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Die Welt · 1911-03-10 · 10 (10.3.1911) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
10 (10.3.1911)
Date
1911-03-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XV. JAHRG. KÖLN, 10. März 1911 ]mir6 do'Wn -hn No. 10. DIE TÜRKISCHE MÄRZDEBATTE Die türkische Kammer hat sich mit dem Zionismus beschäftigt. Der Anlaß hierzu fand sich in der Debatte über das Finanzbudget. Die Parteikämpfe, die in der letzten Zeit besonders erregt geführt werden, weil das Land eine schleichende Kabinettskrise durchmacht, richteten sich am meisten gegen den Finanzminister Dschawid Bey. Wird schon in allen Parlamenten der Minister, dessen Etat gerade zur Debatte steht, der Zielpunkt aller Angriffe der Opposition, so fügte es hier das Geschick, daß Dschawid Bey jüdischer Abkunft ist. Und so traten Lutfi Fikri Bey, ein Deputierter aus irgendeinem asiatischen Wahlbezirk, und Ismael Hakki Bey aus Qümüldschina auf den Schauplatz. Der erste hielt eine Brandrede gegen die Juden überhaupt. Der zweite hatte ein Manuskript vor sich, aus dem er gegen den Zionismus im besondern wetterte. Da er aber das Schriftstück, das ihm irgendein Unbekanntei gegeben hatte, vorher nicht durchgesehen, so las er es ziemlich langsam und stockend, was ihm dann später der Großwesir selbst vorhielt. Der Großwesir, der Chef des Kabinetts, war in einer unangenehmen Lage. Er mußte seinen Kabinettskollegen in Schutz nehmen, er mußte die Angriffe auf die Juden zurückweisen. Er half sich diplomatisch, indem er ebenfalls — eine Rede gegen den Zionismus hielt. Die recht lärmende und von Tumultszenen begleitete Debatte hat in den Ausführungen des Ministerpräsidenten gerade nicht ihren Höhepunkt erreicht. Die Zeiten sind längst vorüber, in denen Abgeordnete, der vollen Schwere ihrer Verantwortung bewußt, nur sprachen, wenn sie genügend vorbereitet waren und für ihre Anwürfe auch Unterlagen besaßen, deren Richtigkeit und Zuverlässigkeit sie selbst geprüft hatten. Das war in der Blütezeit des Parlamentarismus in Europader Fall. Heute aber kann man häufig genug konstatieren, daß von irgendeinem Abgeordneten eine Rede gehalten wird, die sogar für den Uniformierten und Fernstehenden jeder Unterstützung durch Tatsachen zu ermangeln scheint. Die Ministerien der verschiedenen Staaten sind an diese Erscheinung schon so gewöhnt, daß sie Interpellationen solcher Abgeordneten überhaupt kaum ernst nehmen und auf solche Anfragen nur antworten, wenn sie von einer ansehnlichen Partei unterstützt werden oder auf irgendeiner greifbaren Grundlage beruhen. Man muß aber von einem verantwortlichen Minister erwarten, daß er bei der Beantwortung von Interpellationen oder Anfragen sich seinerseits streng auf dem Boden der Sachlichkeit hält und nur Erklärungen abgibt, die er jederzeit durch gute Gründe unterstützen kann. Insofern nun ein Abgeordneter judenfeindliche Fabeln auftischt, die ihm irgendein Denunziant aufgeschrieben hat, hat jetzt das türkische Parlament vor seinen europäischen Schwesterkammern nichts mehr voraus. Ob der betreffende Abgeordnete Raab heißt oder Schneider oder Drumont oder Ismael Hakki Bey, ist nur eine Verschiedenheit der Namen. Schwerer wiegt aber die Tatsache, daß ein Ministerpräsident, in dessen Händen das Geschick eines großen Reiches liegt, der über alle Erscheinungen des öffentlichen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens sich jederzeit authentische Informationen verschaffen kann, über so wichtige Angelegenheiten so widerspruchsvoll und so unrichtig unterrichtet ist, wie sich dies in der türkischen Kammer am 1. März gezeigt hat. Es macht einen recht schlechten Eindruck, wenn man feststellen muß, daß der verantwortliche Leiter eines großen Staatswesens über eine Bewegung, die sich solcher Feindschaft erfreut wie die unsrige, nichts anderes zu sagen weiß, als daß sie ein Phantasiegebilde sei; wenn man hört, daß ein türkischer Ministerpräsident vom „roten Schein" erzählt, daß er eine Aufenthaltsbewil.ligiing für die Dauer von vier bis fünf Jahren sei. Leider wissen wir das besser. Oder hat sich der Ministerpräsident vielleicht gescheut, öffentlich zu bekennen, daß es sich bei dem „roten Schein" um eine Paßvorschrift nach russisch-antisemitischem Muster handelt? Auch sonst gab es in der Debatte einen erwähnenswerten Moment, den nämlich, als Talaat Bey, der gewesene Minister des Innern, von einem Zionistenkongreß erzählte, der in Berlin getagt und gewisse Beschlüsse gefaßt habev welche ihm in seiner Amtszeit vorgelegt wurden. Sr. Exzellenz ist der nicht unbedeutende Irrtum unterlaufen, den Zionismus mit der Aligv-mdncn Jüdischen Kolonisationsorganisation (A.J.K. O.) zu verwechseln, welche durch Herrn Dr. Nossig ein Memorandum

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