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Die Welt · 1911-03-24 · 12 (24.3.1911) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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264 DIE^E LT No. 12 Dienst. Und wenn Rothschild sich nicht revanchiert, dann wehe den Juden! So sprach der Führer der französischen Sozialdemokratie Jaures. Wir wollen diese Äußerung nicht überschätzen. Wir Zionisten haben es nicht nötig, diese Entgleisung, und als solche wird sie nachträglich wohl Jaurfes selbst empfunden haben, auszuschlachten. Aber sie leuchtet doch wie ein Blitz in die Tiefen der französischen Volksseele. Und nun die Affäre Bernstein. Henry Bernstein wird, ähnlich wie Dreyius, wohl nie geahnt haben, daß er als Jude angegriffen werden wird. Monsieur Bernstein liebte es, in seinen Stücken die Juden von der verächtlichsten Seite zu zeichnen. Kein Wunder, da er seine Typen aus jener faulen, untergehenden Schicht der Bourgeoisie holte, der — er selbst angehörte. Monsieur Bernstein kokettierte mit der Rolle eines jüdischen Antisemiten, bis der Lärm der Straße unsanft seine Pose störte. Der Anlaß war eine einfache antisemitische Büberei, die wir sine ira et studio kurz kennzeichnen wollen. Zur Zeit als Bernstein beim Militär diente, geriet er in den Bann der antimilitaristischen Ideen,. deren eifrigster Agent Urbain Qohier war. Bernstein desertierte, obwohl er nur noch vier Monate auf seine Entlassung hätte warten müssen. Aus Brüssel schrieb er an Gohier :„ ... Ich bin nach sieben Monaten Dienstzeit fahnenflüchtig geworden, sieben Monaten recht ungewöhnlicher Art, die mich erst Geld gekostet haben, und die mir, als ich kein Geld mehr hatte, Zähneklappern verursachten. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß meine meisten Vorgesetzten Fälscher und Erpresser waren." (Zum bessern Verständnisse bemerke ich, daß damals Gohier ein Pamphlet „Sousofficiers" veröffentlicht hatte, in dem er die Durchstechereien und Bestechlichkeit der französischen Unteroffiziere geißelte. Darauf spielt Bernstein offenbar an.) Und nun fährt er fort und läßt uns einen Blick in die speziell Bernsteinsche Psyche tun: „Fassen Sie meinen Brief nicht als eine leere Höflichkeit oder als eine Aufdringlichkeit auf, wie sie leider der Fehler meiner Glaubensgenossen ist, die auf allen Gebieten Anreißer bleiben." Man sieht, Monsieur Bernstein war groß in der Kritik — anderen Dies kann uns aber nicht hindern, die Gesinnungslumperei des Herrn Gohier anzunageln. Als der Antimilitarismus nicht mehr ziehen wollte, mauserte sich dieser Ehrenmann allmählich zum Antisemitismus durch. Gerade als sich die Wandlung dieser schönen Seele vollzogen hatte, kam im „Theätre frangais" das jüngste Stück der Bernsteinschen — Muse oder Muße heraus: Apres moi. War es der Neid, daß dieser Jüngling sich schon die Bühne Molieres erobert hatte, oder war es die Art der Renegaten, die ihren Abfall erst durch eine besondere Lumperei bekräftigen zu müssen glauben,—Gohier veröffentlichte den obenzitierten Privatbrief und gab das Opfer seiner eigenen Agitationen ohne irgendwelche Bedenken der Beschimpfung der Gasse preis. Das war natürlich ein gesundes Fressen für die hoffnungsvolle Jugend der nationalistischen „Action fran- <;aise". Wenn Jaures sich den Luxus der Generalisierung erlauben kann, um so mehr die Klopffechter wie Leon Daudet, Tery e tutti quanti. Jede Vorstellung wurde durch antisemitische Radauszenen gestört, so daß Bernstein selbst sein Stück zurückzog. Und nun die Moral aus der Geschichte. Wir fürchten sehr, daß wieder einmal das ganze jüdische Volk die Kosten der Erziehung eines. einzelnen Individuums zur Anständigkeit wird zahlen müssen, von dem es vorher selbst angegeifert wurde. Denn es brodelt wieder unter der gleißenden Oberfläche der schönen Stadt Paris. Was aus diesem trüben Gischt emporsteigen wird, irgendeine Eintagsgröße oder eine länger dauernde antisemitische Strömung, das kann man bei der Wandelbarkeit der Franzosen heute nicht sagen. Aber jedenfalls beweisen diese Szenen in Paris, „der Leuchte der Welt", wie recht wir haben, wenn wir fortwährend unsere im assimilatorischen Taumel begriffenen Stammesgenossen aufmerksam machen, daß der Boden, auf dem sie tanzen, — ein Vulkan ist. Nach Dreyfus Bernstein. Und nach Bernstein? FEUILLETON o □ □□□□□]] O c^ - o Einige Neuerscheinungen Besprochen von Dr. A. Nacht, Berlin Graf J. Tolstoi, Der Antisemitismus in Rußland. Übersetzt von Dr. Arkadius Lieberstein. Frankfurt a. M. J. Kauffmann, 1909. Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß ein gewesener russischer Minister es wagt mit Ansichten über die Judenfrage an die Öffentlichkeit zu treten, die das Regierungssystem bei der Behandlung der Judenfrage an den Pranger stellt. Bedenkt man, wie immerhin liberale Ideen diesen Unterrichtsminister der freiheitlichen Ära, Witte, erfüllen, und erwägt man, wie karg bemessen die liberalen Reformen des Unterrichtswesens zu jener Zeit waren, so kann man darnach beurteilen, wie Starke reaktionäre Kräfte hinter den Kulissen die Entwicklung zur Freiheit hemmten. Man kann dem Grafen Tolstoi durchaus nicht den Vorwurf machen, daß seine Ansichten von judophilen Empfindungen beherrscht sind. Man empfindet zwischen den Zeilen den Juden gegenüber eine kühle Reserve. Dieser reservierte Ton ist hier nur zu loben. Wenn die in dieser Veröffentlichung vertretene Ansicht mehr als eine akademische Theorie bleibt, wenn sie gerade auf die Kreise wirken sollte, die aus scheinbar objektiven Gründen gegen die Befreiung der Juden sind, so mußte der liberale Minister seine Empfindungen den Juden gegenüber zurücktreten lassen. Mit um so größerer Wucht können seine Argumente wirken, wenn er, ohne sich von persönlichen Sympathien oder Antipathien leiten zu lassen, in schlagender Weise die Absurdität, „Erfolglosigkeit, Schädlichkeit der Antijudengesetze aufzeigt, beweist, daß gerade durch diese Gesetze die Schäden in potenzierter Weise gefördert wurden, gegen die man sich angeblich durch die Gesetze schützen wollte. Tolstoi geht von der Tatsache aus, daß eine Reihe von Reformen aus dem Grunde unterlassen oder umgangen wurden, weil mit ihnen die eine oder die andere Beschränkung der Juden hätte fallen müssen. Deshalb hält er die Lösung der Judenfrage für ein unentbehrliches Glied in der Kette der Fragen, um deren Lösung das ganze große Rußland seufzt Der Antisemitismus erscheint ihm letzten Endes begründet in .der Furcht vor der wirtschaftlichen und politischen Konkurrenz der Juden. Der Staat oder die Regierung, die sich offen nicht zur Vertreterin egoistischer Interessen bekennen kann

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