Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 11 (17.3.1911)
- Date
- 1911-03-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Der Zionismus in der türkischen Kammer Der maßlose und lächerliche Angriff des Deputierten Ismael Hakki Bey auf den Zionismus, weit davon entfernt, unserer Bewegung in der türkischen Öffentlichkeit irgendwelchen Schaden zu tun, ist nach längerer Distanz mit kühlem Auge gemessen eher als Segen für sie anzusehen. An und für sich hat die Tatsache, daß dieser Angriff von der Opposition ausging, deren unlautere Absichten deutlich durchschimmerten, seine Schlagkraft im vorhinein gebrochen. Kein einziger Redner der Majorität ist dem Angreifer auf dieser Bahn gefolgt, und die Äußerungen des Qroßwesirs sind von der gesamten Presse als unbedacht und undokumentiert zurückgewiesen worden. Mochten darüber, ob der Zionismus dem türkischen Staate nützlich oder schädlich sei, die Meinungen auseinandergehen: einig war man sich jedenfalls darin, daß man es entgegen der Ansicht Hakki Paschas mit einer ernsten machtvollen, historischen Bewegung zu tun habe, die unter allen Umständen sorgfältig studiert werden müsse. Im übrigen ist dem Schlimmen, was Hakki Bey in der Kammer von ihr zu sagen wußte, kein Glaube beigemessen worden. Nachträglich ist endlich allen Ernstgesinnten und Aufgeklärten zum Bewußtsein gekommen, daß mit diesem Antizionismus eine antisemitische Strömung in die Türkei eingeführt werde, gegen die man sich von türkischer Seite selbst energisch wehrt und deren erstes Auftreten Scham und Entrüstung hervorrief. Hiedurch sind alle Elemente dafür gegeben, daß nicht nur die augenblickliche Hetze gegen den Zionismus vollständig paralysiert wird, sondern daß auch für die Zukunft jeder ähnliche Versuch im vorhinein kompromittiert erscheint, Der Satz des „Tanin", daß die Agitation gegen den Zionismus ein Erpressungsversuch und zugleich Unruhestiftung sei, wird seine Geltung behalten und nicht so leicht vergessen werden. So ist es denn verständlich, daß der zweite Vorstoß, der genau acht Tage nach der Rede Hakki Beys von arabischer Seite gegen unsere Sache geführt worden ist, vollkommen wirkungslos verpuffte. Das war der beste Beweis für die Richtigkeit unserer Deduktionen. Der Abgesandte von Damaskus, Risa Sulch Bey, hat sich vollkommen umsonst eigens — wie er schon in Syrien einem Interviewer vielversprechend erklärte — ins Parlament wählen lassen und nach Konstantinopel bemüht, um hier dem Zionismus den Garaus zu machen. Eine Tatsache verdient noch Aufmerksamkeit. Die Opposition selbst ist, erfreulicherweise und ihr zur Ehre, absolut nicht einhellig gegen uns. Die Taktik der Führer hat in weiten Kreisen derselben keine Billigung gefunden. So haben weder die Griechen — was ihnen hoch angerechnet sei — noch die Armenier und Bulgaren in die gleiche Kerbe gehauen, sondern im Gegenteil einige von ihnen haben rückhaltlos das Verfahren Ismael Hakkis verdammt. Man kann also nicht einmal von einer einheitlichen oppositionellen Fronde in der Kammer gegen den Zionismus sprechen. Stimmungsumschlag in der Presse In der Haltung der ottomanischen Zeitungen ist ein starkes „Revirement" eingetreten. Während gewisse bedeutende Blätter anfangs äußerst heftige Artikel gegen den Zionismus gebracht hatten, haben sie unter dem Einfluß der Publikationen des „Tanin", des „Jeune Türe" und des „Osmanischen Lloyd" alsbald viel mildere Töne angeschlagen. Darauf sind auch die z. T. sehr freundlichen Auslassungen des armenischen „Asadamard" wie des griechischen „Amerolyptos" nicht ganz ohne Einfluß geblieben. Selbst der „Ikdam", der die Artikel Frescos bei sich aufgenommen und im übrigen ganz seinen Tonfall adoptiert hatte, ist zur Besinnung gekommen. Jetzt verwahrt er sich nur noch gegen die Aufnahme von Juden in Palästina selber, im übrigen hat er sich mit einer maßvollen jüdischen Einwanderung in die andern Teile der Türkei schon ausgesöhnt. Es ist also nicht ausgeschlossen, daß das Blatt auch noch weiter mit sich reden lassen wird. Der „Taswiri Efkiar" allein hetzt weiter fort. Der allgemeine Eindruck, der von den Presseveröffentlichungen über den Zionismus zurückgeblieben ist, ist durchaus kein ungünstiger. Die Diskussion über die Bewegung ist im Flusse und wird so leicht nicht wieder versiegen. Nachklänge Am 4. März kam bei Fortsetzung der Budgetdebatte der Zionismus noch einmal zur Sprache. Diesmal war es ein Mitglied der Opposition, Bussios Effendi, ein Grieche, der als einziger aus der ganzen Partei die Attacke gegen Zionismus und Judentum mißbilligte. Obwohl er den Finanzniinister fast an allen Punkten des Budgets angreift, sagt er über den Vorwurf der Begünstigung eines angeblich gefährlichen Zionismus folgendes: „Es hat nicht genügt, eine griechische und mazedonische Frage zu haben. Nun sucht man auch noch nach Fragen, von denen bisher niemand geträumt hat, und vom Zionismus zu sprechen. Es steht dem Minister frei, Geld zu holen da, wo er will, vorausgesetzt, daß er es unter günstigen Bedingungen erhält. Wir wollen deshalb keine jüdische Frage aufstöbern, die übrigens nie auf der Tagesordnung stand. Wir wollen daher böswilligen Anschuldigungen keinen Glauben schenken." Preßstimmen Im „Tanin" führte Hussein Dschahid Bej über die Debatte vom 1. März folgendes aus: „Das konstitutionelle Regime hat bis jetzt viele Stürme überstanden. Erinnert man sich aller Gerüchte und Verleumdungen, die ausgestreut wurden seit dem Abenteuer des Kjör Ali bis zur Revolte des Dervisch Wachdeti (13. April 1909), so erkennt man sicher, daß ein Haufe verborgener und satanischer Aufreizungen stets und ständig vorbereitet werden, um das Land in Unruhen zu stürzen und uns einer gegen den andern zu werfen. . . . „Der letzte Giftstoff für Verhetzung und Aufruhr, der in die Deputiertenkammer geschleudert wurde, ist die Frage des Zionismus. Man wußte ja, daß einige Leute im Lande diese Idee aufgenommen haben. Man gab nun diesem französischen Worte, das niemand versteht, folgende türkische Deutung: „Das Land wird an die Juden verkauft!" Kommen einige Personen zu Ihnen, die Sie für intelligent und ehrenhaft gehalten haben, Sie zu besuchen, und sagen Ihnen mit mysteriöser Miene: „Ach, wie weit ist es mit uns gekommen! Man verkauft das Land an die Juden!" — so packt Sie sicher ein patriotisches Angstgefühl und schnürt Ihnen die Brust zusammen. . .. „Wir freuen uns, daß das Wort Zionismus offen von der Bühne herunter erschollen ist, geführt wie ein Keulenschlag gegen die Regierung, als eine Anklage, daß sie das Vaterland verrate. Denn mit der offenen Erörterung ist schon das Übel vernichtet, das mit dieser Verleumdung beabsichtigt wurde. „Das Land wird an die Juden verkauft? Wer täte so was? Ist das von einer Regierung zu erwarten, die um Kretas willen den Krieg zu erklären bereit war? Unser Land ist kein bewegliches Gut, daß ein Stück davon sich an die Juden verkaufen ließe. . . . „Eine Gruppe reicher Juden, so sagt man, will in Palästina die verstreuten Juden ansiedeln und da einen unabhängigen Staat errichten. Nachdem man das einmal behauptet hat, ist es natürlich leicht, Fabeln zu erfinden, um zu beweisen, daß alles, was irgendwo in der Welt passiert, nur der Erreichung dieses Zweckes diene. Die meisten großen Bankiers der Welt sind Juden. Die Regierung