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Die Welt · 1911-03-10 · 10 (10.3.1911) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Qäßchen . . . niedrige, weißgetünchte Häuschen . . . vertraute Gesichter. ... Da plötzlich ein kühler Schauer, und einzelne Riesenschneeflocken wirbeln herunter. Schon fällt der Schnee großflockig und dicht zu Boden. Die Luft ist jetzt wieder kaum bewegt und lau fächelnd. Nun ist man ganz eingehüllt, isoliert. Es kam so überraschend wie ein liebes Geschenk, verwirrend und eigen. Alle Bewegung rings spielt sich wie hinter Mauern ab. Das Qeklinge und Getute hat sich zu einem fernen Raunen gedämpft. Das Nahe, Wirkliche ist verwischt und das Ferne, Verworrene webt und nimmt Gestalt an. . . . Ein undefinierbares Aroma, brenzlich süß, steigt in die Nase. Woher . . .? Unwillkürlich schnüffelt man. . . . Aber es war bloß eine Erinnerung. Dort in weiter Ferne, im Innern der kleinen Häuschen werden jetzt Nüsse mit Honig gebacken, und die winkeligen Qäßchen sind voll von diesem Duft. Denn heute ist Purim. Purim im Städtchen. Die Straßen und Plätze sind voll Bewegung wie an einem Werktage, doch Gesichter und Mienen sind festlich. Der süße Duft des gebackenen Honigs kitzelt in der Nase, und man muß unwillkürlich lächeln. Man denkt an die Festmahlzeit mit Fisch, Kuchen und Wein und erheiterndem Maskenbesuch. Das Auge glänzt und der Fuß hebt sich leichter. Alle Bewegung hat heute etwas Drehendes, Taumelndes. Da und dort ziehen malerische Gruppen von Purim - Spielern mit Tanz und Geklingel vorbei. Die Bettler, die sonst bedrückt an den Gassenecken schleichen, ziehen heute zu zweien und dreien in aufrechter Haltung und mit tänzelnden Schritten herum, um ihren Kuchen und ihr Purimgeld wie eine Schuld einzutreiben. Denn Purim ist der Tag der Armen. An den Türen draußen stehen Gruppen von Kindern, größern und kleinern, und sind mit Eifer darauf bedacht, daß ihnen nichts entgehe, was auf der Gasse sich abspielt. Auf ihren Gesichtern ist eine freudige Spannung zu lesen: Was wird's heute noch zu sehen und zu hören geben! Und dann kommt das Festmahl mit Fisch, Kuchen und Wein. . . . Da schwingt sich aus einer Gruppe ein heller Kindersang empor in die klare Märzluft. Kein Ton ist's, keine Melodie, nur ein wilder, taumelnder Rhythmus: Eine kleine Brust floß über. Alle andern stimmen jauchzend mit ein, und sie drehen einen Reigen. Und die Gasse widerhallt von ihren jubelnden Stimmen: „Heut ist Purim, Heut ist Purim, Purim, Purim, Purim!" * * * Vor dem Hotel „Österreichischer Hof", wo der stillere Fleischmarkt in das drängende Gewühl der Rothen Turmstraße mündet, tauchen hinter Nebel und Flocken ein paar Rotmützen auf, Wiener Dienstmänner. Tritt man aber näher hinzu, so muß es einem auffallen, daß unter den schmalen Mützenschirmen die Gesichter so gar nichts von der nichtssagenden breiten Frohmütigkeit des Wiener Volkstypus an sich haben. Eher würde die große Ähnlichkeit mit jenen Physiognomien in die Augen stechen, welche die „Sorgbänke"*) der kleinen galizischen Städte zieren. Es sind typische galizischjüdische Gestalten von herangekommenem bürgerlichem *) Bänke an Marktplätzen, welche in der Regel von Leuten besetzt sind, die keine sichere Beschäftigung haben und dort eines gelegentlichen Verdienstes harren. Habitus und etwas Flügellahmen im Wesen, Menschen, die nach unzähligen verzweifelten, jedoch vergeblichen Anstrengungen, sich auf dem Niveau zu erhalten, endlich resigniert alle Hoffnung haben fahren lassen. An sonnerhellten Tagen, während elegantes großstädtisches Leben durch die Straßen ilutet, würde die Eigenart dieser Gruppe nicht sehr auffallen. Da stehen sie in den Toreingang des Hotels hineingepreßt, in gesucht steifer und dabei gedrückter Haltung, und in ihren Qesichtsmienen ist etwas amtsmäßig Starres und zugleich etwas jammervoll Gedrücktes ausgeprägt. Fremd und verschüchtert sehen sie in den Trubel, verloren inmitten all des Glanzes und des ins Große strebenden der Umgebung, ohne sich darin verlieren zu können. Heute aber in dem verwirrenden Nebeldunst und dem erregenden Geflimmer der tanzenden Schneeflocken schreiten sie allein und zu zweien in vornüber gebeugter Haltung den Bürgersteig auf und ab, den Kragen der meist recht fadenscheinigen Überzieher hochgeschlagen; nicht als ob sie frieren würden, sondern — man sieht es an den im Gehen ausholenden Schultern, an dem beschwingten Gange und an den Mienen, die jetzt etwas nach innen Gekehrtes haben — als wenn sie ein neu erwachtes, unzeitgemäßes Gefühl, in dem sie heimisch waren, vor der räuberischen Hast einer fremden Wirklichkeit behüten wollten. Schmerl Grünberg, ehemals ein kleiner Greisler in einem galizischen Flecken, konnte seine aufgeräumte Stimmung nicht meistern. — „Es ist eine Freude!" rief er ein über das andere Mal seinen Genossen zu. „Ein echter Purimschnee! Man glaubt sich wieder in der Heimat . . . Ach, der Purim daheim! Kommt, Brüderchen, Juden, laßt uns von Purim reden." „Er hat recht," gab Wolf Hirschkern aus Kolomea zu. „Man fühlt sich so heimisch, wenn es so dicht schneit. Man sieht nichts von der närrischen Welt, jeder ist in seinem eigenen Palast . . . Man ist ein anderer, ist anderswo . . . Purim . . „Es ist ein Purimgeschenk, das uns Gottuniu aus seinen himmlischen Schneespeichern*) herunterschickt/" rief mit seiner krächzenden Stimme Chaim Goldin, der in seinen guten Tagen, als er noch eine Gastwirtschaft in Rawa Ruska betrieb, dort das Ehrenamt eines Bet-- hausvorstandes bekleidet hatte, und der auch jetzt noch, so oft sich Gelegenheit dazu bot, es nicht unterließ, seinen Genossen gegenüber den „Könner" und „edlen Juden" hervorzukehren. Im Nu hatte sich eine angeregt schwatzende Gruppe gebildet. Moine Kalischer, ein mißgestaltetes Männchen mit einem Vogelgesicht, etwas blöd im Wesen, über den jedoch die Sage ging, daß er ein Abkömmling hoher Rabbiner sei, begann mit verzückten Mienen davon zu erzählen, wie der große Dubner Maggid seligen Andenkens, der mütterlicherseits der Großvater seiner, Moines, Großmutter — wieder mütterlicherseits ----- war, — er, ein Künder des fröhlichen Glaubens, welcher das Wort prägte: Esset Krapfen und dienet Gott, ----- den Purim im Kreise seiner Getreuen zu feiern pflegte. Jankel Todres, ehemals Flickschneider in Sniatyn, der während der ganzenZeit schweigend, mit verdrossenen Mienen abseits am Eingangstor gestanden hatte, näherte sich jetzt der plaudernden Gruppe und spuckte wütend aus. Er, eine grobschlächtigere Natur, die sich nur *) In kabbalistischen Büchern ist von himmlischen Schneespeichern (ozroth scheleg) die Rede.

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