Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 9 DIE ELT r20i unbedingtes Verbot der Übernahme von Juden in den Staatsdienst vor. Dies Verbot soll auch für getaufte Juden bis ins vierte Glied gelten. Kein Jude darf ein öffentliches Amt bekleiden, Lehrer, Arzt, Advokat oder Professor sein. Juden sollen unbedingt vom Militärdienst ausgeschlossen, ihnen jeder Besuch von Mittelschulen und Hochschulen untersagt sein; dagegen dürfen sie in besonderen jüdischen Anstalten erzogen werden. In bezug auf den Ansiedlungsrayon vertrat der Adel den Standpunkt, daß jeder Administrativbeamte, der Juden zu einem Wohnrecht außerhalb des Rayons verhilft, mit Dienstentlassung zu bestrafen sei. Die Regierung müsse auf strengste Einhaltung der gegen die Juden gerichteten Gesetze, namentlich auf die Einhaltung des Ansiedlungsrayons, bestehen und alle in Rußland befindlichen Juden dahin ausweisen. Sodann müsse mit der völligen Vertreibung der Juden aus Rußland begonnen werden, weil sie die Träger der Revolution seien. Sterbefälle Am 15. Februar ist in Brzezany der dortige Rabbiner Schalom Mordechai Schwadron im Alter von 77 Jahren verschieden. Rabbiner Schwadron galt in Galizien als die größte zeitgenössische Autorität auf talmudischem Gebiete. Während seiner 40jährigen rabbinischen Amtstätigkeit ergingen an ihn zahllose halachische Anfragen aus den verschiedensten Ländern, und seine Entscheidung wurde in den verwickeltsten Streitfragen der religiösen Praxis angerufen. Seine Responsen, die zum großen Teile bereits veröffentlicht sind, füllen viele Bände und zählen zu den geschätztesten Sammlungen dieser Art. Am 26. Februar starb in London Mr. Marcus Adler, ein Bruder des Chief Rabbi Dr. Adler, im Alter von 74 Jahren. Er war ein hervorragender Mathematiker und Mitgründer der London Mathemafical Society. Daneben beschäftigte er sich auch eingehend mit jüdischer Wissenschaft und veröffentlichte u.a. eine Anzahl Monographien zur jüdischen Geschichte und Altertumskunde. Eine Zeit lang fungierte er als Privatsekretär von Sir Moses Montefiore. Die Juden und das Jassyer Nationaltheater Bekanntlich haben in Jassy vor einiger Zeit Studentenkrawalle im Nationaltheater stattgefunden, welche das Auftreten einer jüdischen Sängerin, des Frl. Franziska R o z a n , verhindern sollten. Infolge dieser durch die Haltung der Polizei und der Theaterleitung von Erfolg begleiteten Demonstrationen haben die Juden über das Theater den Boykott verhängt, der solange andauern soll, bis ihnen für die Beleidigung Satisfaktion gegeben wird. Da die Juden solidarisch vorgehen, so hat das Theater, das dort wie überall nur von ihnen erhalten wird, einen großen materiellen Schaden, und es wird beabsichtigt, die Saison noch vor dem üblichen Ostertermin zu schließen. Frl. Rozan, die am Abend der Krawalle in begreiflicher Erregung den Regisseur, der offen mit den Lärmenden sympathisierte, beleidigt hat, ist deshalb gemaßregelt worden, indem ihr eine halbe Monatsgage abgezogen wird. Die Aktionäre des Theaters haben aus Furcht vor einer Wiederholung des Theaterskandals beschlossen, Frl. Rozan keinesfalls mehr auftreten zu lassen. Infolgedessen wird der jüdische Boykott vorläufig fortdauern. Generalversammlung des Berliner Lokalkomitees der Alliance Israelite Universelle Unter dem Vorsitz des Herrn Rabbiners Dr. Weiße fand am 22. Februar die Generalversammlung des Berliner Lokalkornitees der A. I. U. statt. Der Vorsitzende, widmete zunächst dem dahingeschiedenen Geschäftsführer Klausner, zu dessen Ehren sich die Versammlung erhob, einen warmen Nachruf und erstattete dann einen ausführlichen Geschäftsbericht, den Herr Dr. Apfel durch Mitteilungen über die Vorkommnisse innerhalb der A. I. U. in den letzten Wochen ergänzte. Er teilte mit, daß das Zentralkomitee Herrn Geheimrat Leopold Landau-Berlin kooptiert habe. Auch habe es den Etatsentwurf, der mit einem Überschuß von 40000 Mark zugunsten der Zentrale abschließe, genehmigt. Dagegen beständen über das Russenwerk und die Wanderarmenfürsorge noch Differenzen zwischen Paris und der Deutschen Konferenzgemeinschaft, welche sich unter keinen Umständen das Recht nehmen lassen werde, einen Teil ihrer Tätigkeit nach eigenem Ermessen zu bestimmen. Das neue Präsidium der D. K. G. sei nun konstituiert und bestehe aus Justizrat Max Fuchs. Geh. Medizinalrat Landau und Rabbiner Dr. Werner, München. In zahlreichen Agitationsversammlungen seien in letzter Zeit gute Erfolge erzielt worden. In der Diskussion gab Herr Dr. Hey mann seiner Sympathie mit der neuen Berliner Leitung Ausdruck, welche, wie er hoffe, bestrebt sein werde, mehr als früher allseitige Einigkeit herzustellen. Er hebt die Differenzen hervor, welche noch immer zwischen der Pariser Auffassung über die Leitung einer wirklich universellen Alliance und der deutschen Auffassung bestehen. Insbesondere sei die Stellung, welche seitens des Pariser Zentralkomitees der zionistischen Bewegung gegenüber eingenommen werde, eine unglückliche und zu tadeln. Er erinnert daran, daß Herr Geheimrat Goldberger früher mit Wissen und Willen der Pariser Zentrale seine bekannte Erklärung gegen den Zionismus erlassen habe, daß bei dem Besuche Achmed Risas in Paris der Zionismus völlig falsch dargestellt worden sei und daß die Alliance den Redakteur des Konstantin opeler „Tiempo", Fresco, noch nicht abgeschüttelt habe. Er fordert die D. K. G. auf, dahin zu wirken, daß jede Feindseligkeit gegen andere Organisationen aufhöre. Die Alliance müsse demokratisiert werden, und er begrüße namens seiner Freunde freudig die Idee eines Alliancetages. Justizrat Fuchs erwiderte darauf, daß die D. K. G. gegenüber allen andern Organisationen, solange er die Leitung habe, nach Möglichkeit den Frieden wahren würde. Die Zusammenarbeit von Juden aller Richtungen sei dringend zu wünschen. Die Pariser Verhältnisse seien keineswegs ideal. Zweifelhaft sei es aber, ob der gegenwärtige Moment für die Aufstellung weiterer Forderungen günstig sei, um so mehr, als die in Paris wohnenden C. C.-Mitglieder der Zahl nach weit überwiegen. Es werde zweckmäßig sein, eine andere Zusammensetzung des C. C. auf dem Wege der Wahl anzustreben. Dann würden auch die von Herrn Dr. Heymann betonten Wünsche ganz oder zum Teil in Erfüllung gehen. Zur Erzielung eines solchen Erfolges sei aber eine große Propaganda für die Anberaumung neuer Wahlen zum C. C. notwendig. (Lauter Beifall.) Die Wahlen ergaben die Wiederwahl der ausscheidenden Mitglieder und die Neuwahl der Herren Geheimrat Adolf Baginsky, Struck, Dr. Emil Levy und Professor Mosse. Ferner wurde dem Lokalkomitee die Kooptation des Herrn Dr. Friedemann empfohlen, da aus formalen Gründen seine Wahl durch die Generalversammlung nicht erfolgen konnte. Die Juden im preußischen Heer Die Ausnahmebehandlung der Juden im preußischen Heere, die bei der zweiten Lesung des Militäretats den Reichstag wieder beschäftigte, hat dem Verbände der Deutschen Juden Anlaß zu der Veröffentlichung der Broschüre: „Das jüdische Bekenntnis als Hinderungsgrund bei der Beförderung zum preußischen Reserveoffizier" (Verlag H. S. Hermann, Berlin) gegeben. Seit 30 Jahren ist, entgegen früherer Übung; in Preußen kein einziger jüdischer Einjähriger zum Reserveoffizier befördert worden, während verhältnismäßig zahlreiche christliche Söhne jüdischer Eltern Reserveoffiziere wurden. Der frühere preußische Kriegsminister v. Einem gab die Tatsache, sowie die Unzulässigkeit und Ungerechtigkeit von Zurücksetzungen wegen des jüdischen Bekenntnisses zu. Im Gegensatz zu ihm hat sein Nachfolger, Herr v. Heeringen, im letzten Jahre die Nichtbeförderung der jüdischen Einjährigen mit der Behauptung, ihnen fehle die für den Vorgesetzten vor der Front unerläßliche „achtunggebietende Persönlichkeit" und mit der seiner Erklärung nach notwendigen Rücksichtnahme auf das im „niedern Volk" angeblich bestehende Vorurteil verteidigt. Gleichwohl hat er erklärt, daß die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft kein Grund zur Nichtbeförderung sein dürfe, und Abhilfe bei „nachweislichen" Verstößen gegen die Bestimmungen zugesagt. An diesen Gegensatz zwischen Herrn v. Heeringens Ausführungen zu den von seinem Vorgänger ausgesprochenen Grundsätzen knüpft die Broschüre des Verbandes der Deutschen Juden an. Eingeleitet wird sie von einer im Januar 1910 an den Kriegsminister gerichteten Eingabe des Verbandes und der auf diese erteilten Antwort. Sie gibt dann die bisherige Entwicklung der Frage im Reichstage, seit diese im Jahre 1904 von dem Abg. Eickhoff zuerst berührt wurde, wieder und schildert unter Bezugnahme auf die den Kriegsministern in drei Jahren überreichten Beispielfälle, wie die jüdischen Einjährigen von Beginn des Dienstes an ohne andern Grund als ihr Bekenntnis hinter ihren christlichen Kameraden zurückgesetzt werden. Schluß des redaktionellen Teiles