Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Debatte Im folgenden geben wir unter Benutzung der uns vorliegenden Konstantinopeler Blätter „Jeune-Turc^, „Aurore", ,,Osmanischer Lloyd", „La Turquie", „Stamboul" und „The Levant Herald" eine Darstellung über den Verlauf der Debatte am Mittwoch den 1. März, in welche der Qroßwesir mit einer Rede eingriff. Die Vorgänge ereigneten sich in der Nachmittagssitzung. Als erster Redner kam der Volksparteiler Ismael Hakki Bey zum Wort. Er ist der Ansicht, die Eingänge entsprechen nicht den Schätzungen; das Gesetz betreffend die Steuererhebung werde nicht angewendet, und die Geschäfte des Finanzministeriums gingen so schlecht, daß ein neuer Minister fünf Jahre brauche, um sie wieder in Ordnung zu bringen. Redner greift dann auf die Meinungsverschiedenheit über, die seinerzeit zwischen dem Kriegs- und Finanzminister über die Anwendung des Rechnungsgesetzes entstanden war, und beklagt sich über die Unregelmäßigkeiten, die bei den Versteigerungen vorkämen, da ein Reglement nicht vorhanden sei. Redner geht dann zur Regieangelegenheit über, klagt den Minister der Nachlässigkeit an und wirft ihm vor, den Bericht der Sonderkommission zu lange hinauszuschieben. Dann spielt der Redner auf gewisse verborgen gebliebene Tatsachen an. (Lärm, Zwischenrufe.) Carasso Effendi: Erklären Sie diese Geschichten! Dschahid Bey: Um sich offen auszusprechen, muß man ein ehrenhafter Mensch sein! Ismael Hakki Bey verlangt von der Kammer, sie möge sich über das Banderolesystem aussprechen. Obschon der Weg vorn Zionismus zur Kammer weit ist, findet Ismael Beziehungen. Diese sind nach dem Abgeordneten von Gümüldschina in der Anleihe zu suchen. Der Abgeordnete spricht auf Grund eines Memorandums, das ihm jemand vorbereitet hat. Der Zionismus, sagt der Redner, bestand schon unter dem alten Regime. Der Zweck der Zionisten war, die Zahl der fremden Juden in Palästina zu vermehren und dort eine israelitische Regierung zu gründen. Kaum sind diese Worte ausgesprochen, wird schon dagegen protestiert. Mas Ii ah und Carasso weisen die Erklärungen des Redners zurück. Der Lärrn steigert sich. Carasso Effendi erbittet das Wort und erklärt, inzwischen sei eine Kommission gebildet worden, um die Einwanderungsfrage zu studieren; die jüdischen Mitglieder der Kommission hätten zugegeben, daß es sehr mißlich sei, Emigranten in größerer Anzahl kommen zu lassen, solange es kein Gesetz gebe, auf Grund dessen man sie regelrecht naturalisieren könne ohne vorherigen fünfjährigen Aufenthalt. Masliah fügt hinzu, man spreche von Zionismus, ohne die eigentliche Sachlage zu kennen. Ismael bemerkt fortfahrend, die Zionisten hätten in Palästina umfangreiche Ländereien erworben, und die Regierung habe unter dem alten Regime die „roten Pässe" eingeführt, um die Einwanderung zu beschränken. Kürzlich hätten die Zionisten in Berlin einen Kongreß abgehalten und gewisse Beschlüsse gefaßt. (Der Redner verliest sodann einige Stellen aus diesen Beschlüssen.) Der frühere Minister des Innern, Talaat Bey, unterbrechend: „Meine Herren! Gestatten Sie mir einige Worte zu äußern. Ismael Bey spricht von dem Kongreß gerade so, als ob dieser ein Geheimnis wäre, dabei hat derselbe aber durchaus öffentlich getagt. Der Kongreß schickte einen Vertreter hierher, dem ich eine Audienz gewährte und erklärte, die Regierung könne die ihr gegenüber geäußerten Wünsche nicht erfüllen. Dschawid Bey entschuldigte sich, als der Delegierte ihn gleichfalls sprechen wollte. Was die Angriffe gegen gewisse Personen betrifft, so ist dies eine Frage, die die Ehre angeht; es ist eine Schande, gegen anständige Leute fälschliche Beschuldigungen zu erheben." Isrnael fuhr in seinen Erklärungen unter fortwährendem Lärm fort und führte aus, die ihnen zuteil gewordene Abweisung habe die Zionisten nicht entmutigt; sie suchten ihren Zweck jetzt zu erreichen mit Hilfe der Finanz und der Industrie. Dies Ziel verfolgte auch Sir Ernest Cassel bei der Gründung der Nationalbank für die Türkei. Deswegen werde auch der Name des Rechtanwalts Salem bei allen großen Unternehmungen genannt. (Lärm.) Haladschian Effendi: „Lassen Sie ihn reden, die Ehre des Herrn Salem wird dadurch nicht berührt.'4 Ministerpräsident Hakki Pascha: „Das ist ein hübscher Roman. Selbst unter dem alten Regime hätte man keinen bessern ersinnen können. Nach dem Zögern zu urteilen, mit dem Ismael Bey spricht, muß man annehmen, dal.» ihm alle diese Dinge erzählt worden sind. Da ich die Juden nicht unter dein Eindrucke der Anklage einiger überspannter Personen lassen und damit bezüglich zahlreicher Freunde, "die uns wichtige Dienste erwiesen haben, Zweifel aufkommen lassen möchte, so will ich erst das Ende der Rede Ismael Beys abwarten, um ihm sodann im einzelnen zu antworten." (Großer Lärm.) Der Abgeordnete von Gümüldschina teilte sodann mit, der Credit Foncier, die Dreyfusbank sowie die übrigen Banken der französischen Gruppe, mit denen die Anleihe abgeschlossen werden solle, seien Organe der Zionisten; die Aufnahme der Anleihe in Deutschland, zu derMenasch Effendi geraten habe, sei gleichfalls auf das Vorgehen der Zionisten zurückzuführen. Die Reise Dschawid Beys nach Frankreich und dem übrigen Europa zwecks Abschluß der Anleihe sei gleichfalls etwas Ungewöhnliches gewesen. (Andauernder Lärm.« Nunmehr ergriff " der Großwesir das Wort. Er sagte beiläufig folgendes: „ . . . Lassen Sie mich vor allem die Frage des Zionismus kurz erklären. Jawohl, der Zionismus existiert. Man bezeichnet als Zionismus die Ideen gewisser Israeliten in Europa, die sich bestreben, durch die Emigration zahlreicher fremder Juden in der Zukunft ein israelitisches Königreich in Palästina zu gründen. Es sind Phantasten, die glauben, daß man so leicht Königreiche gründen kann. Die israelitische Nation ist die einzige der Welt, die ihre Lage nach Maßgabe der Wirklichkeit regelt, ohne sich von Gefühlen leiten zu lassen. Es ist darum eine Fabel, alle Juden in dieses Phantasiegebilde einspinnen zu wollen. In einzelnen Ländern Europas werden die Juden verfolgt. Aus diesem Grunde sind sie gezwungen, nach Maßgabe ihrer natürlichen Vermehrung auszuwandern. Es ist bekannt, daß die reichen Israeliten sich mit der Kolonisation ihrer Glaubensgenossen beschäftigen. Die Hirsch und Rothschild haben für diese Zwecke ungeheure Summen ausgegeben. Sie haben sich bemüht, ihre Glaubensgenossen in solchen Ländern ansässig zu machen, wo es große unbebaute Territorien gibt. Ich glaube, sie haben in erster Linie Argentinien als geeignet für ihre Zwecke angesehen. Sie haben dort t-ine Anzahl Kolonien gegründet, bestehend aus Millionen von Emigranten (!) die aus Rußland und andern Ländern ausgewandert waren. Sie haben auch an Palästina gedacht und sich dieserhalb an die Türkei gewandt. Dank der Erleichterungen, die unter der Regierung des Sultans Abdul Aziz der Niederlassung aller Einwanderer ohne Unterschied der Rasse und der Religion eingeräumt worden sind, kamen Emigranten aus Deutschland und andern Ländern, die sich in Palästina niederließen. Allein die Zulassung dieser fremden Emigranten, deren verschieden Sitten undLebensgewohnheiten mit denen der einheimischen Bevölkerung nicht harmoniert, mußte Schwierigkeiten erzeugen. Da die Einwanderer überdies ihre fremde Staatszugehörigkeit bewahren wollten, mußte man nach dem russisch-türkischen Kriege die Niederlassung neuer Einwanderer verbieten, obgleich man die alten duldete. So blieben auch die Israeliten und die Deutschen, welche früher eingewandert waren, in Palästina. Es wurde dann die Einwanderungskommission eingesetzt, die keine weitern Ansiedlungen mehr erlaubt. Weiter erklärt der Minister, daß der von der Opposition konstruierte Zusammenhang zwischen dem Zionismus und Sir Ernest Cassel bei Gelegenheit der Anleiheverhandlungen nicht existiert. Sir Ernest Cassel, dessen Vorleben er nicht kenne, sei seines Wissens Anglikaner und nicht Jude. Der „rote Schein" wurde aufrecht erhalten. Er ist nichts anderes als eine Aufenthaltsbewilligung für 4 oder 5 Jahre. (!) Gegenwärtig, solange die Einwanderung nicht durch ein Gesetz geregelt ist, ist es natürlich, daß diese provisorischen Maßregeln beibehalten werden. Schließlich wies der Ministerpräsident die verschiedenen Angriffe gegen jüdische Persönlichkeiten durch die Opposition zurück. Ismael Hakki Bey erklärt, er müsse feststellen, daß der Großwesir mit ihm in der Beurteilung des Zionismus übereinstimme. Der Großwesir: Die Kammer hat verstanden, was ich gesagt habe. Ihre Feststellung war unnötig. Es ist für mich keine Ehre, in Ihren Gedankengang verstrickt zu sein. Am 4. März wurde die Budgetdebatte fortgesetzt. Als Ismael Kemal die Regierung wegen der Bagdadbahn angriff,„kam es wieder zu Lärmszenen, die sich am 6. N[är,: durch eine Äußerung desselben Redners bis zu Tätlichkeiten steigerten. Ismael Kemal hatte durch einen Zwischenruf, in dem er der Regierung vorwarf, für die Konzessionierung von Eisenbahnen Geld genommen zu haben, den Großvezier in eine derartige Erregung gebracht, daß dieser sich hinreißen ließ, auf den Vorkämpfer der Opposition loszugehen und ihm einen Schlag auf die Hand zu v ersetzen. In dem allgemeinen Tumult, der begreiflicherweise darauf entstand, schlug denn das Komiteemitglied Derwisch Efendi ismael Kemal ins Gesicht.