Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-03-10 · 10 (10.3.1911) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316472--54347-3348130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 10 DIEJ&ELT 219 auf. Und zu denken, daß ein Mensch durch zwölf Jahre hier wohnt und es nicht so weit hat bringen können, ein Häuschen irgendwo hinter der Stadt sein eigen zu nennen." Während alle über die Naivetät des Kleinstädters vor Lachen sich nicht zu lassen wußten, war Jankel, ohne daß es jemand von den Genossen wahrnahm, in das Haustor entschwunden. Nach wenigen Minuten erschien er vermummt, — wahrhaftig vermummt! — wieder. Rr hatte einen fleckigen, zerlochten Salonrock an, der sicherlich aus der Garderobe des Hausknechtes entlehnt war, und auf den Kopf hatte er einen zerdrückten Zylinderhut gestülpt, den er Gott weiß wo aufgelesen, und das Gesicht war von einer aus bedrucktem Papier geschnittenen Maske bedeckt. Von den Genossen miteineniHallohbegrüßt,begannereinen charakteristischen drehenden und hüpfenden Tanz, in Galizien „Chossidel" genannt, und sang in heiserm Fisteltone: „Schoschanath Ja—akob41.*) Moine Kalischer und Wolf Hirschkern klatschten den Takt dazu. Da rief jemand unvermutet zischend in die Gruppe hinein: „Ruhig, ein Wachmann —!ik Alle hielten inne, nur Jankel tanzte wie besessen weiter. Nun drängten ihn die andern in das Tor hinein. Da t iß er voll Wut den Plunder von sich und verschwand im Hof. Als er wieder herauskam, standen seine Genossen am Toreingang zusammengep|ercht, und ihre Gesichter hatten die gewöhnliche amtsmäßig starre und zugleich gedrückte Miene aufgesetzt. Nur daß von Zeit zu Zeit ein Lächeln der Verlorenheit um die Mundwinkel huschte. Es hatte zu schneien aufgehört, der Nebel war zum großen Teil gewichen. Der Asphalt war schwarz und klebrig geworden vom geschmolzenen Schnee. Bunte Menschenmassen zogen ihres Weges, immer geradeaus blickend, mit stumpfen Gesichtern, blind für die Umwelt. Der Wachmann von früher stand einige Schritte entfernt und musterte streng verweisend die wie in sich selbst zusammengeschmolzene Gruppe. „Purim in Wien ..." flüsterte Wolf Hirschkern dem heraustretenden Jankel wehmütig zu und wies mit einer runden Handbewegung auf die ragende Umgebung hin, die bei all dem Bunten und Rauschenden so unfestlich schien. Jankel trottete voll innerlich zusammengeballterWut her und hin. Er wußte sich nicht zu lassen. Er war in seiner Stimmung gefangen wie das Wild im Zwinger. So schwer es ihm früher gefallen war, sich in sie hinzuleben, ebenso schwer war es ihm jetzt, aus ihr herauszukommen. Ein Geschäftsdiener mit einem Hundegespann näherte sich ihm mit dem Auftrag, dasselbe an eine gewisse Stelle zu bringen. Er lief, fassungslos über die Zumutung, wie gebissen zu seinen Kameraden hin. Moine Kalischer, der jetzt „an der Tür" war, eilte zum Wägelchen hin, spannte sich ein und begann mit komisch ausholenden Bewegungen den Trab, während der mitziehende Hund ihn hochmütig anbellte. „Ach, Moinele, Moinele ... ein edles Reis . . . Abkömmling hoher Rabbinen ... ist gleich einem Hunde, ist weniger als ein Hund — das ist die Thora, und das ihr Lohn," sprach Jankel kopfschüttelnd, und fast wollte er weinen. *) Gebräuchlicher Purimsang. „Sein Bruder stellt es schon klüger an," äußerte Wolf Hirschkern. „Er bereist die galizischen Städte als ein vornehm „Einikel" (Enkel, Abkömmling von Rabbinen) und sammelt fette Almosen ein." „Hört doch schon einmal auf!", rief unmutig Schmerl. „Schon genug von galizischen Dingen gesprochen. - Vergeßt nicht, wo Ihr seid!" Jankel fuhr den Sprecher wütend an: „Was Wien! — Ich pfeif auf Wien . . . Wir sind. Juden und heut ist Purim!" Verächtlich zog er nun die Schultern in die Höhe und drehte den Kameraden den Rücken. Da gewahrteer am Toreingang den Hausknecht. Er steuerte entschlossen auf denselben zu, riß die leere Geldbörse aus der Hosentasche und hielt sie ihm hin. „Fünfzig Heller!" Der Hausknecht zuckte uninteressiert die Achseln. „Dreißig!" rief Jankel wieder. Der Hausknecht, nicht eben wärmer geworden, aber schon schmunzelnd, nahm die Börse in Empfang und bezahlte. Jankel trottete, die Blicke von den Kamerden abgewendet, davon; mit der Miene eines Menschen, dem alles gleich ist. „Die drei Schnäpse sind schon da; - ein Morgenbad für die Seele," sprach Chairn Goldin und zwinkerte verständnisinnig. Nach etwa einer halben Stunde sahen ihn die Genossen mit schweren Schritten herantrotten, das Gesicht rot aufgedunsen und heiter; leise mit vibrierender Kopfstimme sang er die Melodie von „Schoschanath Jakob." „Oh, es waren schon dreimal drei Schnäpse heute," rief Hirschkern. „Gott weiß, wo er inzwischen das Geld herbekommen hat." Plötzlich, als er nur noch wenige Schritte von seinem Standplatz entfernt war, schwenkte Jankel zur andern Straßenseite ab, steuerte auf einen arglos einherschreitenden wohlgepflegten und gut gekleideten Herrn zu, an dem die jüdische Abkunft nicht zu verkennen war, und pfauchte ihm ins Gesicht: „Jud!" Und als der Mann entsetzt sich umwandte: „Heut ist Purim — daß Ihr es nur wisset!" Und wie die entsetzte Miene des Mannes sich in eine voll Drohung und Abscheu umwandelte, sank er mit einemmale ganz in sich zusammen. „Nun, eben — Purim ist heute — •", stammelte er und zeigte mit einer schwerfälligen Handbewegung auf die bunte, rauschende und doch so unfestliche Umgebung. — „Es tut einem Juden weh." —;° Aus der Bewegung °! JEWISH COLONIAL TRUST (Jüdische Kolonialbank) Jahresbericht 1910 Das Geschäft des Jahres 1910 zeigt gegen das Vorjahr insofern eine Veränderung, als unsere Zinseneinnahme infolge der höheren Bankrate (durchschnittlich 3,7 gegen 3,1 in 1909) eine wesentlich größere war. Es fällt das für uns um so mehr ins Gewicht, als wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.