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Die Welt · 1911-03-17 · 11 (17.3.1911) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
11 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 11 DIE^ELT 2.37 wendet sich an eine Finanzgruppe einer Anleihe wegen. Wie, ein Jude ist auch in dieser Gruppe. Sofort: „Seht ihr? Haben wir's nicht gesagt? Die Regierung selbst setzt sich für diese Idee in Bewegung, denn sie verhandelt mit den jüdischen Banken." „Ein Minister engagiert einen jüdischen Beamten? Der gleiche Refrain: „Sagten wir. nicht, die Regierung verkauft das Land an die Juden? Der und der Minister hat schon einen Juden in seinem Dienste." Im Handel gibt es natürlich zahlreiche Juden. Wie, sie nehmen teil an einer Unternehmung? „Da haben wir einen neuen Beweis vom Verrate der Regierung!" , „Gibt es wirklich Leute, die die Juden in Palästina gruppieren wollen,- um dort einen unabhängigen Staat zu gründen? Lassen wir das unerörtert. Aber nehmen wir einmal an, dem wäre so. Wieviel „Freunde" aber kennen wir, von denen wir notorisch wissen, daß sie ihre Hand auf Mazedonien legen wollen. Haben wir Furcht vor ihnen? Und da ruft man den Zionismus als Schreckgespenst hierauf gegen die Regierung!" Die griechische Zeitung „Proodos4* beteuert, daß sie nicht antisemitisch sei, behauptet aber trotzdem, daß die Juden von der Regierung vorgezogen werden und daß sich die ottomanischen Völker darüber beklagen. Den Zionismus sucht sie entgegen den Ausführungen des Großwesirs als sehr bedeutend darzustellen, um ihn als um so gefährlicher erscheinen zu lassen. Im übrigen macht sie die weltbewegende Entdeckung, daß der Zionismus nichts anderes sei als ein Nachtrab des Pangermanismus. In einer vernünftigen und wohlwollenden Weise bespricht der „Osmanische Lloyd" das Problem in einem Leitartikel, betitelt: „Panislamismus und Panjudaismus." Nachdem er kurz Panslawismus und Panislamismus charakterisiert hat, fährt er fort: „Wir sehen, wie die Fortgeschrittensten und geistig Bedeutendsten der Israeliten fast aller Länder die zwischen ihnen entstandenen Schranken fallen lassen und eine panjüdäische Bewegung einleiten, die die Zusammenfassung aller nationalen Kräfte im Schatten der alten Davidsburg, unter den Mauern von Zion, zum Ziele hat. Inden letzten Wochen war nun in der näheren und ferneren Welt von zwei dieser großen Verbände, vom Panislamismus und vom Zionismus, viel die Rede. Die „Nowoje Wrernja" zog in einem heftigen Artikel gegen den Panislamismus zu Felde, während in der osmanischen Kammer dem jetzigen Kabinett Sympathien für den Zionismus vorgeworfen wurden. In beiden Fällen wurde von politischen Plänen gesprochen, die diese Bewegungen verfolgen sollten. Die „Nowoje Wrernja" machte das jungtürkische Komitee für die Ermutigung der „phantastischen Ideen des Panislamismus" verantwortlich, während die Gegner des Kabinetts Hakki Pascha dieses beschuldigten, daß es Palästina den Juden verkaufen wolle. Ein griechisches Blatt konnte infoige der Tiefe seiner Geschichtsauffassung so weit gehen, zu behaupten, der Zionismus sei nichts als ein Nachtrab des Germanismus, obwohl es doch allgemein bekannt ist, daß der Zionismus international (soll heißen interterritorial, Anm. d. Red.) und einzig und allein die hebräische Kultur und die hebräische Sprache fördert. Seine ganze Existenzberechtigung liegt in der Abstraktion von allen nationalen Verschiedenheiten, wie sie auf dem Boden Europas bestehen, und in der Anerkennung des jüdischen Nationalgedankens. Wenn wir den Zusammenhang zwischen Zionismus und Germanismus bestreiten, so soll damit nicht gesagt sein, daß nicht viele Deutsche für die von bedeutenden Männern, die der Menschheit angehören und nicht nur dem Judentum, mit so viel Warmherzigkeit und so viel Energie vertretene Idee des Zionismus Sympathien hegen. Sowohl Panslawismus, wie Panislamismus und Panjudaismus tragen einen national-religiösen Charakter. Man würde aber fehlgehen, wenn man ihnen politische Ziele, die auf die Lostrennung von den bestehenden staatlichen Organisationen ausgehen, unterschieben wollte. Alle drei Bewegungen bleiben zwar nicht auf dem rein national-religiösen Boden stehen. Sie werden zu wirtschaftlichen Bewegungen, die dadurch hervorgerufen sind, daß diese Verbände durch politische Hindernisse, auf die sie stießen, in ihrem Erwerbsleben gehemmt und in eine Verteidigungsstellung gedrängt werden, in der sie versuchen, sich wirtschaftlich unabhängig von dem Gegner zu halten. Der Gedanke des Zionismus fand erst recht seine Nahrung, als es sich darum handelte, die durch die Pogrome und eine schikanöse Gesetzgebung in ihrem Erwerbsleben gestörte jüdische Bevölkerung wirtschaftlich zu stärken. . . . Langsam und zögernd betritt die Türkei die Bahn der wirtschaftlichen Entfaltung. Ihre große Gebietsausdehnung läßt Raum für das Zusammenwirken vieler Kräfte, die sich nicht gegenseitig aufheben oder lähmen, sondern ergänzen und Hand in Hand schaffen können. Die Türkei braucht solche von draußen kommenden Kräfte, da in einem kapitalarmen Lande der Anstoß zur wirtschaftlichen Entwicklung nur von jenseits der Grenzen kommen kann. Die politische und nationale Unduldsamkeit wäre daher ein gefährlicher Luxus, der die Entwicklung des Landes ernstlich hemmen könnte. Das jungtürkische Komitee hat diese Wahrheit in vollem Umfange erkannt. In diesem Sinne hat der Großwesir die antisemitischen Reden der Herren von der Yolkspartei und der übrigen Oppositionspartei beantwortet." In einem Artikel des „Jeune-Turc" war der türkischen Zeitung „Ikdam", die nach der Kammerdebatte vom 1. März einen zionistenfeindlichen Artikel veröffentlicht hatte, vorgeworfen worden, dieses Blatt wolle den Antisemitismus unter der Maske des Antizionismus propagieren. In einer der jüngsten Nummer des „Ikdamu wird nun dieser Vorwurf ganz entschieden zurückgewiesen, Die Redaktion des „Ikdam" erklärt vielmehr, daß sie den jüdischen Mitbürgern gegenüber die freundschaftlichsten Gefühle hege; sie sei auch einer Einwanderung der Juden in die Türkei durchaus freundlich gesinnt; bloß gegen die Masseneinvanderung und gegen die Schaffung eines jüdischen Kulturzentrums in Palästina habe sie vom Standpunkte der Reichsinteressen Bedenken. Das Blatt spricht die Befürchtung aus, daß eine massenhafte Einwanderung ausländischer Juden eine lästige Konkurrenz seitens dieser Einwanderer hervorrufen würde. Auch in Europa, meint der „Ikdam", begegnen die Juden nicht etwa wegen ihrer Fehler vielfachen Anfeindungen, sondern der Grund all des Hasses und der Mißgunst, denen sie ausgesetzt sind, liege in ihren außerordentlichen Fähigkeiten und Erfolgen auf dem Gebiete des Handels, der Wissenschaft, der Kunst und der Literatur. Dies allein sei der wahre Grund des europäischen Antisemitimus, von dem das Blatt wünscht, er fände niemals eine Stätte in der Türkei. Hiezu bemerkt der „Jeune Türe4' in seiner Nummer vom 7. März: „Der „Ikdam" wird uns sicherlich zugeben, daß das Dilemma, vor das er die ottomanischen Juden stellt, sehr schwierig ist. Einerseits sollen sie als gute Bürger alle ihre Bemühungen auf die Entwicklung und den Fortschritt ihres Vaterlandes hinlenken, sollen also alle Kräfte ihres Geistes und ihres Willens, alle ihre glänzenden Fähigkeiten der Förderung der Wissenschaften und Künste, des Handels und der Industrie dieses Landes widmen. Anderseits aber sollen sie nach der antisemitischen Doktrin ihren Eifer mäßigen, sich nicht vordrängen, nicht überall glänzen wollen, nicht die ersten Plätze einnehmen. Können sie jedoch unter den Bedingungen einer so eigentümlichen „moralischen Abstinenz" wirklich Großes schaffen, dem Vaterlande vollständig nützlich sein und die Pflichten eines guten Bürgers wahrhaft erfüllen? Welche Bedeutung käme übrigens unter diesen Umständen den in unserer Verfassung verbrieften Grundsätzen der Freiheit und der Gleichheit zu? Wir wollen demnach hoffen, daß auch der „Ikdam" sich mit den oben gekennzeichneten Forderungen nicht identifiziert und daß er sich mit uns der materiellen und geistigen Erfolge aller Glieder der ottomanischen Völkerfamilie freuen wird, deren Wohlergehen den Fortschritt des ganzen Reiches gewährleistet. Freilich müssen die Juden, die in unser Land kommen, vor allem gute Ottomanen werden, und wie die Erfahrung lehrt, ist der eingewanderte Jude in der Tat in allen Ländern ein treuer Bürger, der alle seine Kräfte dem Wohle seines Adoptivvaterlandes weiht. Sie werden also ohne Zweifei auch in der Türkei die besten Patrioten sein und in loyaler Weise an der Entw.cklung des Vaterlandes mitarbeiten. Wie der „Ikdam" richtig ausführt, existiert die andere Ursache des europäischen Antisemitismus, „die jüdisch-christliche Streitfrage4*, in der Türkei nicht. Die Muselmanen und die Juden können also friedlich und in voller Eintracht nebeneinander leben. Der „Ikdam" befürchtet ferner, es könnten einmal, wenn in Palästina tatsächlich ein jüdisches Kulturzentrum entstände, einzelne exaltierte Personen versuchen, die Form dieses Kulturzentrums umzuwandeln, mit andern Worten: separatistischen Gelüsten zu frönen. Allein es braucht ja nicht näher begründet zu werden, daß über derartige Fragen nicht irgendwelche überspannte Personen, sondern das Zusammenwirken der realen Kräfte, die unerbittlichen Lebensnotwendigkeiten entscheiden. Ein gründliches Studium der wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und geographischen Bedingungen Palästinas sowohl wie des ganzen Reiches liefert uns die klare Erkenntnis, daß eine jüdische Kolonie in Palästina auch unter den günstigsten Umständen viel zu schwach sein wird, — nicht nur um etwaige separatistische Bestrebungen in die Wirklichkeit umzusetzen, sondern um sich auch nur ernstlich mit derartigen Gedanken zu tragen. Es freut uns aufrichtig, daß unser Bruderblatt, wie es versichert, den Vorsatz gefaßt hat, die ganze zionistische Frage sine ira et studio zu erforschen, und wir sind überzeugt, daß das Ergebnis seiner Studien in ihm die gleiche Überzeugung wachrufen wird, zu der wir unserseits uns schon längst bekannt haben, daß nämlich die jüdische Einwanderung und der Zionismus nicht nur keine Gefahr für die Türkei bedeuten, sondern im Gegenteil unserm Lande nur Nutzen bringen können."

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