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Die Welt · 1911-03-24 · 12 (24.3.1911) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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no. 12 ■ die: Zum Schekelinkasso Vor zehn Jahren bereits, als ich dem Actions-Comite noch angehörte, wurde es mir klar, daß unsere Zentrale, das E. A. C. nur dann erfolgreich arbeiten und den Wünschen des Kongresses — deren es nicht wenige gibt — entsprechen kann, wenn ihr die notwendigen materiellen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Diese Mittel bestehen vor allem aus dem Schekeleingang, und wenn die Schekel voll und ganz der Zentrale zugeführt werden, würde das Actions-Comit6 das Auskommen mit demselben finden. Schon damals habe ich Dr. Herzl nahegelegt, eine Reorganisation des Schekelinkassos durchzuführen und zu diesem Behufe ein eigenes Bureau zu errichten, an dessen Spitze ein Mann steht, den wir Generalsekretär oder Schatzmeister benennen wollen. Diese Person sollte vom Kongreß gewählt werden, um letzterm wiederum Rechenschaft abzulegen. Dr. Herzl war die Idee sehr sympathisch und nach mehrmaliger diesbezüglicher Rücksprache wollte er sie in den spätem Jahren durchführen. Er fand den damaligen Zeitpunkt noch zu verfrüht, weil unsere Organisation noch zu jung, und in ihr noch nicht genügend das Pflichtgefühl für die oberste Instanz eingewurzelt war, ebensowenig das Bewußtsein, daß eine so große Organisation auf sichere Steuereinnahmen nicht verzichten kann. Wenn ich auch damals dieser Ansicht nicht beipflichten konnte, fügte ich mich Dr. Herzl; die Erfahrung lehrte aber, daß die Leistungsfähigkeit des A. C. während der ganzen Jahre unter der finanziellen Not gelitten hat und infolgedessen auch unsere ganze Bewegung. Dermalen aber dürfte jedem einzelnen Zionisten und jeder einzelnen Organisation die Notwendigkeit der von mir angeregten Institution einleuchten. Die Vertrauensstellung der nachstehend beregten Schatzmeister, der obern Behörde einerseits, und die Unabhängigkeit von dem Verwaltungskörper, welchem sie angehören, anderseits würden dazu führen, daß sie eine exzeptionelle Stellung einnehmen, die ihnen die Pflicht auferlegt, den Schekel einzukassieren, und durch Vermittlung der vorgesetzten Schatzmeister den Schekel ungekürzt dem obersten Schatzmeister abzuführen. Der Zentrale würden Kräfte verliehen werden, welche sie in die Lage versetzen, allen Anforderungen zu entsprechen, und erst dann würden viele Kritiken am Platze sein. Die gesamte Bewegung hätte erst dann berechtigte Ansprüche an die Zentrale zum Unterschied von jetzt, wo aus vielen Ländern nicht einmal 50 °/o des Schekeleingangs der gebührenden Stelle zugeführt werden. Wenn vor zehn Jahren einzelne Organisationen der materiellen Unterstützung durch das Actions- Comite nicht entsagen konnten, war das vielleicht noch zu entschuldigen, heute muß sich jedoch jede Landesorganisation Einnahmequellen für ihre Existenz zu schaffen wissen, um den Schekel, die direkte Steuer, in gebührenderweise abzuführen. Bei den mir bekannten Verhältnissen in den verschiedenen Organisationen läßt sich dies nur durch folgende Institution durchführen: 1. Jeder Einzel verein wählt in seiner Generalversammlung einen sogenannten Schatzmeister, welcher das Schekelinkasso je nach den lokalen Verhältnissen im Einverständnis mit dem Vereinskassierer gemeinsam mit dem Vereinsbeitrag oder aber selbstständig einkassiert. Dieser Schatzmeister wird der obern Behörde, bei uns in Böhmen z. B. dem Distriktskomitee namhaft gemacht. 2. Die Delegierten des Distrikskomitees wählen auf ihrem Distriktskomiteetag einen Schatzmeister, welcher gleichfalls lediglich das Inkasso des Schekels zu besorgen hätte, und zwar wären ihm die Schatzmeister der einzelnen Vereine subordiniert und müßten jedes Vierteljahr ihm verrechnen und den Schekeleingang an ihn abführen, und zwar ungekürzt. 3. Die Delegierten der Landesorganisationen wählen auf ihrem Parteitag einen dritten Schatzmeister, welchem die Schatzmeister der einzelnen Distriktskomitees unterstehen und an den sie die eingegangenen Schekel gleichfalls ungekürzt jeden Monat resp. jedes Vierteljahr abführen. jKELT 263 4. Der Kongreß wählt den obersten Schatzmeister, welchem die Schatzmeister der Landesorganisationen direkt unterstehen und gleichfalls jeden Monat resp. jedes Vierteljahr den Schekeleingang abführen. Der oberste Schatzmeister hat den gesamten Schekeleingang dem E. A. C. resp. dessen Kassierer sofort nach Eingang zu übergeben. Zur Durchführung dieser Organisation Wirdes selbstverständlich einheitlicher Drucksachen bedürfen, ebenso einheitlicher Praktizierung in der Weise, daß seitens der Vereinsleitung dem Schatzmeister das Verzeichnis der Schekelzahler behufs Inkasso übergeben wird, und dieses Verzeichnis wird dem obern Schatzmeister übermittelt werden müssen, noch bevor das Inkasso durchgeführt wurde, damit die vorgesetzten Schatzmeister die Kontrolle haben, daß das Schekelinkasso gewissenhaft durchgeführt wurde. Ja der oberste Schatzmeister würde dadurch Gelegenheit bekommen, die Entwicklung der Bewegung nach dem Schekeleingang in den einzelnen Ländern zu verfolgen und gegebenenfalls nach Verständigung mit dem E. A. C. m zurückgebliebenen Ländern zugunsten der Bewegung einzuschreiten. Die einzelnen Schatzmeister sind selbstverständlich Mitglieder der einzelnen Körperschaften mit beratender und beschließender Stimme, doch hat der vorgesetzte Schatzmeister das Recht, den subordinierten Schatzmeister im Einverständnis mit der bezüglichen Behörde seines Amtes zu entheben, wenn Saumseligkeit oder Unkorrektheit vorliegen. Die obere Behörde ernennt dann bis zur nächsten Versammlung, in welcher die Delegierten einen neuen Schatzmeister wählen, den provisorischen Schatzmeister. Karl Resek, Prag. Apres Dreyfus Von Ben Josua In Paris geht etwas vor. Und wenn Paris auch nicht die Welt bedeutet, wie der Franzose träumt, so bedeutet es doch Frankreich. Eine psychologische Vertiefung in die Vorgänge ist daher nicht überflüssig. Seit der Rehabilitierung des Kapitäns Dreyfus triumphierten die Optimisten in unserm Volke. Zwar wurde Dreyfus seitdem wieder pensioniert, weil er sich übergangen glaubte; er wurde auf der Straße von Garnins mit und ohne Frack insultiert, ohne daI3 die angerufenen Gerichte ihm den Ehrenschutz, auf den er doch Anspruch hatte, gewährt hätten, aber das störte unsere Alleweltbeglücker nicht in ihren Prophezeiungen. Die Affäre war erledigt, der Antisemitismus in Frankreich tot. Sie sprechen geradeso zuversichtlich, wie sie vor der Affäre gesprochen hatten. Feinere Ohren aber hätten betroffen aufhorchenmüssen. Bei den Deputiertenwahlen, besonders bei den Nachwahlen, drangen auffallend viele Nationalisten (lies Antisemiten) in Paris durch. Im Gemeinderate errangen sie die Mehrheit. Gegen die eingewanderten russischen Juden erhob sich eine wüste Agitation. Doch dies war alles nichts. Jaures, der Dreyfusard Jaures, der Sozialdemokrat Jaures, der Apostel der allgemeinen Völkerverbrüderung, konnte es nicht unterlassen, im Parlamente anläßlich der Debatte über den verunglückten Ausstand der Eisenbahner den Juden mit dem Antisemitismus zu drohen, wenn Rothschild nicht seinen Einfluß bei der Nordbahn für die Wiederanstellung der Entlassenen verwendete; dies solle der Dank für die Haltung der Arbeiter in der Affäre Dreyfus sein. Man bewundere diese Logik! Das Eintreten für Dreyfus muß bezahlt werden; es ist nach Jaures nicht ein selbstverständlicher Ausfluß der sozialdemokratischen Prinzipien, sondern es ist ein den Juden geleisteter 2*.

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