Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316474--54387-3348172- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 22 DIE^ELT 265 dekretiert die moralische und religiöse Inferiorität der Juden und des Judentums und kann auf dieser „ethischen" Grundlage schrankenlos Gesetz auf Gesetz häufen, die das Leben'der Juden in jeder Beziehung knebeln. Tolstoi unterzieht diese ethische Verschleierung roher Instinkte einer scharfen Kritik. Ergeht die Hauptgesetze, die in dem Gesetz über die Ansiedlungszone kulminieren, gegen die Juden durch: Diese Gesetze haben ihren Zweck der Absonderung erstens nicht erreicht; es wird sich wohl kaum ein Ort außerhalb der Ansiedlungszone aufweisen lassen, in dem es keine Juden gibt. Dann aber hat der durch die schreienden Notwendigkeiten des Lebens bedingte Versuch zur Umgehung dieser knebelnden Gesetze zu völliger Demoralisation eines großen Teiles der Beamtenschaft geführt; anderseits haben die Breschen in dem Gesetze für die Kaufleute erster Gilde, für Leute mit akademischem Grade, für Handwerker einen Zustand hervorgerufen, der ethisch und politisch zu haarsträubenden Resultaten führte. Die Geldgier der Juden soll eingedämmt werden; hier wird eine Prämie auf den Gelderwerb gesetzt. Der Ehrgeiz, die Bildungsgier der Juden soll durch beschränkende Schulgesetze unterdrückt werden; man erreicht wiederum eine wahnsinnige Wertschätzung des Geldes (denn wer Geld hat, kann seine Kinder leichter in die Schulen hineinschmuggeln); auf der andern Seite wird durch die Prozentnorm der Ehrgeiz aufgepeitscht, ein grollendes, mit revolutionären Gedanken erfülltes Intelligenzproletariat geschaffen. Tolstoi kommt zu dem Schlüsse, daß die unmenschlichen Judengesetze nur Schaden auf der ganzen Linie gestiftet haben, und tritt für völlige und rückhaltlose Emanzipation der Juden ein. Nachdem er mit wuchtigen Worten die Befürchtung etwaiger nachteiliger Folgen als grundlos zurückgewiesen hat, bespricht er zum Schluß die Folgen der Emanzipation für den Fortbestand des Judentums selbst. So sehr er aus ästhetisch-ethischen Gründenm eine völlige Assimilation bedauern würde, so kann er sich der Oberzeugung nicht verschließen, daß die völlige Emanzipation zu einem ebenso völligen Untergang führen würde. Cessante causa cessat effectus; der einzige Grund der Erhaltung des Judentums (oder auch anderer Nationalitäten oder Religionen) innerhalb der herrschenden Nation sei die Verfolgung gewesen. Sobald diese aufhörte, würde das Judentum allmählich verschwinden. Es erübrigt sich hier, ausführlich diese Ansicht zu widerlegen. Es sei nur kurz darauf hingewiesen, daß mit einer selbst völlig uneingeschränkten Emanzipation die Rassenvorurteile resp. Gegensätze noch nirgends und niemals verschwunden sind. Wenn auf Amerika hingewiesen wird, in dem die zweite oder dritte Generation der jüdischen Einwanderer sich zu Vollblutyankees entwickelt, so muß betont werden, daß dies nur Einzelerscheinungen sind, daß Amerika aber auch aus dem Grunde nicht zum Vergleich herangezogen werden kann, weil dort der Widerstand gegen eine Verschmelzung von Seiten der christlichen Bevölkerung keine so starken Wurzeln hat wie in den europäischen Völkern mit ihren Jahrtausende alten antijüdischen Tendenzen. Pauline Wengeroff. Memoiren einer Großmutter. Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Rußlands im 19. Jahrhundert, Band II, Berlin 1910. Verlag von M. Poppelauer. Wenn Frau Lilly Braun, die glänzende und eigenartige Erscheinung im sozialistischen Lager, die dreiuhdvierzigjährige, sich nicht gescheut hat, in ihren Memoiren das allerpersönlichste ihres Innen- und Außenlebens der Mitwelt preiszugeben, wenn diese moderne Memoirenwut jüngere Schriftstellerinnen zwingt, in mehrbändigen Werken tausend Details ihrer gewöhnlichen Lebensschicksale in breitester Ausführlichkeit zu erzählen, so wird man es der Greisin nicht sehr verargen, daß wie im ersten, so auch im zweiten Bande ihrer Memoiren neben dem kulturgeschichtlich interessanten und bemerkenswerten Erlebnissen allzupersönliche Momente einen etwas breiten Raum einnehmen. Der liebenswürdige und treuherzige Ton der Erzählung läßt uns leicht die überflüssigen Ausführlichkeiten vergessen. Überschauen wir das Ganze, so haben wir wirklich einen recht wertvollen, lebenswahren, anschaulichen Bericht über Leben und Gewohnheiten der wohlhabenden jüdischen Familien Rußlands, aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Die persönlichen Erlebnisse der Verfasserin, Verlobung, Heirat, Wanderjahre, Lossagung der Kinder vom Judentum werden in den Rahmen der großen, das Judentum tief berührenden Ereignisse jener Zeit der Wandlungen gestellt, erhalten durch sie und geben ihnen eine einzigartige und bedeutsame Beleuchtung. Die Zeit der Aufklärung die von innen heraus, die Epoche des kurzen Freiheitsrausches unter Alexander II, die von außen her, das äußere und innere Leben der Juden Rußlands umzugestalten, zu revolutionieren, zu zersetzen sich anschickte, findet ihr treues Echo in dem abwechslungsreichen Leben der Familie Wengeroff. Die Frau, ein echtes treues jüdisches Weib, hängt mit seltener Innigkeit an jüdischem Gesetz, Sitte und Tradition, der Mann, tätig, energisch, vom neuen Leben mitgerissen, macht sich innerlich und äußerlich davon frei. Dieser Gegensatz wirft auf das Gemüt der Frau und auf das Familienleben, das sonst von innerer Wärme strahlt, seine trübenden Schatten; und die Söhne verlassen das jüdische Lager! So hören wir nichts von dem gewöhnlichsten, brutalsten jüdischen Ghettoleid. Die tiefe Zerrissenheit des jüdischen Familienlebens, das tiefste Judenelend kann nicht tragischer sich dokumentieren als in dieser Familiengeschichte. Aber Frau Wengeroff hat dankerfüllten Herzens die neue Zeit der beginnenden jüdischen Wiedergeburt mit erlebt, und alles, was jene trübe Zeit an warmem jüdischen Leben in ihr ersticken mußte, wird wieder lebendig in ihr und wirft nun wiederum ein helles Licht auf jene lebenswarmen Schilderungen jüdischer Sitte und jüdischen Lebens, an denen ihr Buch so reich ist und die sie mit poetischem Schimmer umgibt. Adolf Dessauer, Großstadtjuden. Roman. Wien und Leipzig, Wilhelm Braumüller, 1910. Dieser Roman hat eine Tendenz, die nicht nur im Vorwort bezeichnet, sondern überall im Buche selber stark unterstrichen wird. So wirft das Ziel des Verfassers seine Schatten voraus, und die rein künstlerische Bedeutung des Romans wird von vornherein beeinträchtigt durch das, was „gezeigt" werden soll. Gezeigt soll werden, daß „allein jene Mischehen, die zugleich Herzensbündnisse sind, ein Glück für die Beteiligten und ein Gewinn für die Allgemeinheit sind, und daß vice versa diejenigen Mischehen, die nur in der „krankhaft übertriebenen Hinneigung eines Teiles der modernen Großstadtjuden zu ihren christlichen Mitbürgern" ihre innere und n irgendwelchem eitlem Trachten ihre äußere Ursache haben, ein Unglück für beide Tele bedeuten. Das ist eine Allerweltsweisheit, die in ihrem negativen Teil sicherlich von niemand bestritten wird, in ihrem positiven Teil tausend Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten offenläßt und damit das eigentliche Problem umgeht. Was hier behauptet wird, trifft ja gar nicht das Besondere der Mischehe, sondern jede Ehe überhaupt. Oder muß erst besonders bewiesen werden, daß die Momente, die auch sonst zu einer Zerstörung der Ehe führen, bei einer Mischehe mit verzehnfachter Gewalt wirken? Aber die Ehe zwischen Leopold, dem Juden, der die Juden und alles Jüdische haßt und verachtet, und Frizzi, der Christin, die, bar jeder ethischen Grundlage, schließlich fast zur Kokotte herabsinkt, die Ehe zwischen dem verbummelten Baron und der jüdischen Milionärstochter, gehen lediglich wegen ihrer innern Hohlheit in die Brüche, und es braucht wahrhaftig nicht erst der Rassengegensätze, um sie zu vernichten. Die Problemfrage konnte doch nur so gestellt werden: „Kann ein Hdrzensbündnis zweier vollwertiger Menschen aus den feindlichen Lagern, die in ihrer Gesamterscheinung bewußt und unbewußt ihre Rasse repräsentieren, im Leben, wo die Gegensätze immer wieder aufeinanderplatzen müssen, Bestand haben, ohne das seelische Gleichgewicht der Partner zu zerrütteln oder zu stören?" Darauf bekommen wir keine Antwort. Das Problem konnte nur gelöst werden, nicht indem Rassengegensätze disputiert oder als Vorurteile theoretisch überwunden werden, sondern indem das durch „Herzensbündnis" vereinigte Paar mitten in alle großen Konflikte der jüdischchristlichen Welt hineingestellt wurde. Das ist nicht geschehen, und darum beginnt das Problem erst da, wo der Verfasser aufhört. Das einzige, was ihm gelungen ist, sind einige jüdische Großstadttypen; aber reiches Leben ist auch ihnen nicht eingehaucht. Der Volker Liebesgarten. Leipzig, Julius Zedlin, 1909. Das Buch enthält eine Sammlung von Liebesliedern der verschiedenartigsten Völker. Auch wir nehmen ein bescheidenes Plätzchen ein. Das „Hohe Lied", das fast ganz abgedruckt ist, rettet uns; sonst würden wir untergehen in diesem Meer von Liebeswellen, die bald brausend, bald sanft liebkosend an unser Ohr schlagen. „Wir", d. h. die alten Hebräer; denn daß es jetzt noch Juden gibt, deren Liebeslieder einen besondern Platz unter denen der andern Völker beanspruchen, das scheint der Sammler nicht beachtet zu haben. Außer dem „Hohen Liede" finden wir noch einen Psalm (45), dessen Beziehung zu einem Liebeslied etwas dunkel bleibt, den Preis der schönen, anmutigen und — schweigsamen Frau aus Sirach, und je ein Lied von Jehuda Halevi, Ibn Esra und Alcharisi. D;e Sammlung hätte reichhaltiger sein und uns sehr wohl zeigen können, daß auch die jungen Juden unserer Zeit zu lieben verstehen und von der Liebe singen. Onkel Siegfried, Die Killeberger. Nach der Natur aufgenommen Dritte Auflage, Leipzig, M. W. Kaufmann, 1910. Die photographische Platte, mit der diese Bilder aus dem jüdischen Leben einer Kleinstadt aufgenommen sind, muß recht lädiert gewesen sein, sonst hätten nicht so groteske Verzerrungen das Licht der Welt erblicken können. Die Killeberger haben (zunächst wenigstens) noch keine Eisenbahn, aber ganz blödsinnig