Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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der Türkei selbst und fabrizieren offene Denunziationen gegen den Zionismus. Ismael Bey findet in Frescos „Tiempo" genug Material, um den Zionismus zu verleumden. Die Türkei hält es aber nicht für ihre Aufgabe, sich in den Unterschied zwischen allerlei „Ismen" zu vertiefen, ob es sich nun um den Zionismus, den Territorialismus oder die A. J. K. 0. handelt. Es fällt uns aber trotz der jüdischen Denunziationen und selbst türkischer Feindseligkeiten gegen den Zionismus nicht ein, an unserer Sache zu verzweifeln. 2000 Jahre hofften wir auf die Rückkehr nach Zion, ohne daß wir etwas dafür taten und ohne dort außer alten Gräbern etwas zu besitzen. Und doch ist unser Glaube an die Zeit des Messias nicht erloschen. Heute, nachdem wir schon 100 000 lebendige Juden im Lande zählen und einen sichtbaren Anfang neuen jüdischen Lebens sehen, werden wir auch über ministerielle Erklärungen nicht erschrecken. Die „Yeni- Gazette" schreibt, der Zionismus sei kein Traum und die Türkei müsse vor ihm behütet werden. Wir sagen: Der Zionismus sei kein Traum, und die Türkei wird vor ihm nicht behütet werden, und unser Glaube an die Zeit des Messias wird durch einen Erlaß nicht unterdrückt werden können. Wir sind ein ewiges Volk und haben viele Königreiche überlebt, welche uns mit Erlässen unterdrücken wollten. Es ist nicht angenehm, unter Hamans leiden zu müssen, aber die Hamans leben nicht ewig. Versteht jetzt die regierende Partei in der Türkei nicht, was sie vor zwei Jahren zu verstehen bekommen hat, dann „werden wir warten", wie Nordau sagte. Aber nicht warten und nichts tun. Soweit unter den jetzigen Umständen der Jischuw vergrößert werden kann,muß dies geschehen." Der Artikel spielt zum Schlüsse auf die Möglichkeit gewisser politischer Umwälzungen in der Türkei an, die ja durch die bisherige Britwicklung nicht ausgeschlossen sind. . * Die „Jüdische Rundschau*4, unser Berliner Bruderblatt, schließt ihren Artikel mit folgenden Worten: „So viel steht wohl für jeden fest, der die Dinge ruhigen Blickes betrachtet: Die offenbare Verwirrung aller Anschauungen von unserer Bewegung bei den türkischen Politikern muß mit der innern Konsolidierung der türkischen Verhältnisse immer mehr schwinden und einer objektiven Erwägung Platz machen. Nur in einem so jungen, in sich wenig gefestigten Parlament wie dem türkischen sind so fundamental falsche Auffassungen einer von jedem nachprüfbaren Sache möglich. Es ist aber jedenfalls sogar erfreulich, daß das Thema Zionismus dort einmal angeschnitten wurde. Um so leichter wird man darauf zurückkommen. Und von jeder weitern Debatte, die zu einer immer fortschreitenden Klärung führen muß, haben wir, hat der Zionismus nur Gutes zu erwarten." Eine weit optimistischere Auffassung bekundet das „Frankfurter Israelitische Familienblatt", das schreibt: „Die Ausführungen des Großwesirs, die mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurden, sind für die Entwicklung des Zionismus in der Türkei von großer Wichtigkeit, denn nach solchen Äußerungen an hoher Stelle werden viele ottomanischen Juden ihre bisher verheimlichte Sympathie für den Zionismus offen bekunden, und auch die Gegner des Zionismus werden ihn nicht mehr mit der bisherigen Gehässigkeit befehden." Natürlich wittert die Allgemeine Zeitung des Judentunis'4 Morgenluft. „Die Zionisten", bemerkt Herr Geiger, „werden natürlich nicht verfehlen, diese Mitteilung, wie ähnliche frühere Berichte, anzuzweifeln. Für uns geht aus den Erklärungen des Großwesirs und der tonangebenden Männer der jungtürkischen Partei als unwiderleglich das hervor, was wir oft genug gesagt haben, daß alle weitausgreifenden Kolonisationspläne der Zionisten und ihre offen und geheim ausgesprochenen Absichten auf Palästina leere Hirngespinste sind, die in absehbarer Zeit nicht auf Verwirklichung rechnen können. Sie sollten nun endlich eingestehen, daß sie mit ihrer Verheißung eines jüdischen Staates, ja auch nur einer gesicherten Heimstätte in Palästina die Leichtgläubigen irreführen." (Natürlich haben die Zionisten diese Mitteilungen nicht angezweifelt, weil sie eben mit der Wahrheit nicht so umspringen wie gewisse Antizionisten, denen im Kampf gegen uns jedes Mittel recht ist. Die „Verheißung eines jüdischen Staates" ist nämlich eine glatte Erfindung. Anm. d. Red.) * * * Der Großrabbiner beim Qroßwesir Über den letzten Besuch des Großrabbiners beim Großwesir berichtet der „Tiempo": „Gestern begab sich der Großrabbiner der Türkei, Rabbi Chajim Nahum, zu seiner Hoheit dem Großwesir, um ihm für seine Kammererklärungen über die Treue der jüdischen Gemeinden des Reiches zu danken. Seine Hoheit nahm ihn sehr herzlich auf. Er erklärte, die Morgenblätter gelesen zu haben und trotzdem bei der Meinung zu bleiben, daß der Zionismus absolut keine Bedeutung besitze und daß er lediglich das Werk einiger Agitatoren sei. Von dem utopischen Charakter des Zionismus sprechend, erklärte Hakki Pascha: Selbst wenn die ottomanische Regierung den Projekten des Zionismus Folge geben und den Juden eine Unabhängigkeit in Palästina gewähren würde, so müsse man einen Kreuzzug von seiten der christlichen Bevölkerung befürchten. Seine Hoheit drückte sein Bedauern aus über die persönlichen Angriffe gegen die Herren Salem und Menasche . . . Ob der Großrabbiner den Ministerpräsidenten über die Haltlosigkeit seiner Anschauungen aufgeklärt hat, geht aus dem Berichte im „Tiempo" nicht hervor! Die immanente Gerechtigkeit „La justicia immanente/' die bei David Fresco das A und U aller seiner von Menschenliebe und Zionistenhaß triefenden Artikel bildet, hat leider ihr unermüdliches Räderwerk auch vor ihrem ersten Liebhaber nicht stillstehen heißen, sondern über ihn hin weggeführt. Der Kampf gegen den Zionismus war trübselig unrentabel. So unrentabel, daß die Druckerei Fresco „unter den Siegeln der Verschwiegenheit" und der Last der unbeglichenen Schulden ihre Pforten hat schließen müssen. Ob der so unrühmlich erloschene „Tiempo", der diesmal „aus von unserrn Willen unabhängigen Gründen" nur in einem Viertel seines Umfangs und aus fremder Druckerei erscheint, nun gänzlich der Weit verloren gehen oder noch einmal von mitleidigen Helfern Krücken geliehen erhalten wird, um weiterzuwanken, steht noch dahin. In keinem Falle aber ist mehr das Lrteil der „justicia immanente" wegzuwischen, das zu allererst — o Ironie des Schicksals — im „Ikdom" als behördliche Bankrotterklärung erscheinen mußte. Bericht der Finanzkommission an das Große Actions-Comite*) Die aus den Herren Dr. Hantke, Dr. F r i e d e m a n n , Dr. Heymann, Dr. Münk und L i c h t h e i m bestehende Finanzkommission hat die ihr zur Beratung überwiesenen Vorschläge zur Sanierung der Finanzen der Parteileitung geprüft und unterbreitet dem Großen A.-C. nachstehend das Resultat ihrer Beratungen: I. Die Tilgung der bis zum io. Kongreß aufgelaufenen Schulden Die Kommission unterscheidet die Deckung der bis zum 10. Kongreß entstehenden Ausgaben grundsätzlich von denjenigen Maßnahmen, die in Zukunft zur Balancierung des Etats vorgenommen werden sollen. Das E. A. C. hat sich genötigt gesehen, zur Bestreitung der Ausgaben bis zum nächsten KongreI3 einen weitern Kredit von 100 000 Ji beim J. C. T. in Anspruch zu nehmen, so daß sich die Schuldenlast beim J. C. T. auf 180 000 Ji belaufen wird. Diese Schuldenlast wird sich zwar durch den Schekeleingang pro 1910/11 erheblich — schätzungsweise um 80 000 Jt — vermindern, doch muß unter Berücksichtigung der Kongreßkosten sowie unvorhergesehener Ausgaben mit einem Defizit von zirka 120—140000 Jt per 31. August 1911 gerechnet werden. Das Rechnungsjahr schließt zwar eigentlich mit dem 30. Juni ab, doch sind die Kongreßkosten noch hinzuzurechnen, da die neue Verwaltungsperiode in Wahrheit erst nach dem Kongreß beginnt. Die Finanzkommission ist der Ansicht, daß die Übernahme einer solchen Schuld seitens der neuzuwählenden Leitung nicht angängig ist. Es müssen daher Mittel und Wege gefunden werden, den genannten Betrag vor dem Kongreß aufzubringen. Die nachstehend erörterten Vorschläge zur Deckung des künftigen regelmäßigen Bedarfs kommen hierfür nicht in Betracht, denn bei diesem handelt es sich um Maßnahmen, die' erst durch den Kongreß selbst beschlossen werden müssen und nur gerade ausreichen dürften, für die Zukunft den Jahresbedarf zu decken. Sofern also dem E. A. C. nicht von privater Seite größere Summen zur Verfügung gestellt werden, schlägt die Finanzkommission vor: die rückständigen Dividenden des J. CT. pro 1902/04 und pro 1906 im Betrage von 146 000 JI gemäß den Beschlüssen des A.-C. für verfallen zu erklären und zur Deckung der bis zum 31. August 1911 aufgelaufenen Schulden zu verwenden. Ein etwa verbleibender Überschuß dieser Dividendenrückstände soll dem Reservefonds des J. C. T. zufließen. Die Finanzkommission ist im Prinzip der Ansicht, daß dieser *) Anmerkung: Dieser Bericht wurde auf Beschluß des E. A. C. dem Direktorium des Jcwish Colonial Trust zur Begutachtung überwiesen. Pas Gutachten des Direktoriums steht noch ans.