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Die Welt · 1911-03-24 · 12 (24.3.1911) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
12 (24.3.1911)
Date
1911-03-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nationalsprache gewesen war, und ist des fortlebenden Volkes Kultur- und Geistesspräche ohne Unterbrechung geblieben. Die Literaturen der Juden haben in andern Sprachen hohe Blüten gezeitigt, aber sie blieben doch immer nur Episoden. In vielen Sprachen traten die Juden redend und schreibend auf. Sie waren Dichter und Philosophen, Schriftsteller und Denker. Lobte man sie, so galt ihr Lob den spanischen, deutschen, russischen Literaturen, griff man sie an, so galt der Angriff den Juden. Sie wurzelten weder im Judentum, noch in den fremden Literaturen. Deshalb sind sie vergessen und werden* vergessen werden. Was das Judentum auch im fixil Unsterbliches schuf, war entweder von vornherein Hebräisch geschrieben, oder es rettete sich auf die Nachwelt in seiner hebräischen Übersetzung. Der Moreh Nebuchim ist das bedeutendste Beispiel, aber doch nur eines von vielen Tausenden. Nur das Hebräische war und blieb die Kultur- und Qeistessprache des Volkes, dessen Geschick es teilte, als tot angesehen zu werden, während es nur bestimmte Lebensbedingungen und Lebensverrichtungen eingebüßt hatte. Kultur- und Geistessprache der gesamten Judenheit blieb das Hebräische, als es als Umgangssprache auch in Judäa nicht mehr gesprochen wurde. Aber nicht ein einzelner Stand, etwa der Priester oder Schriftgelehrten, setzte das Hebräische künstlich fort, wie das mit dem Sanskrit in Indien oder mit dem Lateinischen in der katholischen Kirche der Fall ist. Das ganze Volk empfing auf breiter demokratischer Grundlage eine sehr eingehende biblisch-talmudische Bildung in hebräischer und jüdisch-aramäischer Sprache. Das Volk betete hebräische Gebete und verstand sie, es führte allen schriftlichen Verkehr ausschließlich in hebräischer Sprache, seine Handelskorrespondenz, seine Geschäftsbücher, alle seine Kontrakte und Protokolle. Dem ganzen Volke blieb das Hebräische als die allgemeine jüdische Kultur- und Schriftsprache vertraut. Es war die Schriftsprache eines Volkes von Schriftgelehrten. Nur ganz vereinzelten abgesprengten Bruchstücken des alten Stammes, denFalaschas in Abessinien, den chinesischen Juden in Kai-Feng-Fu und schließlich den geringen Resten deutscher Juden im deutschen Stammesgebiet hörte das Hebräische auf, die Schriftsprache zu sein. Aber die Einbuße des Hebräischen war ganz außerordentlich groß. Wie ein Volk vieles von seiner nationalen Eigenart und alle seine frische Originalität einbüßt, wenn es aus seinem Geburtslande gerissen und in die Welt verstreut wird, so verlor das Hebräische die Ursprünglichkeit und die lebenskräftige Frische, als es zwar Schriftsprache blieb, aber in der Familie eine andere Sprache gesprochen wurde. Dadurch verlor es die Unmittelbarkeit der natürlichen Fortentwicklung. Nicht mehr das sprechende Kind bildete die Sprache weiter, sondern der Verstand des Gelehrten, der aus dem Borne der alten überlieferten Kultur schöpfte. Daher nahm es die Bezeichnungen der gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse, die neu an die Hebräisch schreibenden Juden herantraten, als Fremdwörter aus andern Idiomen, während philosophische Begriffe in reichstem Maße in hebräischem Sprachgeiste aus der hebräischen Schriftsprache weitergeschaffen wurden. Die Weiterbildung auf dem Gebiete abstrakter Begriffe hat nie aufgehört, während für die konkreten Dinge des täglichen Lebens das Hebräische dauernd Entlehnungen vornehmen mußte. Mit dem Aramäischen ging das Hebräische eine so enge Verbindung ein, wie vorher und nachher mit keiner andern Sprache. Dazu trug die nahe Verwandtschaft bei. Mehr aber wirkte die umfangreiche Gesetzesliteratur, die alle Gebiete des jüdischen Lebens beherrschte. Diese war in einem hebraisierten Aramäisch und zum Teil in einem aramäisierten Hebräisch verfaßt. Die innige Durchdringung beider Sprachen ist ein Teil der Entwicklung der hebräischen Sprache. Sie ist nicht tot. Sie lebt als Schriftsprache des ganzen Volkes. Das oft wunderliche Hebräisch der religiösen Dichtung im Mittelalter kam nur deshalb zustande, weil das Hebräische nicht abgestorben, aber in einer der Natur entfremdeten Entwicklung begriffen war. Es ist ein Leben ohne natürliche Wurzeln, das aus Luftwurzeln sich die Kraft holt, notdürftig fortzuexistieren. Der heimatliche Grund fehlt der Sprache wie dem Volke. Aber die vom Volke gesprochenen Dialekte und Mundarten werden mehr vom Hebräischen beeinflußt, als das Hebräische von ihnen. Nur durch das Hebräische als die begleitende Schriftsprache empfängt das Jüdischdeutsche seine besondere Färbung. Es überträgt die deutsche Aussprache auf das Hebräische. Aber es empfängt aus diesem seinen ganzen Reichtum an Wörtern, die irgend etwas Geistiges bezeichnen. Ohne das Hebräische in und neben ihm wäre es nur ein bloßer deutscher Dialekt wie viele andere, aber weit weniger von der Schriftsprache entfernt als diese. Dasselbe gilt vom Judenspanischen und Judenpersischen. Die hebräische Schriftsprache im Munde eines Volkes von Schriftgelehrten füllt die jüdischen Volksdialekte anderer Sprachen mit einer Fülle von Ausdrücken, besonders abstrakter Natur. Es gibt ihnen besondere Verbindungen und Formen. Vor allem aber begleitet es die Sprache von Familie und Verkehr mit dauernden Zitaten aus dem hebräischen Schrifttum aller Zeiten. Das Hebräische behauptet sich neben der mündlichen Verkehrssprache als die ausschließliche Schriftsprache im täglichen Verkehr. So sind die Verhandlungen in der Gemeindestube zwar jüdischdeutsch, aber sämtliche Protokolle hebräisch. Ein schwerer Schaden für das Hebräische war es, daß die jüdische Bildung der Frauen im allgemeinen eine ebenso geringe blieb, wie die der Männer eine in ganz weitem Kreise außerordentlich intensive war. Für die Frauen und Ungebildeten entstand daher in geringem Maße eine Literatur im gesprochenen Volksdialekt, die aber neben der hebräischen vollständig verschwindet. Sie ist in erster Reihe religiös und enthält auch Erzählungen und Schwanke in der jüdischen Mundart. Mit dem Purimspiel schafft sie sogar die ersten Grundlagen zu einem jüdischen Drama. Das jüdische Volk kennt keine Analphabeten. Es hatte deren auch nicht im Mittelalter. Aber diese Juden schreiben auch heute noch zu neun Zehnteln Hebräisch oder mindestens mit hebräischen Buchstaben. Es ist bei den amerikanischen Einwanderungsbehörden festgestellt worden, daß es oft genug vorkommt, daß russische Juden auf die Frage, ob sie lesen und schreiben können, deshalb mit „nein" antworten, weil sie es für so selbstverständlich erachten, daß sie Hebräisch lesen und schreiben, daß sie hinter der Frage einen ganz andern Sinn vermuten, den sie nicht verstehen*). Ober *) Auch mir persönlich ist wiederholt passiert, daß Juden diese Frage, ob sie lesen und schreiben können, dahin mißverstanden haben, ob sie eine nichtjüdische Sprache lesen und schreiben können. Sie verneinten es, und nachher war ich sehr erstaunt, wenn sie zum Teil sogar recht große Kenntnis des Hebräischen verrieten. 2

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