Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316471--54330-3348112- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 9 DIE^ELT 199 übrigen zwei Drittel sollen durch Vermittlung des Ackerbauministeriums für die Entwicklung der Landwirtschaft im Reiche Verwendung finden. Der Qemeindestreit in Konstantinopel Mit Bedauern entnehmen wir einer Notiz in der Konstantinopeler „Aurore", daß sich anscheinend bei der Erledigung des Konfliktes zwischen dem Großrabbinat und der askenasischen Gemeinde doch wieder Schwierigkeiten erhoben haben und daß das Großrabbinat beabsichtigt, ohne Berücksichtigung des Verwaltungsrates der askenasischen Gemeinde aus der Mitte der letztern ein Wahlkomitee zu bilden. Wir können nur der Hoffnung Ausdruck geben, daß es doch noch gelingen wird, die so heiß ersehnte und für das Gemeinwohl der Konstantinopeler Judenheit so notwendige Einigung zustande zu bringen. Palästina Referate des Herrn M. Scheinkin in Jaffa und Jerusalem Die Angriffe auf die zionistischen Bestrebungen, die sich in letzter Zeit sowohl von jüdischer, als auch von judenfeindlicher Seite gehäuft haben, gaben Herrn M. Scheinkin, dem Vertreter des Odessaer Komitees, Veranlassung, vor einem größern Publikum in Jerusalem und Jaffa über die Ziele des Zionismus und seine Bedeutung in der Türkei zu sprechen. Herr Scheinkin stellte folgende Thesen auf, die er in einem großangelegten Referat begründete: Der nach der Türkei einwandernde Jude schließt sich mit der ganzen Glut seiner Seele dem Lande seiner Wahl an, schon deshalb, weil er in seinem Geburtslande schnöde behandelt und nicht selten durch den feindlichen Druck zur Auswanderung gezwungen wurde. Durch seinen Fleiß und seine Betriebsamkeit ist der Jude* für die jetzige Türkei ein sehr erwünschtes Element, Die jüdische Einwanderung nach Palästina hat stets bedeutende Kapitalien mit sich gebracht, zuerst durch das Institut der Chalukkah, dann durch die modernen Bildungsanstalten und die Kolonisation. Der jüdische Einwanderer vertritt eo ipso keinerlei ausländische Politik. Der Jude kommt ins Land mit den brüderlichsten Gefühlen für seine semitischen Vettern — wie auch tatsächlich im Land genug Raum und Expensationsmöglichkeit für alle in Hülle und Fülle vorhanden ist. Seinen natürlichen Gegner findet der jüdische Einwanderer in den Effendis (Großgrundbesitzern), die zumeist auch die arabischen Fellachen (Bauern) bedrücken, während die Araber in der Nähe jüdischer Siedlungen zu Wohlstand und kulturellem Aufstieg gelangen. Von jüdischer Seite findet der seines Volkstums bewußte Jude eine heftige Gegnerschaft in den Schulen der Alliance, die von dem Geiste einer krankhaften und völlig bankerotten Assimilation beherrscht sind. Der Zionismus bedeutet für die ganze Judenheit den Kampf gegen die altersschwache Assimilation. Dieser Kampf wird ausschließlich mit geistigen Mitteln geführt, in erster Reihe durch die Neubelebung der hebräischen Sprache und die Pflege unserer andern kulturhistorischen Güter. Durch eine andauernde Aufklärungsarbeit wird sich die türkische Judenheit, und über sie hinaus die führenden Geister in der Türkei, von dem Segen der zionistischen Bestrebungen balJ überzeugen lassen. Wie wir hören, hat der Waad Hair von Jaffa beschlossen. Scheinkins Referat als Broschüre zn publizieren. Von der Klagemauer in Jerusalem In einem Artikel, den die Warschauer „Hazefirah" aus der Feder eines ihrer Jerusalemer Mitarbeiter veröffentlicht, wird der höchst unwürdige Zustand, in dem sich die Klagemauer (Köthel Maarabhi) in Jerusalem befindet, lebhaft beklagt. Der Zugang zu dieser geheiligten Stätte führt durch äußerst schmutzige, von Arabern niedrigsten Standes bewohnte Gäßchen. Die Anwohner verhöhnen und belästigen die Juden, die an der Klagemauer um die Wiederaufrichtung Zions beten, in der gemeinsten, unflätigsten Weise. Der Artikelschreiber führt aus, es sei beschämend für die Judenheit der Diaspora, daß bis heute nicht das Geringste versucht worden ist, um diesem schmachvollen Zustand ein Ende zu machen. Er fordert die jüdischen Wohlfahrtsgesellschaften und Palästinaorganisationen wie überhaupt sämtliche wohlhabenden und einflußreichen jüdischen Kreise Europas und Amerikas auf, eine großangelegte Aktion einzuleiten, um mit Erlaubnis der zuständigen Behörden die Häuser und Plätze in der Umgebung der Klagemauer anzukaufen, den gesamten schmutzigen und verwahrlosten Gebäudekomplex niederzureißen und an dessen Stelle einen großen, freien, gutgepflasterten Platz zu schaffen, welcher der Würde und Heiligkeit des Ortes angemessen wäre. Eine Prqpagandareise für das Jüdische Technikum in Haifa Man berichtet der „N. J. K." aus Berlin: Dieser Tage ist Herr Dr. Schmarjahu Lewin von einer längern Amerikareise, die er im Interesse des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Haifa unternommen hatte, nach Berlin zurückgekehrt. Es ist Herrn Dr. Lewin gelungen, in den angesehensten jüdischen Kreisen Amerikas werktätiges Interesse für das Haifaer Technikum zu erwecken. U. a. sind die Herren Jacob Schi ff, L. Marshall, S. Strauß, Dr. Cyrus Adler und Prof. Schechter dem Direktorium des Technikums beigetreten. An Spenden und Jahresbeiträgen für die Anstalt hat Dr. Lewin insgesamt den Betrag von 370 000 Dollar aufgebracht, darunter 215 000 Dollar Stipendiengelder für mittellose Zöglinge. Die Verwaltung des Tempels Emanuel hat auf den Namen von Dr. Lewin eine Stipcudienstiftmig im Betrage von 5000 Dollar errichtet. Jüdische Touristen in Palästina Unter den zahlreichen europäischen Reisenden, die in den jüngsten Tagen unsere Stadt besuchten, befand sich auch eine Gesellschaft von 20 wohlhabenden Juden aus Österreich-Ungarn. Iiäuserbau in Kafr-Saba Die Bewohner der kleinen jüdischen Ackerbaukolonie Kafr- Saba nördlich von Pethach-Tikwah haben aus Konstantinopel die behördliche Genehmigung zum Bau von 13 neuen Häusern erhalten. Das zur Errichtung der Häuser erforderliche Kapital ist der Kolonie vom Hilfsverein der deutschen Juden leihweise zur Verfügung gestellt worden. Rußland Das Gesetz über die Aufhebung des Ansiedlungsrayons Die russische Reichsduma beschäftigte sich am 22. Februar mit dem wichtigen Initiativantrag, der die Freizügigkeit der Juden in Rußland herstellen soll und dem erst jüngst der frühere Dumapräsident Chomjakow ein günstiges Schicksal voraussagte. Der Verlauf der Sitzung macht diese Hoffnung vieler Millionen Menschen nicht zuschanden. Die Reichsduma beriet den von 166 Mitgliedern der Opposition und des Zentrums eingebrachten Antrag über die Aufhebung der Beschränkung des Ansässigkeitgebiets für Juden und beschloß mit 203 gegen 138 Stimmen bei acht Enthaltungen, sich weder für noch gegen den Atitrag auszusprechen und die Frage, ob die Durchführung dieser Maßregel wünschenswert sei, der Kommission für die Unantastbarkeit der Persönlichkeit zu übergeben, welche binnen Monatsfrist berichten solle. Der Gesetzentwurf, für den auch die Oktobristen eintreten, wurde von dem Kadettenführer Maklakow begründet. Er sprach sich aus allgemein menschlichen und aus Staatsgründen für Aufhebung der nutzlosen Judengesetzgebung aus, die nur die Beamtenschaft und die russische Bevölkerung demoralisiere und Millionen russischer Untertanen gegen Rußland aufbringe. Er appellierte an das Gerechtigkeitsgefühl der russischen Volksvertretung; eine Lösung der Judenfrage im Sinne des Antrags werde einen Triumph des Gerechtigkeitsgefühls bilden. Seine lauwarme, trocken-juristische Rede bedeutet freilich eine schwere Enttäuschung. In dieser Rede war nichts von einem empörten, unmittelbaren Menschlichkeitsgefühl, nichts von einem großen Mitleid mit einem edlen, gequälten Volke, dessen tragisches Geschick es zum ewigen Opfer menschlicher Bestialität auserkoren hat, zu hören. Maklakow hat bloß „rechtliche Bedenken" gegen den Ansiedlungsrayon. Er erkennt das gute Recht der Judenfeinde an, die Juden zu bekämpfen; er verwahrt sich nur dagegen, daß der Staat als solcher, dem bloß rechtliche Funktionen zustehen, aktiven Antisemitismus treibe. Mit dieser rein formalen Argumentierung glaubte nun der Kadeltenführer seiner Aufgabe als Sachwalter des jüdischen Volkes in seiner schweren