Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 12 DIEMKE LT 269 verdient die Damen Lola Becker und Heller und die Herren Viktor Eckhardt und Lampert. Das gelungene Arrangement der Veranstaltung führte der Schriftführer des Vereins, Herr Karl Preis, durch. Prag, Am 19. Februar d. J. veranstaltete der Jüdische Frauenverean in Prag anläßlich seines 10jährigen Bestandes einen Festabend im Hotel Central. Der festlich beleuchtete Saal bot schon lange vor Beginn des Festes einen schönen Anblick. Vorerst betrat die Präsidentin des Vereins, Frau Sofie Roubitschek das Podium, um die versammelten Festgäste zu begrüßen und einen kurzen Rückblick auf die Tätigkeit und Leistungen des Vereins während der vergangenen 10 Jahre zu werfen. Sodann hielt der Ehrengast des Vereins, Frau Rechtsanwalt Edith Lach mann aus Königshütte die Festrede in begeisterter und formvollendeter Weise. Nach kurzen Begrüßungen seitens befreundeter Korporationen und Abordnungen kamen die lebenden Bilder an die Reihe, deren Motive der jüdischen Geschichte entnommen, von Damen und Herren der Gesellschaft gestellt und durch einen schwungvollen Prolog eingeleitet, ungeteilten und rauschenden Beifall fanden. Den Abschluß bildete ein Tanzkränzchen. Der Verein kann mit dem Erfolg zufrieden sein, da sich viele neue Mitglieder zum Beitritt meldeten, was ein günstiges Prognostikon und Aufblühen des Vereins für das zweite Dezennium in Aussicht stellt. Sanok. Zu wiederholten Malen geschieht es, daß das hier erscheinende jüdische Wochenblatt „Volksf reund* von der Staatsanwaltschaft wegen harmloser Artikel konfisziert wird. Es scheint,'daß dies dem Staatsanwalt als geeignetstes Mittel dient, um die jüdisch-nationale Idee, welche von dem erwähnten Blatt verbreitet wird, zu ersticken. Merkwürdig ist es, daß dieses wachsame Auge des Staatsanwalts, welches in den Artikeln des „Volksfreund" eine Hetze gegen die andern Nationen sieht, immer zugedrückt wird, wenn die zweite in Sanok erscheinende, antisemitische polnische Zeitung Hetzartikel gegen die Juden zum Abdruck bringt. Wien. Montag den 6. März d. J. fand im Hotel „Post" das „Picknick jüdischer Mediziner und Veterinärmediziner Wiens, statt» das eine der gelungensten Veranstaltungen jüdischer Studenten in dieser Saison geworden ist. Der Abend, der ausschließlich von dem besten Publikum besucht war, wurde von dem Obmann des Exekutivkomitees, Herrn M. U. C. Albert Baum mit einer Ansprache eröffnet, in welcher er betonte, daß es zum erstenmal geschehe, daß die jüdischen Mediziner und Veterinärmediziner vor die Öffentlichkeit träten und damit auch gleichzeitig der erste Schritt zur Schaffung einer jüdischen Medizinerorganisation getan sei. Hierauf folgte eine kleine Akademie in Kabarettform, bei welcher Herr Opernsänger Schwarz, Herr Schriftsteller Reik, die Soubrette Frl. Tina Just, Herr Dr. Fritz Löhn er (Beda) und Herr Benno Li er von der „Fledermaus" mitwirkten. Den Vorträgen, welche das Publikum in die animierteste Stimmung versetzt hatten, folgte ein Tanzkränzchen. Wien. Vereinigung „BarGiora." Ausschußwahlen: Präsident cand. med. Natan A. Tajtacak, Vizepräses cand. med. Eduard Altmann, I. Schriftführer cand. cult. ing. Oskar Grof, II. Schriftführer stud. med. Adolf Ben au, Kassierer cand. med. Ascher Apte, Bibliothekar sttid. ing. Aurel Spiller. — Verbindung „Libanonia." Chargen wählen: cand. iur. Heinrich Sokal X, stud. iur. Andreas Altstädter XX, cand. med. Fritz Ticho XXX. Wien, Akademischer Verein „Esperanza." Chargen wählen: Präses M. U. C. Sol. Abrahamoff, Vizepräses cand. arch. Sam. Sumbul, Schriftführer stud. med. Esra E. Kajon, Kassierer stud. med. Sol. Davidovitz, Bibliothekar stud. med. Abr. Nissim. Berliner Brief Jedesmal, wenn der Militäretat im Reichstag zur Sprache kommt, müssen die Freisinnigen einen zwar nicht zu umgehenden, aber doch sehr zarten Vorstoß gegen die grundsätzliche Zurücksetzung der Juden im deutschen Heere machen. Wer da weiß, wie hoch in Preußen-Deutschland die Würde eines Reserveoffiziers geschätzt wird, wer gesehen hat, daß erst die Ehre, Reserveleutnant zu sein, den Bourgeoismenschen in Deutschland in seiner Klasse vollwertig macht, der versteht die offene und stille Sehnsucht der reichen jungen Herren, die Reserveoffizieruniform anziehen zu dürfen, der versteht den stillen Schmerz der millionenreich gewordenen Frau aus dem r>osenschen Kleinstädtchen, ihren Sohn in der Uniform nicht sehen zu können. Was eine Uniform vermag, das ist ganz erstaunlich. Die schlanke Taille, die blanken Knöpfe, der soldatische Gruß, das sind reelle, greifbare Werte, die wirklich gegenüber dem angegriffenen und abgegriffenen Judentum erst recht in die Erscheinung treten. Die systematische Ausschließung aller ungetauften Juden aus dem Reserveoffizierstand hat in Preußen weit mehr Proselyten iur das Christentum gemacht, als jede Judenmission seit Jahrhunderten vermocht hat. Und da soll man es wagen, von freisinniger Seite zu verlangen, ernsthaft zu verlangen, daß diesem Zustande ein Ende gemacht wird? Nein, das geht nicht! Wie wenig ernst es auch den Freisinnigen selbst mit diesen ihren Interpellationen ist, ersieht man am besten daraus, daß sie früher keinen andern in ihren Reihen fanden, gegen diese Zurücksetzung der ungetauften Juden Attacke zu reiten, als den getauften Juden Mugdan, der aber vorsichtshalber kurz zuvor die Gelegenheit vom Zaune riß, um sein neues christlich-religiöses Gefühl in würdiger Reichstagsbeleuchtung zu zeigen. Bei dieser Zurücksetzung handelt es sich nur um eine ganz bestimmte Klasse reicher Juden. Das betonte auch der Vertreter der Sozialdemokratie, der keine Neigung zeigte, gerade für diese Juden sich ins Zeug zu legen, die noch weniger soziales Empfinden zeigen als die entsprechenden Kreise der nichtjüdischen Bevölkerung. Aber er wies wie andere Redner die auf falschen und Herrn Raab gegenüber bereits als falsch nachgewiesenen Tatsachen beruhenden Schimpfereien desselben Herrn Raab zurück, den es natürlich nicht störte, daß er die Falschheit der von ihm angezogenen Tatsachen wissen mußte. Aber wenn es auch die Masse der Juden nicht interessieren könnte, wenn ein jüdischer Geck weniger Reserveoffizier oder sogarein imDienstunbrauchbar befundener Gerichtsassessor nicht Richter wird, so ist es etwas anderes, wenn zwar sonst Assessoren trotz ihres jüdischen Bekenntnisses Richter, aber jüdisch bleibende Einjährige niemals Offiziere werden. Das Grundsätzliche unterscheidet das Verfahren, und das Grundsätzliche in diesem Verfahren ist es, das der Verfassung, der Gerechtigkeit und der Ehrlichkeit widerspricht. Denn wenn auch der Kriegsminister sicher nicht um Haaresbreite von der Wahrheit gewichen ist, als er sein schmerzliches Bedauern hierüber aussprach, so ist es doch eine bittere Erfahrung für die Juden, zu sehen, daß die geheuchelte christliche Überzeugung genügt, jedes Hindernis fortzuräumen, auch trotz der allgemeinen Überzeugung, daß diese christliche Überzeugung doch nur erheuchelt ist. Denn es ist doch nicht bloß ein Zufall, daß auch die leichtesten Burschen, die schnoddrigsten Jungen aus der jüdischen Schicht, die den Liberalismus durch die Art ihrer Journalistik so verhaßt gemacht haben, Reserveleutnants werden, wenn sie entweder selbst den Weg zur Kirche gefunden haben, oder wenn ihre Eltern das Söhnchen bereits unmittelbar oder bald nach der Geburt haben taufen lassen, während ungetaufte Juden niemals seit dreißig Jahren, also seitdem der Antisemitismus entstanden ist, den Rock des preußischen Reserveoffiziers haben anlegen dürfen. Es ist doch ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß gerade die Fahnenflüchtigen unter den Juden dort Karriere machen können, wo die Fahnenflucht eigentlich keine Empfehlung sein dürfte. Der getaufte Jude war aber den Nichtjuden immer doch der bessere Jude. Zwar ist es angeblich ein Rassefehler der Nachkommen der Makkabäer, daß sie nicht genügend Mut haben sollen. Aber die Männer, die den Mut haben, alle Zurücksetzungen als Juden zu ertragen, werden nicht Offiziere, während die jungen Herrchen, die bewiesen haben, daß sie keine Beharrungskraft haben, ohne weiteres avancieren. Handelt es sich um einen Rassefehler, wie behauptet wird, so ist es jedenfalls interessant zu erfahren, welche innern Vorgänge es sind, die die Rasse durch die Taufe sofort so verbessern, daß die Offizierfähigkeit daraus hervorgeht. Immerhin kann man aber die jüdischen Kreise der reichen Bourgeoisie nicht von dem Vorwurf freisprechen, daß sie selbst arn meisten dazu beitragen, diesen Zustand der Durchbrechung der Gleichberechtigung herbeigeführt zu haben. Denn wenn eine Behörde oder ein Kreis die Juden nicht gern ungetauft bei sich aufnehmen, wiewohl das Bestreben dem Gesetz und der Verfassung widerspricht, wissen, daß die Mehrzahl der in Frage kommenden Juden ihnen durch die Taufe jederzeit gern entgegenkommt, wenn ihnen kein Zweifel darüber obwaltet, daß diese Juden jederzeit bereit sind, ihrem persönlichen Vorteil und ihrer Eitelkeit die Rechte ihres Stammes und ihrer Stammesgenossen zum Opfer zu bringen, warum sollen da die Behörde oder die preußischen Offiziere mehr auf die Rechte der Juden bedacht sein als die angeblich „besten Kreise" der Juden selbst. Die Gleichberechtigung der Juden wäre in Preußen längst durchgeführt, auch nach dieser Richtung hin, wenn sie nicht jeden Augenblick der persönlichen Eitelkeit und der Karriere gewissenloser Juden zum Opfer fiele, die um der Reserveoffizieruniform willen stets bereit sind, den Akt zu vollziehen, der ohne religiöse innere Überzeugung einen wissentlichen Meineid darstellt. Die Frage, ob Juden ungetauft Reserveoffiziere werden oder nicht, hat zwar ein praktisches Interesse nur für jenen Gesellschaftskreis reichgewordener Juden, die im heutigen deutschen Judentum fast nur von Schaden sind; aber alle Juden sind deshalb gleichmäßig ideell daran interessiert, weil es sich dabei grundsätzlich