kursaal des Stadtparks einen Vortragsabend. Herr Dr. Marek Scherlag sprach in einer einleitenden Konferenz über die Bedeutung Aschs für die jüdische Literatur. Schalom Asch selber rezitierte das Geleitwort zu seinem Sammelwerk „Die Erde". Der Dichter wurde vom Publikum mit Ovationen, Beifallskundgebungen, und von den Damen auch mit Blumen überschüttet. Frl. Frieda Holldorf las mit viel Verständnis zwei Novellen von Asch. Hofschauspieler Albert Heine brachte „Die Mutter" und den „Dieb" in deutscher Übertragung zum Vortrag. Die Vortragskunst Heines, die kraftvoll und innig zugleich, übte die größte Wirkung aus. Das Lämmchen, eine uralte Geschichte für unsere Kleinen, neuerzählt von Dr. Hugo Zuckermann, mit Bildern von Osias Herschdörfer*). (Herausgegeben von der Kommission zur Herausgabe jüdischer Jugendschriften, Wien, IX, Türkenstraße 9.) Soeben erschien unter diesem Titel eine ganz eigenartige und doch sehr wohlbekannt anmutende Haggadah-Geschichte in Form eines Bilderbogens für unsere Jugend. Die schönen zierlichen Verse, in welche diese Haggadah-Geschichte gegossen ist sind gänzlich für unsere jüngste Jugend bestimmt und sind in ihrem Geiste geschrieben, einem Geiste, der geeignet ist, gerade unsere Kleinen sehr anzuregen. Dazu kommen noch die in sehr schöner altertümlicher Form gehaltenen Bildchen des Zeichners, die aus jeder Strophe die charakteristische Situation meisterlich hervorgeholt haben und nicht nur Kindern, sondern auch Kennern der Zeichenkunst Freude bereiten können. Es ist anzunehmen, daß diese Passahbilderbogen, — gewiß eine sehr originelle und neue Literaturgattung — welche die Kommission zur Herausgabe jüdischer Jugendschriften als ihr erstes Opus in größter Auflage erscheinen läßt, in kürzester Zeit viele, viele Freunde erwerben wird. Der billige Preis eines solchen Bogens, für Österreich 10 Heller (fürDeutschland 10 Pfennig) per Stück, ermöglicht auch deren Verteilung an jüdische Schulkinder seitens der Schul- und Religionsbehörden. Dieser Möglichkeit haben die Herausgeber auch Rechnung getragen, indem der Preis für 100 Exemplare mit Kr. 7.50 (J(, 7.50) und für 200 Exemplare mit Kr. 15.— angesetzt wurde. Es ist zu hoffen und zu wünschen, daß diese Bilderbogen eine weite Verbreitung und eine große Anzahl von Auflagen finden. Der Bogen ist im Selbstverlag der Kommission zur Herausgabe jüdischer Jugendschriften erschienen und bei derselben in Wien, IX, Türkenstraße 9, zu beziehen. Galizischer Brief Das zionistische Parteileben in Galizien hat ein spezifisches Aussehen. In erster Linie deshalb, weil die exzeptionelle Lage der Juden die zionistische Organisation gewaltsam ins Fahrwasser der Landespolitik drängt. Die Situation ist stärker als unser Wille. Ehe wir uns umsehen, werden wir vor jüdische Fragen gestellt, die zwar nicht rein zionistisch und palästinensisch sind, an deren Lösung man aber nicht interesselos vorübergehen kann noch darf. — Es genügt hier nur die Volkzählung und die Schänkerfrage zu erwähnen. Wenn wir in palästinensischer Richtung vielleicht nicht gleichen Schritt halten mit andern Ländern, so ist die Ursache vorerst im Elend unserer Umgebung und in unserer Uberbürdung mit drängenden, akuten Aufgaben galizischer Provenienz, keinesfalls aber im Mangel an gutem Willen und geschulten arbeitsfreudigen Kräften zu suchen. Trotz der Landespolitik oder besser gesagt eben deshalb läßt sich täglich die Sehnsucht! nach reiner Palästinaarbeit immer stärker *) Aus der vorjährigen Passahnummer der „Welt". Anm. d. Red.

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