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Die Welt · 1911-03-10 · 10 (10.3.1911) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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218 DfE^gE LT No. 10 schwer in eine neue Stimmung hineinzuleben vermochte, ärgerte sich über seine Genossen, weil diese hier, im Herzen von Wien, sich über Dinge unterhielten, welche nach seiner Meinung hinter den Winterofen einer kleinen Betstube irgendwo in Ostgalizien besser hingehörten. „Ihr Batlonim (gelehrte Müßiggänger), Taugenichtse," fauchte er in den schweren, verschwommenen Lauten des Alkoholikers. „Was ist in euch gefahren, daß ihr euch hier vor dem „Österreichischen Hof" Geschichten von „guten Juden" erzählet! Das ist jüdischer Irrsinn,, so etwas können nur Juden vollbringen." Er ritt sein Steckenpferd, wenn ihm Anhaltspunkte gegeben waren, über jüdisches Wesen sich schimpfend auszulassen. „Nur ein Jud vermag sich über die wirkliche Lage der Dinge hinwegzutäuschen," räsonierte er weiter. „Ein Jud schaut nie einem Ding ins Antlitz, sondern darüber hinaus, — hoch — hoch hinaus. Elende, habt ihr vergessen, was ihr seid? und wo ihr seid? Ihr seid Wiener Dienstmänner, feine Herrchen, -- kein böser Blick soll euch Schaden tun. Wiener Dienstmänner, —- ein Wurm gilt mehr. Und in Wien seid ihr, in dem blinden, herzlosen Wien, — es möge bersten! Was hat man euch nicht schon vom Munde weggeraubt! Rohrpost ist da, Eisenbahngepäckdienst ist eingerichtet usw. usw. — Noch kurze Zeit, und ihr werdet mit eurenKindern Hungers krepieren. Und niemand ist da, der sich um euch kümmert, der nach euch fragt, — nicht einmal einen ordentlichen Fußtritt kriegt man dahier, daß man sich doch wenigstens etwas fühle . . , Und da steht ihr hier vor dem Österreichischen Hof und redet von Purim und von „Guten Juden — —" Die Genossen machten sich über sein aufgeregtes Wesen lustig. — „Wenn er noch nicht genug für seine drei Frühschnäpse verdient hat, ist mit ihm kein Wort zu reden," nieinte Schmerl Grünberg. Chaim Goldin ging auf ihn zu und schüttelte ihn kräftig an den Schultern. „Sieh dich um, du blinde Schneiderseele! Was ist jetzt von Wien zu sehen?— Wo ist Wien?— Jetzt sind wir am Purimtisch des Dublier Maggid —" „Das eben ist jüdischer Irrsinn," sprach Jankel schon gelassener. „Es ist ebenso wie mit dem Philosophen und den Zahnschmerzen. Hatte da einer heftige Zahnschmerzen, lief wahnsinnig herum und brüllte. Begegnete ihm so ein Philosoph, wollte ihn trösten und sagte : Geh, das alles bildest du dir nur ein,— wenn du willst: Es sind keine Zähne und keine Schmerzen. Hob der Kranke einen Stein vom Boden auf und schlug mit ihm dem Philosophen zwei Zähne aus. Da bekam er es wohl schon zu spüren. ... Ja, ja, Brüderchen", schloß er schon in gerührtem Tone. „Der Dubner Maggid und sein Purimtisch werden euch nichts leichter machen. — Es sind Zähne und es sind Schmerzen ..." Nun war sein Zorn völlig geschwunden, und er mischte sich in die Unterhaltung der andern. So war's in der Regel: Wenn er des Morgens seine drei Gläschen Schnaps nicht haben konnte, so mußte er sich durch heftige Worte Luft machen. Und darauf war alles wieder gut. Allmählich wurde denn auch er von der Stimmung seiner Kameraden gefangen genommen. Und als Wolf Hirschkern, der ehemals Chedergehülfe in Kolomea war, von den Abenteuern, die er als Anführer einer Gruppe von Purimspielern einst erlebt hatte, zu erzählen begann, kam auch ihn die Lust an, seine Erinnerungen auszukramen. „Oh,*Purim — Purim daheim — das ist eine Lust!", ließ er sich in gerührtem Lallen vernehmen. „Ob arm, ob reich, jeder hat da ein Recht auf die Freude. Einmal, am Purimabend, nachdem die Festmahlzeit beendet war — bei einem so armen Teufel, wie ich es bin, zog sie sich überhaupt nicht so sehr in die Länge — ging ich zu meinem Nachbar, dem Thoraschreiber, entlieh mir von ihm den zerschlissenen Seidenkaftan, die halb von frommen Motten zerfressene sabbatliche Pelzmütze, und also ausstaffiert begab ich mich zu Chaskele Perlstein — Chaskele Perlstein, einer der angesehensten und reichsten Bürger der Stadt. — Im Speisesaal, um den sehr nobel gezierten Tisch saßen die vielen Familienangehörigen, obenan Chaskele selber. Er empfing mich mit leuchtendem Lächeln und fing gleich mit mir zu scherzen an. Ich postierte mich am Tische und nahm zum Gelächter der Anwesenden sofort von der ganzen Weinkaraffe Besitz. Und wie ich ein bißchen duselig wurde, näherte ich mich dem Hausherrn, griff ihm unter die Arme und sagte herablassend: Reb Chaskele, heut ist Purim; die Rollen sind vertauscht. Wer ist Haman und wer ist Mordechai? — Heute bin ich Chaskele Perlstein und Ihr seid Jankel Todres. Heute gehöre ich hierher und Ihr dort unten. Seid so gut und überlaßt mir meinen Platz. Und Chaskele — er war ein Juwel von einem Menschen — erhob sich wirklich, ging nach unten, und ich ließ mich mit meiner ganzen Schwere in den gepolsterten Stuhl niedersinken. Ich gab mir das Ansehen und die Allüren eines vornehmen, gelehrten Mannes, und die ganze Tafelrunde lachte, daß es dröhnte. Und wie ich noch mehr benebelt wurde, — so in den weichen Stuhl hineingebettet, vor mir all der Glanz und die Fröhlichkeit, — da schwanden mir für einen Moment die Sinne, und ich träumte wirklich, ich sei . . . ha, ha, ha! — Ach Purim — Purim!" — Er war ganz warm geworden. Er erzählte mit seiner, wenn er fröhlich war, gurgelnden Fistelstimme allerlei Spaßiges und Idyllisches aus der Heimat, und seine matten Trinkeraugen mit den schweren Lidern wurden triefend vor Lachen und Rührung. Die andern entzündeten sich erst recht an seinem Feuer, und jeder wartete mit ein paar erheiternden und rührenden Anekdoten auf. „Daheim, ja daheim, da gilt auch der Bettler etwas", sagte Schmerl Grünberg, „dort fühlt man sich doch etwas. Man ist nicht so verloren, so erdrückt. Gehts einem schlecht, so hat man noch die Sehnsucht und die Hoffnung auf freundlichere Zeiten. Und hier . . . Was sind wir hier? .... Tote Wesen — nicht mehr als der Stein hier —", und er hieb verächtlich mit dem Stiefelabsatz auf den Asphalt. „Und dabei glauben sie dort zuhause, daß man am Wiener Pflaster Gold schaufelt", fiel Chaim Goldin ein. „Besuchte mich da einmal ein Verwandter, der Schochet in Rawa Ruska ist. Er hätte an der Klinik hier sich einer Augenoperation unterziehen sollen. Er meinte, meine Wohnung wäre zu enge und überdies sehr dunkel. „Wie hoch ist die Miete?" — „Achtzehn Gulden den Monat", sagte ich. — „Daß Gott einen behüte!" meinte er ganz paff. „Da muß man ja natürlich bald verarmen. Mit fünfundzwanzig Gulden den Monat und einer Ziege im Hause komme ich für die ganze Familie

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