Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316473--54368-3348152- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 11 DIE^ELT 243 der arme Schekelzahler durch einmalige Beitragsleistung befreit, so katin er erst zu wirklichen OpFern zugunsten der zionistischen Institutionen mit Leichtigkeit herangezogen werden. — Die weitere Folge ist die, daß die Zentrale an die Einsetzung von Schekelbureaus bei den Landesorganisationen schreiten kann, wobei weiter die Landesorganisationen die bezahlten Hilfskräfte zu andern zionistischen Arbeiten verwenden können. — Auf diese Weise wird das Ideal aller Parteitage leicht in Erfüllung gehen können, daf3 sämtliche Organisationen stabile Bureaus erhalten, was für die Arbeit segenbringend ist Hierzu kommt jedoch eine wichtige Voraussetzung: Um eine ichtige Besteuerung auf der geschilderten Basis einzuführen, müßte ein Kataster der Zionisten eingeführt werden. Seltsam genug, daß es bisher nicht geschehen ist Die Organisationen und die Zentrale müssen genau die Zahl der Streiter und Kämpfer kennen und nicht immer mit fluktuierenden Schekelzahlern operieren. Denn der bisherige Schekelzahler — war in sehr vielen Fällen leider mit dem Zionisten nicht identisch. Wir haben allen Grund, anzunehmen, daß infolge dieser Einrichtungen die Einnahmen wachsen, die Finanzen der Verbände und der Zentrale konsolidiert werden und die wichtigste Sorge verscheucht wird. Uns dünkt ferner, daß mit der Lösung der Finanzfrage ein sehr wichtiges Problem der endgültigen Lösung wird zugeführt werden: wir meinen das Verhältnis der Föderationen zu den Landesverbänden. Ist die finanzielle Sorge behoben, — dann besteht einfach kein Grund mehr, die Föderationen zur Leistung von Beiträgen an die Landesverbände zu veranlassen. Die vollständige Autonomie beider Arten von Verbänden wird also die sehr wichtige Folge der Sanierung der Finanzen sein. Endlich wollen wir die letzte Konsequenz ziehen, welche sehr vielen als Revolution vorkommen wird. — Ich glaube zuversichtlich, daß wir in allernächster Zeit schon an die weitere Demokratisierung unserer Gesamtorganisation schreiten werden. Der Schekel kann und darf nicht mehr das Kriterium der Zugehörigkeit zur Organisation bilden (§ 2 des neuen Organisationsentwurfs), vielmehr müssen die Rahmen der Organisation breiter werden und hingearbeitet werden, daß man von einer Volksbewegung schlechtweg sprechen könnte. Ist nun schon die Wahl zu unserm Kongreß direkt und geheim, warum sollte sie nicht auch allgemein sein? Eine ganz dünne Schicht, nicht Juden, sondern Zionisten (denn nicht alle Zionisten sind Schekelzahler) bilden die privilegierte Kongreßwählerklasse. Die breiten, wirklich zionistischen Massen sind stumm, denn die Besteuerung erlaubt ihnen, die*am meisten an den Arbeiten des Kongresses interessiert sind, nicht, mitzureden. So erklärt sich das geringe Interesse vor und nach dem Kongresse, denn nur die Wähler sind da maßgebend. Ein Anfang könnte da gemacht werden indem den Verbänden freigelassen wird, eine gewisse Zahl ihrer Mitglieder, man nehme an, bis zu einem Drittel ihrer Schekelzahler, in berücksichtigungswürdigen Fällen zu den Wahlen ohne Besteuerung zuzulassen. Unser Ideal ist, die Wahlen zum Kongreß zu jüdischen Wahlen par excellence zu machen, wo zionistisch gesinnte Juden ohne Unterschied des Geschlechtes und der sozialen Position zur Urne gehen, um Abgeordnete zum Parlament im Golus zu wählen. Das kann man erreichen. Und man denke sich, wieviel die Bewegung gewinnen könnte: moralisch den großen Elan, von dem Herzl immerfort geträumt hat, materiell Kräfte, Kräfte ohne Ende, Geldmittel und dann die Erziehung des Volkes und dessen Zusammenschluß. — Das soll den Kern unserer Organisationsprobleme bilden. Dr. Max Rosen feid, Drohobycz. Die Judenhetze in Rußland Aus Petersburg wird der „Russ. Korr." vom 1. März geschrieben: Die fanatischen Judenfresser gebärden sich jetzt in Rußland wie rasend. Sie fürchten, daß die Dumakommission, welche über den Gesetzentwurf zur Abschaffung der gegen die Juden bestehenden Wohnbeschränkungen beraten soll, zu einem humanen Ergebnis gelangen könnte. Darum schlagen sie Lärm und arrangieren antisemitische Kundgebungen. Ihnen ist ja die Versammlungsfreiheit gewährleistet, und so wollen sie die öffentliche Meinung fälschen. Die Hetzreden, die auf der Konferenz des vereinigten Adels gehalten worden sind, stellen alle bisherigen Enunziationen der Äechtrussischen" Menschenhasser in den Schatten. Den Rekord hat jedoch auf diesem Gebiete der berüchtigte Moskauer Advokat Schmakow geschlagen. Dieser abgeschmackte Finsterling stellt sozusagen den russischen Gelehrten des Antisemitismus dar, der zwar als Schriftsteller wie als Redner gleich langweilig ist, der aber mit. seinem Fanatismus auf die Dummen ansteckend wirkt. In kosakischer Weise verarbeitet er alle Geisteserzeugnisse des westeuropäischen Antisemitismus und bietet ein Ragout, das nur ein völlig kritikloses und stupides Auditorium zu verzehren vermag. Schwerlich hätte er aber eine dankbarere Zuhörerschaft bekommen können, als die Adelskonferenz sie ihm bot. Die absurdesten Reden und Vorschläge wurden von ihr beifällig aufgenommen. Gibt es eine sinnlosere Beschuldigung als die von Schmakow breitgetretene Behauptung, Azeff sei ein Sendling des Judentums gewesen, von ihm mit der Mission betraut, Plehwe und den Großfürsten Sergius aus dem Wege zu räumen. Hine solche Umdrehung der Tatsachen ist abermals nur ein Beweis von den unbegrenzten Möglichkeiten antisemitischer Phantasiegebilde. Die ganze Welt weiß, daß die russische Regierung diesen schlimmsten aller Agent- Provokateure bis auf den heutigen Tag schützt und von seinen weitgehenden Erfahrungen für ihren Lockspitzeldienst noch immer den stärksten Gebrauch macht, und nun wird seine Tätigkeit der entsetzten russischen Judenheit an die Rockschöße gehängt. Die Adelskonferenz aber bereitete dem neuen Azeffideologen nach seinen Ausführungen eine stürmische Ovation und feierte ihn als Helden, als Neuerer, als Erlöser. Diesem „Großen" sekundierten die andern bekannten Träger des Judenhasses, dieMark ow, Purischke witsch und ihresgleichen. Markow ging in seinen Invektiven so weit, daß er sich selbst seitens des antisemitischen Vorsitzenden, A. Bobrinski, einmal eine Rüge zuzog. In einem Wutanfall rief er nämlich der Adelskonferenz zu, in der russischen Armee befänden sich 30000 Vaterlandsverräter und Spione, nämlich sämtliche jüdischen Soldaten (nebenbei bemerkt, gibt es im russischen Heere über fünfzigtausend jüdische Soldaten). Wiederum ertönte kein Pfuiruf, und der Schluß der Rede Markows wurde mit widerspruchlosem lautem Beifall begleitet. Alle diese Vorkommnisse sind leider nicht bedeutungslos. So arm die Herren des heruntergekommenen russischen Adels an Geist sind, so stark ist doch der Einfluß, den sie auf und durch den Staatsmechanismus ausüben. In diesem Moment gilt es, auf die Oktobristen einen Druck ausüben, damit nur ja die Duma durch ihr Votum die Gleichheitsbestrebungen nicht moralisch stärke. Ein eifriger Judenfeind, Go!olobowT, hat eben alle Welt wissen lassen, daß von den 22 Mitgliedern der vorentscheidenden Kommission wenistens 13 für Abschaffung des jüdischen Ansiedlungsrayons votieren würden. Ob die Rechnung stimmt, wird ja die nächste Zukunft lehren.