Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 12 (24.3.1911)
- Date
- 1911-03-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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262 DIEI^ELT No. 12 die Frage, ob sie „Hebräisch lesen" können, würden sie sich nur wundern. Das ist selbstverständlich. Hebräisch ist auch heute noch die allgemeine Bildungssprache der Juden im ganzen Osten geblieben. Dadurch aber sind sie von vornherein durchaus jüdischnational. Denn ihr ganzes Denken ist mit der ganzen historischen Vergangenheit dadurch verbunden. Sie leben in der alten hebräischen Literatur, die ihnen in den wichtigsten Bestandteilen durchaus geläufig ist. Der bewußte Nationaljude, dem das Hebräische unbekannt und dem die Idee nur eine politische Erwägung bleibt, ist weit weniger von dem nationalen Geiste des Judentums durchdrungen, als der unpolitische Jude, der sich aber ganz und gar im hebräischen Denken zu Hause fühlt. Einen gewissen Ersatz vermag die durch andere Sprachen vermittelte Kenntnis in jüdischer Geschichte zu geben. Aber qs bleibt auch das ein Ersatz. Darum ist freilich auch die politische nationaljüdische Idee in dieser Hinsicht nicht etwa überflüssig oder gar schädlich. Beide in ihrer Ergänzung führen zu folgerichtigerem hebräischem Denken. Sie(sind Ergänzungen zueinander. Das Jüdischdeutsche vermittelt die Kenntnis von Schiller und Lessing. Das ist wichtig für Juden, die niemals ihre geistigen Bande mit Deutschlands Sprache und Literatur aufgegeben haben, trotzdem sie seit Jahrhunderten von dort vertrieben sind. Aber das Hebräische vermittelt die Kenntnis von Mosche und Jeschaja, von Jehuda Han-Nassi und Jehuda hal-Lewi. Und diese sind für die organische Entwicklung jüdischen Denkens und Empfindens, für die Fortexistenz des Judentums von ganz anderer und ausschlaggebender Bedeutung. Immerhin hat das Jüdischdeutsche außerordentlich viele hebräische Wörter und Wendungen und weist damit an und für sich seinen Träger aufs Hebräische hin. Auch in diesem Sinne hat es einen bedingten nationalen Wert. Aber sein Grundwesen ist deutsch. Wenn die Partei, die es an Stelle des Hebräischen zur Nationalsprache machen möchte, sich bemüht, es durch Fremdwörter aus dem Russischen zu einer selbständigen Sprache zu machen, so erreicht sie allerhöchstens, das russische Jüdischdeutsch und das amerikanische einander unverständlich zu machen. Das Jüdischdeutsche ist und bleibt eben doch deutsch. Dagegen ist selbst das schlechteste Hebräisch immer noch hebräisch, d. h. jüdisch. Jahrhunderte lang hatte das Judentum sein Wesen ausschließlich in der Erfüllung des Gesetzes und in der Hoffnung seiner Errettung aus der Verbannung gesehen. Das hatte vollauf genügt, um das Judentum über die Jahrtausende zu erhalten. Während alles Menschliche, jeder Verkehr von Mund im Jüdischdeutschen, Jüdischspanischen, Arabischen usw. erfolgte, war das Hebräische die Sprache für das Judentum geblieben. Die Einseitigkeit des Judentums prägt sich sprachlich darin aus, daß das Hebräische sich nur in der Begriffswelt des Gesetzes, der Philosophie und der synagogalen Poesie entwickelte und erweiterte. Aber als Sprache, d. h. doch als gesprochene Gedankenwelt wurde es unfruchtbar. Es war völlig erstarrt. Als die spanischen Juden in die Türkei, die deutschen Juden nach Polen getrieben wurden, erhielt auch das Hebräische einen schweren Schlag. Besonders die geringen Reste in Deutschland zurückbleibender Juden zeichneten sich durch Unwissenheit aus. Ohne die Lehrer, die sie aus dem nunmehrigen Sitze deutschsprechender Juden, aus Polen bezogen, wären sie noch früher und noch mehr der völligen Unwissenheit im Jüdischen anheimgefallen. -Da setzt die große Geistesrevolution des achtzehnten Jahrhunderts ein. Es ist die Aufklärung, die von Frankreich ausgeht. Gegen das Christentum gerichtet, ist sie später dem Bestände gerade des Judentums gefährlich geworden. Denn sehr bald wirkte diese Aufklärung auf die Juden, viel früher, als sich politische Folgen geltend machen. Das deutsche Judentum zumal beginnt zu gären. Das Judentum wird von Grund aus aufgewühlt. Die schlechtesten, im Judentum die leichtesten Elemente kommen zuerst nach oben und setzen sich am Rande als Satz ab. Auf der einen Seite wollen jakobinische Idealisten und Ideologen das Judentum auflösen. Diese jüdischen Schwarmgeister geben den materiell und persönlich gesinnten Geistern den Vorwand, sich aus angeblichem Idealismus aus dem Judentum herauszulügen. Auf der andern Seite hat ein Teil sehr gelehrter und dem Judentume ergebener Männer begonnen, mit überkommenem jüdischem Wissen europäische Wissenschaft und Kultur zu verbinden. Hierin geht besonders Schlesien voran. Der Kampf um die Zerstörung oder Erhaltung und Ausbauung des Judentums ist eine Folgeerscheinung der großen Geistesrevolution, die vor der politischen von Frankreich ausging. Die unlösliche Verbindung des Judentums mit dem Hebräischen brachte es mit sich, daß dieser Kampf zu einem großen Teile ein Kampf um das Hebräische war. Dabei gehen die Revolutionäre des Judentums nach zwei verschiedenen Richtungen auseinander. Die einen wollen das Hebräische als lästig abschaffen. Sie empfinden, daß das Hebräische die festeste Verankerung des Judentums ist. Daher laufen sie Sturm gegen das Hebräische. Die allgemeine Unwissenheit der deutschen Juden im Hebräischen kommt ihnen dabei zu Hilfe. Sie weisen mit Recht darauf hin, daß das Hebräische nur die Gebetsprache dieser Juden ist und daß sie ihre Gebete nicht verstehen. Die andern wollen vermittelst des Hebräischen die neuen Kulturgedanken in das Volk tragen. Wie dort für ein reines Deutsch, so wird hier für ein reines Hebräisch gekämpft. Aber die beiden Richtungen schließen sich keineswegs aus. Derselbe Wessely, der zuerst wieder in reinem Hebräisch ein großes Epos zu dichten unternimmt, ist auch einer der Vorkämpfer der reinen deutschen Sprache. Derselbe David Friedländer, dessen Wunsch es ist, sich in die deutsche Nation durch eine konfessionslose Scheintaufe allmählich hineinzuchristianisieren, beteiligt sich auch, wenn auch wenig an dem neuen reinen Hebräisch. So entsteht in der Zeit des werdenden und gärenden neuen Judentums, in der Geburtsstunde der Assimilationsversuche auch jener Ham-Meassef, der von besonderer Bedeutung für das neue Hebräische wurde. Das ist dort noch eine schwerfällige, wenn auch grammatisch korrekte Sprache. Aber zwischen dem Ham-Meassef und den hebräischen Tageszeitungen liegt nicht einmal sin Jahrhundert. Und von Wessely bis Bialik ist ebenfalls auch nur ein Jahrhundert vergangen. So haben die neue hebräische Sprachbewegung und die Versuche, das Judentum allmählich auseinander zu reformieren, zum Teil wenigstens die gleichen Ausgangspunkte. Beide sind von dem Streben, aus dem Ghetto herauszukommen, ausgegangen. _ (Fortsetzung folgt.)