Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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212 die^i ELT No. 10 hat überreichen lassen. Dieser Irrtum ist um so auffallender, als den türkischen amtlichen Stellen die Vertreter des Zionismus ebenso wie dessen Bestrebungen und Arbeiten aus wiederholten Gelegenheiten bekannt geworden sind, bei denen unsererseits lückenlose und genaueste Informierung erfolgte. Wir brauchen wohl nicht erst an dieser Stelle zu konstatieren, daß weder die A. J. K. O., noch Herr Dr. Nossig mit dem Zionismus irgendetwas zu tun haben. Herr Dr. Nossig kommt für uns nur insoweit in Betracht, als er eine Zeitlang unserer Organisation angehört hat. Was Herr Dr. Nossig im Orient tut, erklärt und mitteilt, darf von niemanden auf das Konto des Zionismus gebucht werden. Wenn nun aber ein Minister diese beiden Organisationen und ihre Vertreter derart verwechselt, dann ist es wohl gestattet, von einem Dilettantismus in der Politik zu sprechen. Die Rede, die der Qroßwesir gehalten hat, hat wohl den zahllosen Gegnern des Zionismus einen guten Tag bereitet, und wir könnten fast bis auf den Buchstaben genau die Artikel in den verschiedenen Assimilantenorganen wiedergeben, in denen die Rede Hakki Paschas mit einem befreienden „Endlich" quittiert werden wird. Aber diese Herren, die schon unser Todesurteil lesen und die Leier zum Jubel stimmen, werden bald inne werden, daß sie sich verrechnet haben. Das sind übrigens dieselben Herren, die trotz aller Aufklärung, die ihnen Rußland angedeihen läßt, weiter an eine Besserung der Lage der Juden glauben, die sie in einem köpf- und ziellosen Wandern finden wollen. Dieselben, die mit einem unverwüstlichen Optimismus jeder neuen Rede des deutschen Kriegsminister entgegenharren, die ihnen endlich doch ihr Recht bekräftigen soll und nur immer von neuem die Existenz antisemitischer Strömungen konstatiert. Daheim sind sie immer optimistisch und lugen hinaus in die sonnige Welt. Nur wenn es um den Zionismus geht, dann umdüstert sich ihr Auge. Nun, den Zionismus wird die Rede eines Ministers weder beirren noch aufhalten. Das jüdische Volk hat zweitausend Jahre gewartet, es kann, wenn es sein muß, noch länger warten. Es hat so vieles erlitten und ertragen und steht noch immer aufrecht. Deshalb wird die zionistische Bewegung auch gegenüber der neuen Erscheinung ruhig Blut bewahren. Wir sind der türkischen Regierung stets loyal entgegengekommen und werden dies auch weiter tun. Wir hegen die feste Überzeugung, daß die türkische Regierung doch einmal erkennen wird, daß man unsere Bewegung nicht nach den Ausstreuungen verschiedener Denunzianten innerhalb und außerhalb der Türkei beurteilen darf, und werden es unbeirrt weiter als eine unserer Aufgaben betrachten, die türkische Regierung und die öffentliche Meinung in der Türkei mit unserem Programm und unseren Zielen vertraut zu machen. Der „Jeune-Turc" schreibt in seiner Nummer vom 2. März: „ . . . Wir selbst haben die Politik des Finanzministers Dschawid Bey wiederholt kritisiert; wir ließen uns jedoch hierbei lediglich von prinzipiellen Erwägungen leiten. Als durchaus unwürdig aber müssen wir ein Vorgehen bezeichnen, das darin besteht, skrupellos aus allem eine Waffe zu schmieden, um seinen Gegner zu diskreditieren und zu Falle zu bringen. Diesem verdammenswerten Bestreben entsprang nun der Versuch des Deputierten von Qümüldschina, Dschawid Bey dadurch zu treffen, daß er ihn als Förderer der zionistischen Bewegung hinstellte. Wir kennen diese Bewegung als eine rein kulturelle und begreifen nicht, daß man sie als Gefahr für das Reich bezeichnen konnte." In seiner Nummer vom 3. März schreibt der „Jeune- Turc" in einem von seinem politischen Redakteur Djelal-Nouri gezeichneten Artikel: ,, . . . Kehren wir zu der vorgestrigen Debatte in der Kammer zurück. Man hat dort die Frage des Zionismus aufgeworfen; es ist nun interessant, die Absicht derjenigen Kreise zu erforschen, die diese Frage aufs Tapet gebracht haben. Es handelt sich hierbei, wie der Verlauf der Debatte in aller Klarheit zeigte, um nichts anderes als um das Bestreben, einen Minister jüdischer Abkunft bloßzustellen. Welche niedrige Gesinnung gibt sich darin kund! Um einen Minister, der ihnen wegen seiner Abstammung verhaßt ist, zu diskreditieren, tun diese Herren alles mögliche und schrecken sogar davor nicht zurück, den Samen der Zwietracht unter die verschiedenen Völkerschaften zu streuen. Diese Tatsache genügt, um die Führer der Opposition ins richtige Licht zu rücken. Diese Leute haben weder den Zionismus studiert, noch auch die jüngsten Finanzoperationen der Regierung. Der Zionismus, die jüdische Nationalbewegung, hat — wie wir bereits in unserm gestrigen Artikel ausgeführt haben — lediglich den Zweck, die Einwanderung der verfolgten Juden in die Türkei zu erleichtern und innerhalb der Türkei ein jüdisches Kulturzentrum zu schaffen. Wenn es eine andere Bewegung gäbe, deren Grundsätze mit den oben erwähnten nicht übereinstimmen, wenn es eine separatistische Bewegung gäbe, die die Autonomie einer Provinz unseres Reiches, gleichviel welcher, anstrebte, kurz, wenn eine Organisation mit verdächtigen Zielen tatsächlich existierte, so würden wir die ersten sein, sie mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen. Allein eine solche Bewegung gibt es nicht, kann es nicht geben. Der Zionismus ist, wie schon die „Jeni Gazetta" ausgeführt hat, eine Weltbewegung, die unter ihren Führern und Anhängern Männer vom Range eines Max Nord au zählt, der zu den vornehmsten Repräsentanten des modernen Gedankens gehört. 4 Ist es denkbar, daß Tausende intelligente, praktische, vorurteilslose Juden Westeuropas derartigen Traumbildern nachjagen sollten? Diese Art von Polemik in der Kammer kann nur die eine Folge haben, daß in der Türkei ein bisher unbekanntes Übel großgezüchtet wird: der Antisemitismus, eine rein christliche Krankheit. Diejenigen, die in der Kammer gegen die zionistische Bewegung das Wort ergriffen haben, ohne ihr Wesen zu kennen, haben dem Vaterland einen sehr schlechten Dienst erwiesen, indem sie bei den einzelnen Gliedern der ottomanischen Nation Haß und Mißtrauen gegeneinander wachgerufen haben. Es ist traurig: Wir sind unwissend, lernen nichts, gehen keiner Sache ernstlich auf. den Grund, reden und handeln aber mit großer Leichtfertigkeit. Es wird für viele von uns gut sein, sich über eine Frage gründlich zu unterrichten, ehe sie sich anschicken, sie zum Gegenstand der Besprechung zu machen."