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Die Welt · 1911-03-03 · 9 (3.3.1911) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
9 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
– (sequence 14)
Language
German
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200 D1E 3a£E LT No. 9 historischen Fehde gegen Mißhandlung und Unterdrückung gerecht geworden zu sein. Nicht viel besser, z. T. auch noch blutloser, waren die Reden der andern Vertreter der Opposition. Bin sozialdemokratischer Redner hat das neue Amerika entdeckt, daß es ungerecht sei, ein ganzes Volk die Verbrechen einzelner sühnen zu lassen. Auch der glänzende Roditschew hat diesmal keine neuen Lorbeeren rhetorischer Macht und Schönheit geerntet. Den Antisemiten erteilte er übrigens den Rat, die Juden sich etwas aufrichten zu lassen, um dann erst ein gewisses moralisches Recht zum Kampfe gegen das Judentum zu haben, da es unvornehm sei, einen Wehrlosen zu schlagen. Unter diesen Umständen darf es nicht wundernehmen, daß auch unsere beiden jüdischen Abgeordneten nicht den richtigen Ton und die richtigen Worte fanden. Nur in der von Friedmann verlesenen Erklärung finden sich einige stolze und mutige Worte. Von den Nationalisten beantragten die Abgeordneten iVlarkow und Tscherkassow die Ablehnung des Gesetzentwurfs ohne Überweisung an eine Kommission, indem sie in niedrigster und gehässigster Weise gegen die jüdische Bevölkerung herzogen. Die in Rußland üblichen, von den Reaktionären stets angeführten Argumente, daß die Befreiung der Juden der übrigen russischen Bevölkerung, insbesondere den großen russischen Bauernmassen Gefahr bringe, wurde, was besonders in Betracht kommt, gerade von einigen Bauernvertretern aus der Arbeitsgruppe, den Reihen der Oktobristen und der Parteilosen als unbegründet zurückgewiesen. Ein den Oktobristen angehörender Bauernvertreter führte an, daß die Gouvernements mit jüdischer Bevölkerung nicht im geringsten ärmer seien als Gouvernements mit nichtjüdischer Bevölkerung. Der parteilose Bauernabgeordnete G ulk in erklärte, wenn aus seinem Gouvernement Bessarabien die Juden ausgewiesen würden, würde der ganze Handel stocken, und alle Bauern würden in schwere Abhängigkeit von den Grundbesitzern geraten. Die dritte Lesung der Schulvorlage in der Reichsduma Nachdem die Schulkommission der Reichsduma sich bemüßig gesehen hatte, die Bestimmung der Vorlage betreffend das Unterrichtsrecht der nichtrussischen Völker in der Muttersprache zu streichen, glaubte niemand mehr, daß die Duma auf ihrem diesbezüglichen, unter ganz sonderbaren Umständen zustandegekommenen Votum beharren werde. Nun geschah aber das Unerwartete: das Plenum nahm in der Sitzung vom 17. Februar, in welcher die dritte Lesung der Vorlage vor sich ging, die von der Kommission gestrichene Bestimmung mit 190 gegen 150 Stimmen in ihrem vollen Wortlaut wieder auf. Das Merkwürdige dabei war, daß die Oktobristen diesmal sehr energisch für die Annahme des gesamten bezüglichen Absatzes, also auch einschließlich des Amendements von Nisselowitsch, welches die Verleihung des betreffenden Rechts auch auf die Juden ausdehnt, eintraten und mit ihren Stimmen den Ausschlag zugunsten der nationalen Volksschule für verschiedene Völker Rußlands, die Juden mit einbegriffen, gaben. Wie erinnerlich wurde seinerzeit das Amendement Nisselowitsch mit den Stimmen der Opposition und der äußern Rechten, die hierdurch die ganze Bestimmung betreffs der Volksschule für die „Stammesfremden" ad absurdum führen wollten, gegen die Stimmen der Oktobristen angenommen. Als es nun diesmal zur endgültigen Abstimmung in der dritten Lesung kam, sahen sich nun die Oktobristen veranlaßt, die Juden mit in den Kauf zu nehmen, um den betreffenden Absatz mit der Opposition gegen die Rechte durchzusetzen. Diesem Votum zufolge sollen nun in denjenigen Volksschulen, wo die jüdischen Schüler die Mehrzahl bilden, alle Lehrfächer vier Jahre lang in jüdischer Sprache unterrichtet werden. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die jüdische Volksschule, in der sämtliche Fächer im Jüdischen unterrichtet werden, und wo selbstverständlich auch jüdischer Religionsunterricht erteilt wird, von unserm nationalen Standpunkte aus in jeder Beziehung der allgemeinen russischen Volksschule vorzuziehen ist. Nachdem die Duma den fraglichen Punkt angenommen hatte, gaben die Fraktionen der Nationalisten und der Rechten die Erklärung ab, daß sie in diesem Votum eine schwere Schädigung der Staatsinteressen erblicken, und verließen demonstrativ den Sitzungssaal, um an der weiteren Beratung der „verderblichen Vorlage" nicht teilzunehmen. ' Es erscheint sehr zweifelhaft, ob das günstige Votum der Duma für uns realen Wert haben wird. Es ist nämlich kaum anzunehmen, daß unser mehr als konservatives Oberhaus den „revolutionären" Dumabeschluß gutheißen und der Zar ihm die höchste Sanktion verleihen wird. Aber auch im Falle, daß das Unerwartete eintreten und die Vorlage die höchsten legislativen Instanzen glücklich passieren sollte, so wäre doch der reale Nutzen des neuen Gesetzes ein beschränkter. Man darf eben nicht vergessen, daß wir als „Stammesfremde" auf die Unterstützung unserer eigenen Volksschulen durch den Staat keinen Anspruch haben, daß wir aber anderseits bei unserm chronischen wirtschaftlichen Notstande absolut nicht in der Lage sind, auf eigene Rechnung Volksschulen in erforderlicher Anzahl zu eröffnen und zu erhalten. In den Schulen der städtischen und landschaftlichen Selbstverwaltungsorgane („Zemstwo") aber könnten wir zwar bisweilen die Mehrheit und somit die gesetzliche Basis für den jüdischen Unterricht erlangen; wir sind aber durchaus nicht in der Lage, tatsächlich die Herren der Schulen zu werden oder auch nur nennenswerten Einfluß auf die Leitung derselben zu gewinnen, da wir ja in der Selbstverwaltung nicht vertreten sind. Wie dem aber auch sei, so ist in dem Votum der Duma, das die Anerkennung der jüdischen Nationalität in der Reihe der andern Völker Rußlands einschließt, ein wichtiger Präzedenzfall geschaffen, mit dem unsere gesetzgebenden Körperschaften in Zukunft volens nolens zu rechnen haben werden. Sympathiekundgebung für Abgeordneten Dr. Mahler Eine Gruppe jüdischer Studenten der Universität Kiew hat anläßlich der pöbelhaften Ausschreitungen im österreichischen Reichsrat gegen den jüdisch-nationalen Abgeordneten Dr. Mahl er an diesen folgendes Telegramm gerichtet: „Den Ausdruck der Verachtung für die Feinde, der Sympathie für den wackern Vorkämpfer und Genossen sendet eine Gruppe jüdischer Studenten in Kiew." Ausweisungen in Tschernigoff Aus dem Gouvernement Tschernigoff kommen Nachrichten über massenweise Ausweisungen von Juden. Aus dem Kreise Surasch dieses Gouvernements werden allein 219 Familien von der Ausweisung betroffen. Diese völlig gesetzlosen Ausweisungen vollziehen sich zudem unter sehr grausamen Begleitumständen. Um die jüdischen Familien zur schleunigen Abreise zu zwingen, werden bei30 Grad Kälte die Türen und die Fenster ihrer Wohnungen von der Polizei geöffnet, so daß die Ausgewiesenen schwer zu leiden haben. Der Gouverneur von Tschernigoff befahl, alle gesetzlichen Beschwerden der Juden gegen die Ausweisungen ohne Prüfung abzuweisen. Die bevorstehende Saison der Judenausweisungen Wenn auch während der Wintersaison der patriotische Eifer der russischen Behörden nicht stillstand und wir alle Tage von Ausweisungen einzelner Juden oder kleinerer Familiengruppen aus dieser oder jener Stadt des heiligen Innerrußlands hörten, so erschien doch diese Zeit mit ihrer strengen Kälte im großen ganzen auch dem unerschrockenen russischen „Tschinownik" für größere Deportationen etwas ungeeignet. Mit dem Anbruch des Frühlings soll es nun wieder anders werden. So sollen im Frühling aus Kiew wiederum mehrere Hunderte jüdischer Familien verschiedener Klassen und Kategorien, deren Wohnrecht in Kiew die Behörde auf einmal unbegründet fand, ausgewiesen werden. Erfolge des Bezalel in Warschau Die hier vor kurzem veranstaltete Bezalelausstellung hat der Jerusalemer Kunstgewerbeschule zahlreiche neue Freunde und Förderer gewonnen. Die Erzeugnisse der Anstalt fanden reißenden Absatz, und es sind nach Jerusalem Bestellungen auf Teppiche, Filigranarbeiten usw. im Werte von 10000 Rubel aufgegeben worden. Der russische Adel und die Judenfrage Der Kongreß der vereinigten Adelskorporationen Rußlands, der in Petersburg tagt, befaßte sich mit der Judenfrage. Er trat mit einer Reihe judenfeindlicher Vorschläge hervor, die zeigen, welches Schicksal jedes von der Reichsduma angenommene Gesetz in der Judenfrage im Oberhaus erwartet. Der Adelskongreß schlägt ein

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