Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-03-17 · 11 (17.3.1911) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
11 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316473--54363-3348147
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

238 ÖJE3&ELT V No. 11 Der „Tiempo" des Herrn Fresco hat natürlich Oberwasser. Er verdoppelt seine aufhetzende, denunziatorische Tätigkeit, Er war es, der der Opposition das Rüstzeug für die Schlacht vorbereitete. Jetzt spielt er den Henkersknecht, der Holz zum Scheiterhaufen trägt um die verhaßten Zionisten darauf zu verbrennen. Er wußte und weiß 5seine Helfer zu wählen. Er halt sich an den „lkdam". Noch bevor die letzte Freitagnummer des „Tiempo" herauskam, war der blutrünstigste seiner Artikel schon dem „lkdam" zum Nachdruck übergeben, der ihn noch früher reproduzierte, als er im „Tiempo" selbst zu lesen war. Der Artikel lautet: „Was haben die ottomanischen Juden zu tun? Wie ich wiederholt schrieb, hätten die ottomanischen Juden einstimmig gegen die zionistische Propaganda in unserm Lande vom ersten Moment an protestieren müssen. Sie hätten die Publikationen der von der zionistischen Organisation geschaffenen oder unterstützten Organe verhindern müssen, sowie die Vorträge der Bezahlten des Zionismus, die sich in verschiedene Stadtteile begaben, um diese gefährliche Bewegung zu verbreiten, und vor allen Dingen hätten sie die Auflösung des rein zionistischen und antipatriotischen Vereins „MakkabK verlangen müssen, der der jüdischen Gemeinde Konstantinopels einen enormen Schaden zufügt. Um das alles zu tun, hatte man nicht nötig, die Erklärungen der Regierung in der Kammer abzuwarten. Es war absolut sicher, daß die ottomanische Regierung keineswegs den absurden Projekten des Zionismus Folge geben würde. Sie haben es nicht getan. Das war ein großer Irrtum. Aber jetzt muß auf das energischste gehandelt werden. Die Zentralautorität des ottomanischen Judentums muß eine offizielle Erklärung gegen den Zionismus abgeben. Diese wird nicht nur die Regierung und das Land darüber, daß die Juden sich in irgendeiner Weise der Bewegung anschließen, sondern auch den Glauben und das Gewissen derjenigen aufklären, die noch zögern. Künftig werden diese nicht mehr zögern, die Bewegung ganz und gar von sich zu weisen, sobald sie sehen werden, daß die religiöse Autorität sie als vaterlandslos und folglich als antinational verdammt Herr Großrabbiner! Wir gestatten uns zu sagen: Wenn eine solche Erklärung nicht erfolgt, so wird die Zentralautorität des ottomanischen Judentums dafür verantwortlich sein. (Im „Tiempo" in großen und fetten Buchstaben. Anm. d. Red.) Die Provinzgemeinden, die jüdischen Klubs müssen an den •Großwesir und die Kammer Protesttelegramme gegen den Zionismus und Anhänglichkeitsbeteuerungen an das Vaterland richten." „Heed Hasman" (Wilna) äußert sich in seiner Nummer vom 7. d. M. folgendermaßen zu den Vorgängen in der türkischen Kammer: „Wie aus den Verhandlungsberichten der türkischen Blätter hervorgeht, sind diejenigen ausländischen, insbesondere deutschen Zeitungen, die auf Grund der ersten lückenhaften Telegramme aus Konstantinopel triumphierend verkündeten, die Rede des Großwesirs habe dem Zionismus einen Todesstreich versetzt, wieder einmal gründlich fehlgegangen. Der Großwesir sagte etwas, was kein Mensch bestreitet, daß nämlich der Gedanke, die Juden wollten in Palästina ein jüdisches Königreich gründen, ein Phantasiegebilde sei. Als Zeuge für diese seine Feststellung führte er die Mehrzahl der europäischen und sämtliche ottomanischen Juden an. Bezüglich der Einwanderung der Juden nach Palästina erklärte der Großwesir ausdrücklich, daß der Kammer demnächst ein Gesetzentwurf über die Einwanderungsfrage zugehen wird, und daß die Aufhebung des „roten Scheins" nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes beschlossene Sache sei. Aus den Mitteilungen der jüdischen Deputierten Mazliach und Carasso geht ferner deutlich hervor, daß die Einwanderungsvorlage für die Juden nicht ungünstig sein wird. Die einzige Anforderung, die der neue Entwurf an die zukünftigen Einwanderer stellt, ist die Annahme der ottomanischen Staatsbürgerschaft, und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß ein Modus gefunden wird, der den Einwanderern gernäß den Vorschlägen der beiden jüdischen Deputierten die sofortige Naturalisation ermöglicht. Beachtenswert ist auch der Umstand, daß die jüdischen Abgeordneten im türkischen Parlamente ihr bisheriges Stillschweigen brachen und den Beschuldigungen gegen die Juden wie gegen die Zionisten entgegengetreten sind. Dies ist unserer Ansicht nach ein gutes Omen." * „Jewish Chronicle" in London führt aus: „Im besondern hat eine gewisse Organisation — die, wie wir leider sagen müssen, eine jüdische ist — es sich zum Ziel gesetzt, die Beziehungen zwischen dieser Bewegung und der türkischen Verwaltung zu vergiften. Durch keine andere Annahme können wir die phantastischen und lächerlichen falschen Darstellungen über die zionistischen Bestrebungen erklären, die in der türkischen Kammer während der vor kurzem stattgefundenen Debatte in Umlauf gesetzt wurden. Von großen und reichen Banken, die in heimlichen Einverständnis mit den Zionisten sein sollen, zu sprechen; ist in den Augen derjenigen, die wissen, in wie vollständiger Weise die reichen Juden den Zionismus boykottiert haben, und bis zu welcher Ausdehnung er eine Bewegung armer Leute ist, schon genügend lächerlich. Aber die obige Behauptung wurde durch eine weitere Anspielung noch übertrumpft, nämlich daß einer der Männer, die die heimtückischen Ziele der Bewegung unterstützen, Sir Ernest Cassel wäre, der schon vor vielen Jahren aufgehört hat, Jude zu sein. Dies ist sicherlich eine exzentrische Einbildungslaune, über die man lachen könnte, wenn sie nicht auch ihre ernste Seite hätte. Die ganze Auffassung des Zionismus als eines Projektes, das sich gegen die Sicherheit des Reiches richtet, ist natürlich von a bis z hinfällig und unwahr. Es ist unzähligemal wiederholt worden und muß immer wieder wiederholt werden, daß Grundlage und Wesen des Zionismus die Treue zur Türkei ist. Der zügellose und unverantwortliche Sprecher, der die Kammer warnte, daß die Absicht des Zionismus die Ansiedlung großer Mengen ausländischer Juden in Palästina sei, um in dieser Weise dort einen jüdischen Staat zu gründen, hat ein Alpdrücken heraufbeschworen, das mit der Dämmerung wirklicher Erkenntnis verschwinden wird. Es ist keine Frage und es wird niemals eine sein, einen fremden Keil in das Herz des Türkischen Reiches zu treiben. Jeder Jude, der in Palästina angesiedelt ist, sollte ein loyaler türkischer Untertan werden, der keine Absichten irgendwelcher Art gegen die Integrität des Landes hegt. Dies war und bleibt das Hauptprinzip des Zionismus, und diese einfache Tatsache dürfte das ganze Gefüge von Verdacht und Argwohn, das von den Feinden der Bewegung so mühselig errichtet ist, auseinandersprengen. Die Arbeit der Zionisten, die bereits in dem heiligen Lande geleistet wurde, ist von viel größerem Vorteil für die Türkei gewesen als für den Zionismus selbst. Die Arbeit, die er noch leistet, wird ebenfalls, obgleich sie auch den Juden nützen wird, von sehr großem Vorteil für den gesamten Staat sein. Der Großwesir, dessen Ausführungen in der fraglichen Kammerdebatte in dem Berichte, der die allgemeine Presse erreichte, stark zugestutzt zu sein scheinen, erklärte, daß die Juden ein Volk seien, die in dem ottomanischen Reiche zu allen Zeiten treu zu der Türkei gehalten hätten. Solche Treue wird nicht über Nacht geändert. Sie ist ein Teil der wesentlichen Natur der Juden, und sie wird der Türkei unberechenbare Dienste leisten, wenn ihr die Regierung des Landes, indem sie die noch zurückgebliebenen Reste falscher Auffassung beiseite wirft, freies Spiel geben wird. Der Zionismus kann der Türkei keinen Schaden zufügen. Aber er mag die wirtschaftliche Auferstehung, für die die Staatsmänner ausschauen, beschleunigen, die jedoch bis jetzt in so trauriger Weise aufgehalten ist." Der Londoner „Jewish Expreß'6 stellt in seiner Besprechung der Kammerdebatte zunächst fest, daß der oppositionelle Redner Ismael Bey seine Beschuldigungen auf Grund der in den bekannten Zeitungen erschienenen lügnerischen Berichte und Märchen über den Zionismus zusammengestellt hat. Das Blatt weist auch darauf hin, daß die ministerielle Erklärung betreffend, die A. J. K. 0., in geradem Gegensatz zu dem steht, was Herr Dr. Nossig veröffentlicht hat. und schreibt im übrigen, wie folgt: „Noch vor ca. 2 Jahren hat der Präsident des türkischen Parlaments, Achmed Riza, im Namen der Regierung den Chacham Baschi in Konstantinopel aufgefordert, mit den jüdischen Nationen in Europa in Verbindung zu treten, um die armen Juden aus Rußland, Rumänien und Galizien in der Türkei anzusiedeln. Das ganze Land stehe ihnen zur Verfügung. Er wies ausdrücklich auf Mesopotamien als geeigneten Platz hin. Und heute erklären die Minister aus Achmed Rizas Partei, daß sogar die nichtpolitische A. J. K. O. eine Absage erhielt, trotzdem sie für eine Kolonisation in einem beliebigen Teile der Türkei ist, und daß der „rote Schein" und alle Erlässe gegen ausländische Juden auch weiterhin iu Kraft bleiben werden. An diesem Frontwechsel ist hauptsächlich die jungtürkische Partei schuld, welche ihre Taktik im Laufe der Zeit geändert hat und heute den Standpunkt vertritt, daß alle Nationen des Landes zu türkisieren seien. Sie fürchten eine Massenansiedlung von Juden in den Provinzen, weil dieselben sich als Nation separieren und mit der Zeit der Türkei Ungelegenheiten machten. Aber zum Teil sind an diesem Frontwechsel auch gewisse angebliche jüdische Politiker schuld, weiche entweder nicht wissen, was sie tun, oder aber mit vollem Bewußtsein Unheil stiften. Die Pariser Führer derAiliance empfangen Mitglieder des türkischen Parlaments und halten Reden gegen den Zionismus. Nossig erzählt dem Minister Talaat Bey, daß seine A. J. K. 0. nicht politisch sei, wie der Zionismus; und zu alledem kommen nun die Frescos in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.