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Die Welt · 1911-03-17 · 11 (17.3.1911) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
11 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Wiener Brief Organisation der jüdischen Handelsgehilfen Am 18. Februar tagte in Lemberg die außerordentliche Parteikonferenz der Poale-Zion Österreichs, der vom V. Parteitag im Oktober v. J. die Aufgabe zugewiesen wurde, in der Frage des gewerkschaftlichen Zusammenschlüsse der jüdischen Handelsangestellten eine Entscheidung zu treffen. Die Leser der „Welt" wurden seinerzeit über die Verhandlungen des am 23. Oktober 1910 abgehaltenen jüdischen Handelsangestelltentages unterrichtet. Die Vertreter des jüdischen Handelsproletariats erklärten in ihrer Resolution, daß der sozialdemokratische Zentralverein der Angestellten mit den eigenartigen ökonomischen Interessen und kulturellen Bedürfnissen der jüdischen Handelsgehilfen, insbesondere Giliziens und der Bukowina, nicht rechnet und die Grundsätze der gewerkschaftlichen Neutralität mißachtet. Trotzdem wurde der Vollzugsausschuß des Handelsangestelltentages beauftragt, mit Rücksicht auf die Beschlüsse des Sozialistenkongresses in Kopenhagen, mit dem Wiener Zentralverein über das Maß der Zugeständnisse, die er den jüdischen Gehilfenvereineri zu gewähren gewillt wäre, zu verhandeln. Der Parteitag der österreichischen Poale-Zion, die die Einberufer des Angesteiltentages waren, verwarf den Antrag, der den bedingungslosen Anschluß an den Wiener Zentralverein empfahl, und ermächtigte die Parteiexekutive, im Einvernehmen mit dem Vollzugsausschuß vorzugehen. Die Verhandlungen führten trotz der dem Zentralverein gewährten dreimonatlichen Frist zu keinem Ergebnis. Die Wiener Führer der Handelsangestellten haben alles getan, um die Beauftragten von zweitausend jüdischen Fachkollegen zu brüskieren. Angesichts dieser Sachlage erhob die poalezionistische Parteikonferenz, an der auch der Vollzugsausschuß des Handelsangestelltentages teilgenommen, nachstehende Resolution zum Beschluß: 1. Die am 18. Februar 1911 in Lemberg stattgehabteKonferenz der Jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale-Zion Österreichs erhebt nachdrücklichen Protest gegen den Wiener Zentralverein, der die jüdischen Handelsangestellten und ihre gewählten Vertreter ignoriert und durch seine Haltung verletzt hat. 2. Die Parteikonferenz erklärt, daß die Gründung eines selbständigen jüdischen Handelsangestellten Verbandes Österreichs der einzige Weg ist, um die jüdischen Handelsgehilfen in einer modernen Gewerkschaft zusammenzuschließen, die dem Einflüsse bürgerlicher und klerikaler Elemente entrückt ist, und beauftragt ein zehngliedriges Komitee, alle nötigen Vorbereitungsarbeiten zu erledigen. 3. Der zu gründende Verband hat die Aufgabe, seine Mitglieder zum Bewußtsein ihrer nationalen und Klasseninteressen zu erziehen und die Institutionen für Rechtsschutz, Reise- und Arbeitslosenunterstützung zu schaffen. In das vorbereitende Komitee, das bis zum 1. April seine Arbeiten zu vollenden hat, wurden die Herren Dr. Melier, Kaudel, Her?, Kretz, Meiseis, Drimer, Tag, Tunis (sämtlich in Lemberg) und Keßler (Wien) gewählt. Zionistische Veranstaltungen Die zionistischen Frauen und Mädchen gehen in dieser Saison voran und geben ein Beispiel treuer Pflichterfüllung. Der zionistische Mädchenverein „Moriah" veranstaltete zugunsten des Studentenheims am 9. März eine Maskenredoute im Hotel Continental. Der Erfolg des schönen Kostümfestes übertraf die Erwartungen auch der Optimisten. Zahlreiche heitere und sinnreiche Gruppen füllten den Saal. Man sah „Schnitterinnen", „Kolonisten aus Röchon nach der Weinlese" und „Landarbeiter", Königin Esther schritt mit „prunkendem" Gefolge einher, eine „Beduinengruppe" lieferte den Nachweis, daß wir auch Gestalten von edler Männlichkeit besitzen, eine Gruppe von „Plattenbrüdern" versöhnte uns beinahe mit den „Wiener Apachen", eine polnisch-jüdische „Hochzeit" erregte stürmische Heiterkeit. Viel größer noch war die Zahl der Einzelmasken und der historischen Figuren. Es fehlten weder Deborah, noch Judith, noch Ruth. In Kiosken wurden Palästina weine und „Haman-Taschen" fleißig verschleißt. Die Freunde des Mummenschanzes und des Purimscherzes kamen auf ihre Rechnung. Aber auch der Nationalfonds kann sich nicht beklagen. Bis in die späte Nachtstunde wirbelte alles im Tanze. Die Damenspende war eine schmucke Werbeschrift für den Nationalfonds. Am 12. März luden die zionistischen Frauen alle Freunde des Informationsbureaus für Palästina zu einem „Five o'clock Tea" im Hotel Central. Ein zahlreiches elegantes Publikum folgte der liebenswürdigen Einladung. Frl. Beer sang Lieder mit schönem Ausdruck, Frau Popper-Weiß glänzte durch die Technik und Eleganz ihres Klaviervortrags, Miß Kennedy, eine junge Geigerin, erntete rauschenden Beifall für ihr Spiel voll Rhythmik und Grazie, und Herr Dr. Lö hner (Beda)rezitierte mit gewohntem Erfolg einige seiner köstlichen satirischen Gedichte. Während der Pausen und des anschließenden Tanzkränzchens wurde in richtiger Erkenntnis, daß der Mensch von der Kunst allein nicht leben kann, eine Jause serviert. Es braucht ja kaum gesagt zu werden, daß man bei beiden Veranstaltungen viel Frauenanmut und Grazie versammelt sah. Bibelabend in Wien Wenn nicht alle Anzeichen trügen, beginnt unsere alte Bibel modern zu werden. Nicht volkstümlich, das war sie schon Jahrtausende hindurch, aber eben modern, salonfähig. Irene Trietsch, Lia Rosen und Gregori haben in den letzten zwei Jahren die Bibel in den Vortragssaal gebracht. Und es ereignete sich das Merkwürdige. Die schlichte Bibelprosa, der prophetische Zorn und das Liebeswrerben des „Hohen Liedes" wirkten wie eine Offenbarung. Die erwachsenen Kinder merkten, daß ihr „Religionsunterricht" in der Tat lückenhaft war, denn sie haben von der Bibel keine Ahnung. Aber nicht bloß die Poesie der Bibel wurde entdeckt. Man merkte, daß im alten Buche so manche moderne Idee zu finden ist. Die Diskussionen über Judenfrage und Judentum mochten auch dazu beigetragen haben, daß man sich für den Ursprung des Judentums zu interessieren begann. In Wien soll nun ein Bibelabend stattfinden. Am 26. März sprechen im Hotel „Continental" zwei illustre Redner über das altneue Buch. Dr. Franz Oppenheim er wird die soziale Bedeutung und die sozialen Ideen der Bibel würdigen. Hermann Bahr wird das Buch der Bücher vom künstlerischen Standpunkt werten. Hervorragende Wiener Schauspieler, Frl. Lia Rosen und Herr Albert Heine, werden aus der Bibel vortragen. Wir greifen dem Erfolg der Veranstaltung gewiß nicht vor, wenn wir auf einen Abend voll reinsten Genießens und ergreifender Schönheit gefaßt sind. Brief aus Konstantinopel Von unserm Berichterstatter Gründung einer „Bn§ Berith"-Loge Seit einigen Tagen weilt in unserer Stadt Herr Sigmund Berget als Vertreter der amerikanischen Zentrale des Ordens „Bne Berith", um hier eine Loge zu begründen. Dem verdienstvollen Greis, der ungeachtet der Last seiner Jahre die beschwerliche Reise in der schlimmen Witterung dieses Winters nicht scheute, um sein der Brüderlichkeit im Judentum gewidmetes Ziel zu erreichen, führt sein Weg durch den ganzen Orient, wo er in allen größeren Gemeinden Logen um eine hier zu schaffende Großloge gruppieren will. Nach schönen Erfolgen in Belgrad, Sofia und Adrianopel, hat er auch hier, begleitet von Herrn Sidi, dem Präsidenten der „Bne Berith"- Loge in Philippopel, seine Bemühungen aufgenommen. Tatsächlich ist es ihm, freilich unter unsäglichen Schwierigkeiten, die nur ein gründlicher Kenner der hiesigen Dinge voll zu würdigen weiß, gelungen, hier die erhoffte Loge zu gründen. Eine Reihe angesehener, sowohl sephardischer wie aschkenasischer Juden hat sich bereits in die Liste der neuen Gründung eingetragen, und die Einweihung steht unmittelbar bevor. Man hofft hier sehr viel von der Loge, nicht nur für die ökonomische und kulturelle Hebung des hiesigen Judentums, sondern ganz besonders für die engere Annäherung der beiden Riten und für die Herstellung des Friedens unter den ewig streitenden Parteien. Kleine Notizen Ein Lehrer des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" wurde auf Grund seines Abgangszeugnisses vom Seminar in Jerusalem an der hiesigen Universität immatrikuliert — In Dedeagatsch hat sich ein Verein „Chowewe Sefath Iwrith" gegründet. — In Adrianopel wurden im Laufe von zwei Tagen ca. 8C00 Mark für die durch die Kälte notleidenden Juden gesammelt. Ein jüdischer Turnverein in Aleppo In Aleppo ist dieser Tage ein jüdisch-nationaler Turnverein „Makkabi" nach dem Muster des gleichnamigen Konstantinopeler Vereins gegründet worden. Der neue Verein zählt bereits 30 Mitglieder. Die erste Anregung zur Begründung des Turnvereins ist von Herrn L. Arditti, Beamten der hiesigen Filiale der Banque Ottomane, ausgegangen.

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