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Die Welt · 1911-03-10 · 10 (10.3.1911) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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214 OIE^aEELT No. 10 Der Beleidiger wurde dann von seinen Parteigenossen gezwungen, Ismael Kemal durch Abbitte und Handkuß Genugtuung zu geben. Vor Ismael Kemal hatte der Salonikier Abgeordnete Carasso gesprochen. Er wandte sich gegen die jüngsten antisemitischen Hetzversuche und hob hervor, daß die Kammersich anscheinend eine ganze falsche Vorstellung von den Zionisten mache. Auf Zwischenrufe hin betonte er, daß er kein Zionist sei. Die folgenden Redner besprachen Eisenbahnangelegenheiten. Ein Interview mit Herrn Wolffsohn Die „Daily News"in London vorn 6. März enthalten folgende Meldung eines ihrer Korrespondenten: „Die letzte Debatte über den Zionismus in der türkischen Kammer hat mich veranlaßt, mich zum Präsidenten der Zionistischen Organisation, Herrn David Wolffsohn in Köln zu begeben, um seine Ansicht über die Angelegenheit zu erfahren. Auf meine Frage, wie er über die Äußerungen des Großwesirs denke, sagte mir Herr Wolffsohn: „Ich wundere mich, daß der Qroßwesir über unsere Bewegung so schlecht informiert ist. Nach dem Telegramm im „Berliner Tageblatt" hätte er gesagt, daß es nur einige wenige verrückte Leute in Europa gäbe, die ein Königreich in Palästina gründen wollen. Wenn der Qroßwesir dies wirklich gesagt hat, so ist er doch sehr im Irrtum. Es gibt nicht einige wenige Leute, sondern ungezählte Millionen gläubige Juden und Christen, die fest daran glauben, daß dereinst ein jüdisches Königreich in Palästina begründet werden wird. Unsere politische Organisation aber ist von dieser religiösen Idee unabhängig; sie bezweckt nur, eine Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu gründen im Rahmen der türkischen Verfassung und mit Zustimmung der türkischen •Regierung." Bezüglich der letzten türkischen Anleihe bemerkte Herr Wolffsohn: „Es gibt nicht den geringsten Grund für die Behauptung, daß seitens der Zionisten dabei Schwierigkeiten gemacht worden seien. Wir haben uns der türkischen Regierung gegenüber immer durchaus freundschaftlich verhalten und wir werden das auch, welche auch die vorübergehende Haltung der Regierung uns gegenüber sein möge, in der Zukunft tun. Ich bin fest überzeugt, daß die Regierung doch schließlich einsehen wird, daß die Verwirklichung unserer Bestrebungen ebenso sehr dem ottomanischen Reiche zum Vorteil gereichen wird, als sie im Interesse des jüdischen Volkes liegt. Und ich bin sicher, daß die Regierung dann bereit sein wird, finanzielle Verhandlungen mit der zionistischen Organisation zu führen." Der Zionismus und die Türkei*) Die Ideale und Ziele des Zionismus sind während der letzten dreizehn Jahre so oft und so deutlich dargelegt worden, daß sie eigentlich kaum noch einer weiteren öffentlichen Erklärung bedürfen. Sie sind auf Kongressen und Konferenzen verkündigt, sie sind in Büchern und unzähligen Flugschriften niedergelegt worden und sie werden Woche für Woche in vielen und vielsprachigen Zeitungen in allen Teilen der Welt erörtert. Es gibt kaum eine theoretische Frage in der Bewegung, die nicht schon längst und gründlich besprochen worden wäre. Es gibt kaum eine Entwicklungsphase in der praktischen *) Wir entnehmen diesen besonders jetzt sehr interessanten Artikel dem Londoner „Evening Standard" vom 27. Februar. Tätigkeit des Zionismus, die nicht augenblicklich in der zionistisch-offiziellen Presse mitgeteilt wird. Öffentlichkeit ist das leitende Prinzip der Bewegung von ihrem ersten Entstehen an gewesen; denn ihr Erfolg hat in sehr bedeutendem Ausmaße die Ausdehnung und Stärke ihrer Propaganda zur Voraussetzung. Die zionistische Literatur ist darum so umfangreich geworden, daß es zu ihrem genauen und lückenlosem Studium vieler Monate bedarf. Aber trotz dieser Öffentlichkeit und Klarheit, in der die Ziele und Zwecke des Zionismus wiederholt verkündet worden sind, trotz der Leichtigkeit, mit der irgend jemand, der Information sucht, sie finden kann, setzt man immer noch merkwürdige und schädigende falsche Darstellungen der Prinzipien und Bestrebungen unserer Bewegung in Umlauf. Man beschuldigt die Zionisten, daß sie separatistische Zwecke verfolgen, zu Untreue gegen das Ottomanische Reich ermuntern. Die Schärfe und Heftigkeit, mit der sie angegriffen werden, könnte kaum intensiver sein, wenn sie wirklich ein Heer und eine Flotte in Bereitschaft hielten, um Palästina mit bewaffneter Hand im Sturm zu nehmen. Ihre Gegner kennen genau die Friedfertigkeit der Bestrebungen des Zionismus, sie wissen, wie nützlich seine Tätigkeit ist; aber es paßt ihren dunklen Zwecken, ihre Verleumdungs- Kampagne fortzuführen. Ich will mich aber hier nicht mit ihrem moralischen Niveau befassen, sondern nur mit dem Unheil, das sie stiften können, wenn ihre traurige Propaganda ungehindert und unwiderlegt fortdauert. Ich möchte daher zunächst die Beschuldigung näher untersuchen, daß die zionistische Tätigkeit im Ottomanischen Reiche den Interessen des Staates gefährlich ist. Ich werde deshalb die Arbeiten, die die Bewegung bereits in Palästina durchgeführt hat, und die praktischen Maßnahmen, die sie für die nächste Zeit vorhat, Revue passieren lassen, und wir werden sehen, ob sie die Wohlfahrt der neuen Türkei fördern oder schädigen. Das Streben des Zionismus geht dahin, die jüdische Nation dadurch zu erhalten, daß er ihr eine Heimstätte in Palästina — dem Lande, in welchem ihr nationales Leben zuerst Form und Richtung erhalten hat — schafft. Um dieses Ziel zu erreichen, muß man zweierlei tun; Erstens muß das jüdische Volk durch Erziehung zu nationaler Kultur für sein erneutes Zusammenleben in. Palästina vorbereitet werden; und zweitens muß Palästina durch praktische Methoden moderner Kolonisation für die Aufnahme des jüdischen Volkes vorbereitet werden. Die erstgenannte Aufgabe hat wohl kaum unmittelbaren Einfluß auf die Wohlfahrt des Ottomanischen Reiches. Es ist nur die zweite, welche die ottomanischen Interessen tangiert. Ist nun das Resultat dieser Berührung für die Allgemeinheit gut — oder ist das Gegenteil der Fall? Als die Zionisten mit der Arbeit in Palästina begannen, fanden sie sich einer ernsten und ungeheuren Aufgabe gegenüber. Es handelt sich ja um nichts geringeres als darum, aus einem östlichen Lande, das seit Jahrhunderten vernachlässigt worden war, die Heimstätte eines arbeitsamen und hoch zivilisierten Volkes, das seit langem in der westlichen und halbwestlichen Umgebung gereift war, zu machen. Der träge Qeist des Orients, wie willkommen er auch dem frommen Pilger oder dem Greis, der auf geheiligter

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