Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-03-03 · 9 (3.3.1911) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
9 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316471--54329-3348111
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

198 ^IE2$gEL7 No. 9 Dieser Situation gegenüber fragen wir uns: Was soll da werden? Ein solcher Grad von moralischer Dekadenz ist bisher noch nicht fühlbar gewesen. Und wenn das noch eine Zeitlang so fort geht, so ist bald die Tiefe des Abgrundes nicht mehr meßbar. Ich stelle mir vor, welche Meinung die andern Nationen von uns bekommen müssen. Wenn wir daran denken, was sie zu uns sprachen, wenn sie uns sehen, welche Fragen sie an uns richten, wenn sie uns begegnen, so muß Schande unser Antlitz bedecken und wir müssen das Haupt sinken lassen. Man versichert uns, daß Griechen und Türken Woche für Woche fragen, wen denn > nun diesmal das Schmutzblatt angreife? Was sagt es über den Rabbiner? usw." Zum Schlüsse richtet das Blatt einen Appell an die noch übrig gebliebenen unparteiischen unabhängigen und mutigen Männer der Gemeinde, sich endlich aufzuraffen, die Affäre zu untersuchen, die Schuldigen festzustellen und damit dem Skandal ein Ende zu machen. In ganz gleichem Sinne äußert sich der „Imparcial", das offizielle Organ der ehemaligen Allianzschüler, das gewiß nicht im Verdacht steht, für den Zionismus Partei zu ergreifen. Aber die Hetze scheint eben in Saloniki wirklich auf dem Gipfel angelangt zu sein. Selbstverständlich setzt der „Tiempo" all das auf das Konto des Zionismus. Sein eigner Ton ist jetzt ebenfalls auf eine Stufe geraten, die nicht mehr überstiegen werden kann. Er schleudert schmutzige Invektiven gegen die; ehrenwertesten Personen, er ruft offen nach der Polizei, er droht grob und naiv mit dem Abschub zur Grenze. Er ist beim Delirium angelangt Endlich! Das Großrabbinat teilt in einem Rundschreiben an die Presse mit, daß es weder ein offizielles noch ein offiziöses Organ besitze. Das soll wohl ein Abrücken vom „Tiempo" maskieren. Winternot Der schreckliche Winter dieses Jahres bringt die ohnehin genug beschwerte armselige jüdische Bevölkerung der türkischen Städte in grausame Not. — Bei einem Schneesturm in der vergangenen'Woche sind sechs jüdische Tabakarbeiter in einem Boote auf dem Goldenen Horn gekentert und ertrunken. — Die Kohlenpreise werden unerschwinglich hoch. Der Sultan ist mit milden Gaben eingesprungen, das Großrabbinat hat 200 Francs für Kohlenanschaffung gespendet, die „Amicale" und mehrere Private ebenfalls. Besonders die Apotheker BarsilaT und Daron haben sich durch aufopferungsvolle Arbeit bei der Aufbringung von Kohlen- und Brotvorräten für die Armen ausgezeichnet. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat zugunsten der Angehörigen armer Schüler seiner Schulen ebenfalls eine ansehnliche Zuwendung telegraphisch angewiesen. Aus Aleppo ist ein erschütternder Notschrei an den hiesigen „Makkabi" gelangt. Der dortige „Makkabi" telegraphierte unter dem 10. Februar: „Aleppo ist vom Schnee blockiert, die Verbindungen sind unterbrochen, das Elend ist am grösten; die Armen verlangen Wärme und Brot. Wir flehen euch im Namen des „Makkabi" an. schleunigst ein Hilfswerk für unsere Leid betroffenen zu organisieren. Es ist ein Ausnahmefall. Telegraphische Antwort erbeten." Leider war nicht einmal diese telegraphische Antwort möglich, da auch die Telegraphenverbindung mit Aleppo seitdem unterbrochen ist. Der Vorstand des hiesigen „Makkabi" wandte sich sofort um Unterstützung an den Großrabbiner; dieser erklärte jedoch, daß er nichts machen könne. Die Gemeinde Aleppo sollte sich lieber an die Gemeinden von Kairo, Alexandrien oder Bagdad wenden, wo die Kälte nicht so wüte und wo es vielleicht möglich wäre, Geld zusammenzubringen. Aus Mesopotamien Ein ungünstiger Stern scheint über den Bewässerungsarbeiten des Irak zu stehen. Nachdem im vorigen Jahre Differenzen zwischen dem Ingenieur Willcocks und der türkischen Regierung zu überwinden gewesen \\ aren, sind jetzt wiederum solche zwischen dem Wali von Bagdad, Nasim Pascha und Sir Willcocks ausgebrochen. Die vorzunehmenden Bauten teilen sich in zwei Gruppen, in einen Komplex von Vorarbeiten und einen zweiten, der die eigentlichen großen Irrigationsprojekte enthält. Sir Williams hatte darauf gedrungerf, die Vorarbeiten der englischen Firma Jackson zu übertragen, und der Wali hatte endlich der Erteilung der Konzession an diese beigestimmt. Nun scheint aber der neue Unternehmer die Bedingung gestellt zu haben, daß Sir Willcocks sich in die von ihm auszuführenden Arbeiten nicht einzumischen habe, was den Ingenieur veranlaßte, an die Regierung um Befehl zur Sistierung der Arbeiten zu telegraphieren. Das Ärbeitsministerium hat jedoch dem Verlangen Sir Willcocks nicht stattgegeben.. Die Ausschreibung der Generalkonzession für das Ensemble der großen Bewässerungsbauten soll am 14. März erfolgen; sechs Monate sollen zum Studium der vorgelegten Pläne verwendet werden; die eigentlichen gro(3en Arbeiten werden also erst im September beginnen und acht Jahre bis zu ihrer Vollendung erfordern. Die Einnahmen der Medschasbahn Die Einnahmen der Hadschasbahn weisen im laufenden Etatsjahre eine wesentliche Steigerung gegenüber denen des Vorjahres auf. Sie betrugen: im Jahre 1325 im Jahre 1326 März....... 9 748 Ltq 11 630 Ltq April...... 7 335 „ 11 439 „ Mai........ 6 665 „ 8 650 „ Juni....... 7 770 „ 8 841 Juli........ 12 764 „ 13 821 „ August......15 218 „ 13 230 „ September..... 12 857 „ 12 817 Oktober...... 17 000 „ 33 085 „ November.....21 120 „ 19 458 „ Dezember.....8 190 „ 16 541 „ Das ergibt eine Gesamtsteigerung der Einnahmen um die Summe von 32 860 türkischen Pfund, zu denen noch ein weiterer Überschuß von 10 000 Pfund in den letzten beiden Monaten infolge der Pilgerheimfahrten kommt. Bringt man noch die erheblichen Verluste in Anschlag, die der Bahn durch Mangel an Material, vor allem aber noch durch den Aufstand im Hauran und bei Karek zugefügt wurden, so muß das oben festgestellte Ergebnis als besonders befriedigend erscheinen. Mohamedanische Einwanderurig An zwei Punkten des Reiches sind gegenwärtig Immigrationsbewegungen im Gange: in Syrien und in Mazedonien. In Syrien sind es algerische Auswanderer, die sich zu etablieren suchen. Wie es scheint, sind sie dabei durchaus nicht auf Rosen gebettet. Selbst wenn man den Berichten französischer Blätter nicht trauen will, denen zufolge die Einwanderer dem schlimmsten Elend ausgesetzt sind, so gibt doch die Darstellung der türkischen Presse selbst zu denken, die berichtet, daß das Ministerium des Innern sich mit der Situation dieser Einwanderer beschäftigen müsse, indem sie Orders an den Wali von Damaskus gelangen ließ, Subsidien an die notleidenden Immigranten zu verteilen. Die regelrechte Installation durch Fürsorge der Regierung soll sich infolge des Drusenaufstandes verzögert haben. Die bosnische Einwanderung in Mazedonien nimmt immer beträchtlichere Formen an. Die Immigranten bleiben in Saloniki liegen und sind dort ohne Nahrung und Obdach. Das jungtürkische Komitee, das diese Immigration unter seine Obhut genommen hat, hat endlich eingesehen, daß es so nicht weiter gehen könne und beschlossen, die weitere Ankunft von bosnischen Einwanderern so lange zu verhindern, bis die bisher eingetroffenen alle untergebracht sind und für die Neuankömmlinge ausreichende Vorsorge getroffen worden ist. Zur Förderung der Landwirtschaft Damit der ottomanische Grund nicht in die Hände des Auslandes fallen, sondern mehr und mehr von der einheimischen Bauernbevölkerung selbst erworben werden können; damit die Landleute anderseits aus den Schlingen der Wucherer befreit werden und sich die Hilfsmittel für moderne Bodenbearbeitung beschaffen können, hat der Deputierte Ferid Bej von Kutahia der Regierung ein Gesetzesprojekt unterbreitet, demzufolge eine Anleihe von zehn Millionen Pfund zugunsten der Agrarbank aufgenommen werden solle. Durch diese Summe soll das Kapital der Agrarbank verdreifacht werden und so in viel höherm Maße zur Kreditgewährung an die Landbevölkerung ausreichen können. Bisher kann dieses Kreditinstitut den Bauern nicht mehr als 50—60 Pfund und nicht über einen Zeitraum von zehn Jahren hinaus vorstrecken. Da ohnehin dieses veraltete Grundstatut der Bank abgeändert werden soll, so schlägt Ferid Bej vor, daß sie fortab für gemeinsame Bedürfnisse von Bauerngruppen Summen bis zu 50O Pfund und für längere Fristen soll gewähren dürfen. Zu Beginn betrug das Kapital der Bank neun Millionen Pfund, aus Anlaß des griechisch-türkischen Krieges wurde jedoch für die Bedürfnisse des Finanzministeriums die Hälfte desselben der Bank entzogen, so daß es völlig ungenügend wurde. Sobald das Finanzministerium den Betrag der vorgeschlagenen Anleihe der Bank zur Verfügung gestellt hat, soll es der ganzen Schuld an das Institut ledig gesprochen sein. Ein Drittel des zukünftigen Reinverdienstes der Agrarbank soll zum Grundkapital geschlagen werden und die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.