Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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250 DIES^ELT No. 11 Palästina Agitationsreise für die P. L. D. C. Nachdem es sich bei verschiedenen Anlässen gezeigt hat, daß nur die persönliche Agitation, die sich auf einen einzigen ganz speziellen Zweck richtet, Früchte trägt, hat die Leitung der P. L. D. C. beschlossen, den gleichen Weg einzuschlagen und ersucht, alle Gesinnungsgenossen und Vereine, sie darin zu unterstützen. Ein Anfang ist bereits durch eine kleine Reise von unserem Gesinnungsgenossen Adolf Böhm, Präsidentendes Zentralkomitees für West-Osterreich, nach Galizien gemacht worden. Derselbe sprach am 4. dieses Monats in Lemberg, am 5. in Stanislau und am 6. dieses Monats in Rzeszow. In seinen Vorträgen skizzierte der Redner die Aufgaben der zionistischen Palästinaarbeit, die hauptsächlich darin bestünden, die Juden zum vorherrschenden Faktor im Lande zu machen, was nicht auf dem Gebiet der gering entwickelten Handel- und Gewerbeberufe, sondern nur auf jenem der Landwirtschaft möglich sei. Das Instrument der Ansiedlung sowohl besitzender als besitzloser Juden in Palästina, sei die P. L. D. C, deren Aktien abzusetzen momentan die wichtigste Aufgabe der Organisation sei. Nach den massenhaft besuchten Versammlungen wurden an den einzelnen Orten Aktien in größerer Anzahl gezeichnet und die Lokalkomitees sagten eine weitere rege Agitation zu. Am 19. dieses Monats spricht Gesinnungsgenosse Böhm in Graz. Das Palästinaressort der zionistischen Organisation hofft, daß dieses Beispiel allerorts Nachahmung findet und die Zionisten überall eine nachhaltige Aktion für die P. L. D. C. entfalten werden. Neuentdeckte Zisternen in Ben-Schamen Bei den Aushebungsarbeiten für den Bau der Arbeiterhäuser des Bezalel in Ben-Schämen bei Lydda stieß man auf zwei Zisternen aus altjüdischer Zeit. Diese Zisternen waren noch in so gutem Zustand, daß sie sofort in Verwendung genommen werden konnten. Dies ist um so wichtiger, als die Frage der Wasserversorgung in Ben-Schamen eine sehr schwierige Angelegenheit ist. Die Palästinagesellschaftsreise des „Haint" Bekanntlich hat das Warschauer Jargonblatt „Haint" zwölf ausgelosten Abonnenten eine Prämie in Gestalt einer — unentgeltlichen Gesellschaftsreise nach Palästina gewährt. Ende Februar trat nun die Gesellschaft die Reise an. Den zwölf Glücklichen, deren sämtliche Reise- und Verpflegungskosten die Verwaltung des „Haint" trägt, haben sich fünf Mitglieder des Redaktionskollegiums und dreizehn andere Personen zugesellt Eine neue hebräische Jugendzeitschrift in Palästina Vom Nissan d. J. ab wird in Jaffa unter dem Namen „Moledet h" eine neue illustrierte hebräische Monatsschrift für die reifere Jugend unter der Redaktion von Sch. Ben-Zion (Gutttnann) erscheinen. Die neue Monatsschrift wird von dem Verband hebräischer Lehrer in Palästina mit Unterstützung des Jugendschriftenverlags „Koheleth" herausgegeben. Der Abonnementspreis der Monatsschrift „Moledeth" wird für Palästina lOFrcs,, fürs Ausland 13 Frcs. jährlich und dementsprechend halbjährlich betragen. Dem Verwaltungsrat gehören die Herren A. Berlin, S. D. Levontin, Direktor der Anglo- Palestine Company, Mordechai ben Hillel Hakohen, B. Joffe, M. Scheinkin, M. Disengoff und P. Auerbach an. Adresse: „Moledeth", Jaffa, österreichische Post. Rußland lea und russische Regierung Der „N. J. K." wird von informierter Seite mitgeteilt: Sehr bezeichnend für die Gefühle, welche die russische Regierung den Juden ihres Landes entgegenbringt, ist ihre Stellungnahme gegenüber der Jewish Colonisation Association, der Gesellschaft, welche zurzeit die große Stiftung des verstorbenen Baron Hirsch verwaltet. Diese Gesellschaft ist bekanntlich in Rußland legalisiert worden. Sie beschäftigt sich dort vorzugsweise mit der wirtschaftlichen Erleichterung des Loses der einheimischen Juden. Diese Tätigkeit entspricht aber* keineswegs den Intentionen der maßgebenden Verwaltungsstellen. Man hat die lea in der Voraussetzung genehmigt, daß sie die Auswanderung der Juden in großem Stile fördern werde, und ist nun wenig erbaut davon, daß sie dieses ursprüngliche Programm nicht einhält. Die Erfahrungen, die man in dieser Beziehung mit der Ica gemacht hat, werden geradezu als „traurige" bezeichnet, weil sie die Stellung der Juden durch die Begründung von Darlehnskassen, Kreditgenossenschaften und andere Maßnahmen fördere, was der Regierungsehr unerwünscht erscheint. Und wenn die Ica selbst einer kleinern Zahl von Juden zur Auswanderung verhelfe, so nütze dies nicht — meint man dem Staat, sondern nur den Juden, besonders im Ansiedlungsrayon, wo ihre Lage durch die Abwanderung sehr erleichtert werde. Daran habe aber die Regierung gar kein Interesse. Man bereite der Ica zwar nicht gerne Schwierigkeiten, schon mit Rücksicht auf die europäische Presse; schließlich werde man aber wohl zu Repressalien greifen müssen. Es sollen denn auch, wie wir erfahren, bereits ernste Maßnahmen bevorstehen. Der in diesen Anschauungen zutage tretende Zynismus von Leitern eines sogenannten Kulturstaates ist sehr charakteristisch. Er gewinnt aber noch besondere Bedeutung, wenn man die Stimmung im Verwaltungsrat der Ica kennt. Dort erhoffen sehr einflußreiche Herren noch immer alles Heil von einer wirtschaftlichen Erleichterung des Loses der russischen Juden in Rußland selbst. Und einige von ihnen verhehlen keineswegs, daß sie die Einstellung jeder kolonisatorischen Tätigkeit anstreben würden, wenn nicht das Statut hindernd im Wege stände. Es wäre dringend zu wünschen, daß man sich endlich über die Situation keiner Täuschung mehr überließe und die sehr notwendige und logische Folgerung zöge, entsprechend den kolonisatorischen Absichten des Stifters der Ica den Bedrängten eine menschenwürdige Existenz auf eignem Boden zu sichern, statt Ziele anzustreben, die zugleich unerreichbar sind und Gefahren in sich schließen. Die jüngste russische MinisterialVerfügung betreffs der Externen Die Verordnung des Ministerrats, wonach auch bei der Zulassung der sogenannten Externen (Privatschüler) zur Prüfung die Prozentnorm, wie sie in den Bestimmungen vom 22. August 1909 fixiert ist, zur Anwendung gelangen soll, hat unter den vielen Tausenden jüdischer Externer in Odessa große Bestürzung hervorgerufen. Da es nichtjüdische Externe überhaupt nicht oder nur in verschwindend geringer Anzahl gibt, so bedeutet diese Verfügung einfach die Annullierung des Externenwesens überhaupt. Merkwürdig ist, daß diese Verfügung von Personen jüdischer Abstammung spricht, im Gegensatz zu den erwähnten Augustregeln, wo von „Juden" die Rede ist. Die neue „Rechtseinschränkung auf dem Verwaltungswege" soll also auch auf die Täuflinge ausgedehnt werden. Neben, diesem Umstände kommt noch in Betracht, daß die betreffenden Regeln ausdrücklich von der .„Aufnahme von Juden in die Mittelschulen" sprechen, ihrem Wortlaute nach also keineswegs auch für die Zulassung zu den privaten Prüfungen bei der Schulbehörde gedacht sein können. Man sieht also, daß man es hier keineswegs mit einer „authentischen Auslegung" eines bestehenden Gesetzes, sondern einfach mit einem neuen Gesetz zu tun hat, welches unter Umgehung der legislativen Instanzen vom grünen Tische des Ministerrates aus eine neue schwerwiegende Rechtseinschränkung der Juden festlegen will. Wie verlautet, wird in einflußreichen jüdischen Kreisen beabsichtigt, in dieser Angelegenheit eine Interpellation in der Reichsduma zu veranlassen.