Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-03-24 · 12 (24.3.1911) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316474--54392-3348177
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIEE^ELT No. 12 270 um ihre Gleichberechtigung handelt. Wir können in der Bevorzugung der getauften Juden als Offiziere und Verwaltungsbeamte nur eine Durchbrechung unserer eigenen Rechte erblicken. Dabei beurteilt der Offizier und der Verwaltungsbeamte alle Juden nach den Juden, mit denen er in Berührung tritt, und das sind aus diesem Prinzip heraus lediglich die um der Karriere willen getauften. Daß sich infolgedessen in diesen Kreisen ein besonders ungünstiges Urteil über die Juden im allgemeinen bildet, kann den nicht verwundern, der dieses degenerierte Menschenmaterial kennt, aus dem sich gerade die getauften Juden in Preußen zusammensetzen. Selbstverständlich gibt es auch unter ihnen vollwertigere Elemente, aber wer die Masse der in Preußen-Deutschland getauften jüdischen Bourgeois kennt, wer da weiß, daß sie zum allergrößten Teile aus jenen so gern von den Witzblättern verspotteten Parvenükreisen hervorgegangen sind, wird sich über das abfällige Urteil über die Juden bei den Kreisen nicht wundern, deren Prinzip es ist, für sich zum dienstlichen und persönlichen Umgang aus den Juden nur diese Auswahl zu treffen. Das Judentum hat im allgemeinen an ihnen nichts verloren, das Christentum an ihnen niemals etwas gewonnen. Diese Betrachtung können wir mit ganz geringen Umänderungen in der Form bei der nächsten und allen folgenden Beratungen des deutschen Militäretats wieder abdrucken. Ham-Mabbit. Eine interessante Stichwahl Am 21. März hat in Gießen die Reichstags wähl stattgefunden. Die Hauptwahl hatte kein Resultat ergeben und es war eine Stichwahl zwischen einem Antisemiten und einem Sozialdemokraten nötig geworden. Die Nationalliberalen, bei denen die Entscheidung lag, gaben die Parole aus, für den Antisemiten zu stimmen, der denn auch mit etwa 1000 Stimmen Majorität gewählt wurde. — Der Ausgang dieses für die Beurteilung der kommenden Reichstagswahlen sehr wertvollen Kampfes ist ein schwerer Schlag für die jüdischen Nachläufer der Nationalliberalen. Wiener Brief Von unserm Berichterstatter Zionistische Arbeit Im innerösterreichischen Distrikt geht die zionistische Arbeit ernst und rüstig vorwärts. Der Geist, von dem die Leitung beseelt ist, ließ sich an der jüngts zutage getretenen allgemeinen — auch von Gegnern anerkannten — Leistung anläßlich der Schänkerdemonstration in Wien erkennen. Distriktskomitee und Nationalverein arbeiten in verständnisvollem Übereinkommen mit Zuziehung der ihnen unterstehenden Korporationen, und die Erfolge zeigen schon jetzt einen günstigen Ausblick für die nächste Zeit. Der Ausbau der Organisation ist durch Anlegung eines weit ausblickenden Katasters glücklich angebahnt, die Schekelagitation rege im Gange, ihr Resultat ein zufriedenstellenderes als in den Vorjahren. Der günstige Einfluß der Initiative zeigt sich in verschiedenen Aktionen und ihren guten Resultaten. So ist es durch den jüngst vom ersten Wiener zionistischen Frauenverein veranstalteten Fünfuhrthee ermöglicht, das"nicht unbeträchtliche Suffizit dieser Veranstaltung dem Emigrationsbureau zuzuwenden. Die Arbeiten für das jüdische Studentenheim sind so weit gediehen, daß im Oktober d. J. noch an die Grundsteinlegung dieses seit lange als dringendes Bedürfnis empfundenen Institutes geschritten werden wird. Nach den Passahfeiertagen wird eine neue mensa judaica, von Hochschülern geleitet, ihre Tätigkeit aufnehmen. In den einzelnen Korporationen — sowohl bürg rlichen als auch studentischen und weiblichen — ist ein erfreuliches Steigen der Mitgliederzahl zu konstatieren. Der Zionistische Zentralverein weist eine Zunahme von 192 Mitgliedern in den letzten zwei Monaten auf, so daß sein Stand gegenwärtig die Zahl 540 erreicht hat. Die Gründung eines zionistischen Orchester- und Gesangvereins sind in Vorbereitung, — kurz, ein Frühlingserwachen, das bei dem Ernst und der Energie der Leitung zu schönen Hoffnungen berechtigt. Kurandas jüdische Rolle Der Abgeordnete Kuranda hat dieser Tage im Budgetausschuß des österreichischen Parlaments die Frage der Ausweisung jüdischer Staatsangehöriger aus dem Königreich Preußen zur Sprache gebracht. In wohlgesetzter Rede le^e er die Schädigung dar, die durch die systematische — von antisemitischem Geist diktierte — (das sagte Kuranda nicht, zu solchem Radikalismus versteigt er sich noch nicht) Ausweisung jüdischer Kaufleute, Arbeiter und Akademiker dem österreichischen Staate erwächst. Ja, man traut seinen Augen nicht, er interpellierte die Regierung über das Vorgehen der galizischen Regierung gegen jene Juden, die als Umgangssprache bei der Volkszählung „jüdisch" angegeben hatten. Auf die prinzipielle Frage wolle er sich dabei nicht einlassen, sagte er, was heißt: Ich verwahre mich dagegen mit jenen Leuten identifiziert werden. Es mutet wie ein Purimscherz an — Kuranda als Jude verkleidet! Dieser Scherz zieht nur am Salzgries. Dem Kenner des Typus Kuranda ist die Maskerade klar und darum nimmt der Eingeweihte solche Anwandlungen jüdischer Betätigung im Volkshause nicht für Wandlungen, die aus dem „deutschen" Kuranda einen Juden als Entwicklungsprodukt ergeben haben. Mögen ihm „Freunde und Verehrer" mehr zubilligen als die Politik des ut aliquid fieri videatur, der Typus entdeckt ja zuweilen die jüdische Note in sich, die er in tönenden Reden zu Akkorden anschwellen lassen kann, dem feinen Ohr wird die Dissonanz nur zu leicht hörbar. Kuranda ist der Typus, dem die Individualität fehlt, der Seelen viele wohnen ach in seiner Brust! Heute und immerdar deutsch — hie und da israelitisch, jüdisch, wie es der Augenblick gerade erfordert, in dem man sich den Wählern im schönsten Lichte präsentiert. Dank der unermüdlichen und zielbewußten Tätigkeit der drei jüdischnationalen Abgeordneten, die den Stempel der Unbeugsamkeit trägt, gibt es eine öffentliche jüdische Meinung mit gesundem Urteil. Es wird verständlicher, daß Kuranda seine „jüdische" Woche hat, wenn man von aufflatternden Gerüchten hört, die nicht zum Schweigen kommen wollen, die von einer Auflösung des Hauses sprechen — und da man nichts gewisses weiß —, ist die Politik' von heute schon Wahlpolitik für morgen. Der israelitische Leser des liberalen Leibblattes ist gerührt beim Morgenkaffee von den Heldentaten seines Abgeordneten, der es wagt, auch für Juden einzutreten, der jüdische Vollmensch durchschaut die Maskerade und könnte wetten, daß bei geändertem Kurs des Staatsschiffes der Jude Kuranda seine Lieblingswalze ertönen läßt — die tschechische Gefahr für das deutsche Wien — und alles eher ist, als ein Vertreter jüdischer Interessen in dem Staate, in dem die Juden moralisch und materiell ruiniert werden. Tschechische Reform]uden Der tschechische Zweig der allslawischen Israeliten erfreut sich nicht der gleichen Berühmheit wie etwa ihre polnischen Vettern. Die polnischen Israeliten haben Spuren ihres Daseins, ihrer Wirksamkeit zurückgelassen. Sie haben in Galizien und Russisch-Polen Jahrzehnte hindurch die jüdische Politik beherrscht, die Botmäßigkeit der Juden den Polen gegenüber erzwungen und erschlichen. Das jüdische Volk wird Jahrzehnte mühevoller Arbeit bedürfen, um das Erbe der Assimilationsherrschaft zu liquidieren. Die tschechischen Assimilanten sind harmloser. Es fehlen ihnen die großen Bataillone, die sie den Tschechen wertvoll machen könnten. Das tschechische Volk hat auch mehr Sinn für Selbsthilfe, um an der Erniedrigung auch nur eines Volkssplitters zum politischen Werkzeug Gefallen zu finden. So fehlte den „öske zidi" (Tschechenjuden) die erforderliche Resonanz. In der letzten Zeit unterliegen sie dem Einfluß der deutschen Assimilationstheorien. Diese Germanisierung der Ideologie sollte eigentlich den ultratschechisch-nationalen Assimilanten bedenklich erscheinen. Sie schwärmen nunmehr für die „Reform". Den israelitischen Polen sind derartige religiösreformistische Anwandlungen stets fremd geblieben. Sie lebten im engsten Bündnis mit den Wunderrabbis, nach dem schönen Grundsatz— „Jachloku". Die tschechischen Assimilanten aber wollen reformieren. Strecken sie ihre Hände gen Himmel, weil ihr Busen nach einer erneuer-en Religion verlangt? Nein, sie rufen auch die Ungläubigen zur Mitarbeit, im Namen des Fortschritts. Die Sache erscheint auf den ersten Blick kompliziert. Der „Fortschritt", dieser buntbetreßte Gesell, ist bis nun als Religionsstifter nicht aufgetreten. Im Namen des Fortschritts kann man vielle cht den Zulus oder den schwarzen Gentlemen in Wadai eine neue Religiosität schenken, Daß eine religiöse Propaganda unter den Juden ein Erfordernis des „Fortschritts" sei, glaubten bis nun lediglich Missionäre. Dann aber verwirren die „religiösen Ungläubigen" die Sachlage. Die sollen eine neue Religiosität oder Religion schaffen? Doch heben sich all diese scheinbaren Widersprüche auf, sobald man die Rede eines unserer tschechisch-jüdischen Reformer liest. Das Problem ist in der Tat so simpel: „Wir assimilieren uns national und gesellschaftlich, wir assimilierten uns in unserer Lebens- und Weltanschauung. Wir entfernen alles, was uns gesellschaftlich hinderlich war; tun wir auch den prähistorischen Ritus unseres Gottesdienstes von uns ab, der nach modernen Anschauungen ein wahres Kuriosum ist." Ganz folgerichtig. Die Sehnsucht, aufzugehen, aufgesaugt zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.