Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Tod, nicht an eine neue Lebensbahn. Man schützt Alkoholfeindlichkeit vor, um 10 000 Familien brotlos zu machen. „Wenn es Schneider und Schuster gewesen wären!" sagt man uns. Die Statistik aber beweist, daß Galizien relativ weniger Alkohol konsumiert als andere Kronländer. Weil es Schanker sind, die hungern, glaubte auch der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, der sich für Taussig so eingesetzt hat, jede Unterstützung verweigern zu dürfen. (Pfuirufe.) Dieses Verhalten ist nicht nur unjüdisch, es ist numenschlich. Wenn einer auf der Straße verblutet, fragt man nicht danach, wer ihn hergebracht, und warum er nicht Schneider oder Schuster geworden ist. (Stürmischer Beifall.) Das alles ist nur möglich, weil in dem Gemeindevorstand nur Männer sitzen, die die Verhältnisse des jüdischen Lebens nicht kennen. Nur die Demokratisierung der Gemeinde wird sie zur jüdischen VolksunJ Nationalgemeinde erheben. Redner beantragt eine Protestresolution gegen die Wiener Kultusgemeinde im Sinne seiner Ausführungen. (Lebhafter Beifall.) Herr Luzian Brunn er beschäftigte sich mit dem Hausiergesetz. Was an Bosheit und Qual ersonnen werden konnte, wurde in dieses Gesetz aufgenommen. Man kann eher kaiserlicher Ezes- Geber als Hausierer werden (Heiterkeit), Man muß 33 Jahre alt, unbescholten und schön dazu sein. Wer ist in Österreich unbescholten? Wenn man 20 Heller Strafporto zahlen muß, erscheint .man schon der hohen Behörde verdächtig (Heiterkeit). Alle Willkür der Gemeinden und autonomen Behörden wird gegen diese Ärmsten der Armen aufgeboten. Wer für dieses Gesetz gestimmt hat, muß ein elender Schuft gewesen sein (großer Beifall). Es kann den Hausierern nachgerühmt werden, daß sie sich stets mannhaft gewehrt haben. Die Schanker lieferten uns ein weiteres schönes Beispiel der Standesorganisation. Wenn sich alle Stände und Schichten des Judenvolkes organisieren, zur Selbsthilfe greifen werden, dann können wir ein einflußreicher Faktor in Österreich werden. (Stürmischer Beifall.) Als Abg. Adolf Stand die Tribüne betrat, bereitete ihm die vielhundertköpfige Versammlung eine herzliche Ovation. Abg. Stand übte zunächst Kritik an dem Hausiergesetz, dessen Einzelheiten unsern Lesern bekannt sind. Er führte unter anderm aus: Ein Hausierer muß älter als ein Abgeordneter sein, ferner, nicht nur unbescholten, sondern auch „vertrauenswürdig". Wenn diese Bedingung auch anderswo Gültigkeit erlangen würde, dann müßte so mancher Landesausschuß seine Würde niederlegen, dann wäre sofort die Neuwahl eines Vizepräsidenten im Polenklub notwendig! (Starker Beifall.) Ein Hausierer darf nicht „körperlich abschreckend entstellt" sein. Schade, daß man ungestraft geistig „abschreckend entstellt11 sein darf. Sonst könnten wir die Hälfte des Abgeordnetenhauses nach Hause schicken, (Heiterkeit und Beifall.) Um in einem Dorfe Zündhölzchen oder Hosenknöpfe zu verschleißen, mufo man in einem Orte drei Jahre seßhaft sein, um die geschäftlichen Verhältnisse zu studieren. Horrend sind die vorgesehenen Strafen. Aber all diese Ungeheuerlichkeiten lassen erwarten, daß dieses gesetzgeberische Monstrum nicht Gesetzeskraft erlangen wird. Redner schildert im weitem Verlauf seiner Rede die Ablösung der Propinationen und erörtert die Schänkerfrage. Abg. Stand rühmt die großen Verdienste des Abg. Ernst Breiter um die Sache der armen jüdischen Schanker und befaßt sich hierauf eingehend mit der Doppelrede des Obmanns des Polenklubs Abg. Dr. Lazarski. Als ich, erzählte Abg. Stand, in den Abendblättern die gedruckte Rede des Klubobmanns gelesen habe, vermochte ich kaum einen Satz zu entdecken, der wirklich beim Empfang der Schänkerdeputation gesprochen worden wäre. Die Antwort des Dr. Lazarski war klar und schroff. Der Obmann des Polenklubs bedauerte, daß die eindrucksvolle Demonstration der brotlosen Schanker „inszeniert" wurde, vermißte die Mitglieder seines Klubs israelitischer Konfession, konstatierte, daß diese nichts ausgerichtet haben, daß in Galizien auch Arme anderer Nationalitäten leben, und forderte die Juden auf, mit dem Polenklub zu sein, dann werden wir auch mit euch sein." Als die Israeliten des Polenklubs von dieser Ansprache erfuhren, waren sie entsetzt und „korrigierten" durch die Presse die Rede ihres Obmanns. In dieser nicht gehaltenen, wohlwollenden, in der „Polnischen Korrespondenz" erzeugten Rede versichert Dr. Lazarski, daß die jüdischen Mitglieder des Polenklubs sich Ihrer Lage sehr warm angenommen haben. Das muß ein Druckfehler sein. Es soll heißen, die genannten Herren haben sich ihrer Lage (mit kleinem i!) sehr warm angenommen. (Stürmische Heiterkeit.) Das. wäre allerdings richtig, Wahr ist aber, daß weder bei den Schänkertagen in Lemberg, noch bei den Deputationen der Schänker beim Statthalter Dr. Bobrzynski und beim Ministerpräsidenten alle Mitglieder des Polenklubs anwesend waren. Die Allpolen Gold und Gall oder Abg. Dr. v. Löwen stein fehlten gewöhnlich. Das war ein Unrecht. Nicht nur deshalb, weil der Anschein erweckt wurde, als handle es sich um eine politische Aktion der Zionisten. Die Polenklubler haben die jüdischen Schänker doppelt verraten. Denn diese Schänker waren im Jahre 1907 ihre wütendsten Anhänger. Sie agitierten fanatisch für den Polenklub und seine Juden, in ihren Schanklokalen wurden Stimmen gekauft und die bäuerlichen Wähler berauscht und alkoholisiert. Und wenn man die armen Leute fragte, warum sie sich zu diesen Schandtaten hergeben, da erwiderten sie gewöhnlich, der Kandidat des Polenklubs habe ihnen zum Lohn die Erneuerung der Konzession im Jahre 1910 zugesichert. (Große Bewegung.) Gewiß, im Jahre 1907 waren die Polenklubsisraeliten „warme" Freunde der Schänker, dann aber wurde es sehr kühl. Bei den nächsten Reichsratswahlen werden die Israeliten gewiß wieder „sehr warm" werden. Abg. Stand erzählte dann die Geschichte seiner Intervention beim Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern. Wir erwarteten 1500 Schänker, als aber einige hundert mehr kamen, reichten die Mittel des Empfangskomitees nicht mehr aus und ich begab mich gemeinsam mit Abg. Dr. Strauch er zum Kultuspräsidenten, um ihn um einen Beitrag zu den Verpflegungskosten zu bitten. Es war am Tage, als die Wiener jüdischeGemeinde von den Erben Baron Rothschilds 100000 Kronen für Arme erhielt. Herr Dr. Stern spielte gerade Schach. „Die Herren kommen zur rechten Zeit," empfing uns der Herr Präsident, „ich hätte sonst die Partie verloren" (Heiterkeit). Wir brachten unsere Bitte vor und erwarteten die Entscheidung des sehr nachdenklichen Dr. Stern. Präsidenten großer Gemeinden, dachte ich mir, müssen viel und lange nachdenken (Heiterkeit.) Endlich sagte uns Herr Dr. Stern: „Wir haben die Leute nicht hergebracht." Und dann: „Wenn sie Schneider oder Schuster wären!" Alles Zureden half nichts. Wir mußten unverrichteter Dinge fort. (Große Erregung.) Es ist an der Zeit, daß die Judenheit Wiens ihrem Kultusvorstand ein ebenso starres entschiedenes, unbeugsames „Nein!" zuruft. Die Worte Dr. Sterns müssen zur Wahrheit werden, der sagte: „Ich habe die Partie verloren!" (Tosender, andauernder Beifall.) Nach einer Ansprache des Vorstands des „Rechtschutzvereins der Hausierer", der auf das drückende Verbot des Handels mit neuen Kleidern hinwies, gelangte die Resolution des Herrn Dr. Weisen grün zur Annahme. Die Resolution protestiert gegen das unjüdische und unhumane Vorgehen der Wiener Kultusgemeinde gegenüber der Schänkerdeputation und fordert den Nationalverein auf, seine Aktion für die Demokratisierung der jüdischen Gemeinde Wiens auf Grund des allgemeinen, gleichen Wahlrechts energisch fortzusetzen. Eine Kundgebung der zionistischen Studentenschaft Wiens Dienstag den 21". Februar fand im Cafe „Concordia" eine Vollversammlung der jüdisch-nationalen und zionistischen akademischen Korporationen statt, die vom Obmann des innerösterreichischen Distriktskomitees, Herrn Dr. Körner, einberufen und geleitet wurde. Herr Dr. Jakob Ehrlich, Obmann des „Jüdischen Nationalvereins", erstattete das Referat über die letzten Aktionen der Jüdischen Nationalpartei und erörterte die Problerne der Landespolitik und des Kampfes um die Demokratisierung der Kultusgemeinden. Hierauf beantragte Herr M. Wald mann nachstehende, zum Beschluß erhobene Resolution: 1. „Die am 21.Feber im Cafe Concordia in Wien versammelten jüdischen Hochschüler sprechen ihre tiefste Entrüstung darüber aus, daß die offiziellen Vertreter der Wiener Judenschaft anläßlich der Schänkerdemonstration ihren brotlos gewordenen, unglücklichen Brüdern aus Galizien jede Gastfreundschaft versagt haben. Insbesondere aber erfüllt sie das Verhalten der Wiener Kultusgemeinde, welche den armen Schänkern kaltherzig jede Mithilfe verweigert und so die heilige jüdische Tradition der Gastfreundschaft verletzt hat, mit Bedauern und Empörung." 2. „Die am 21. Feber im Cafe Concordia versammelten jüdischen Hochschüler drücken dem Zionistischen D.-K. und dem Vorstand des jüdischen Nationalvereins für ihre weitsichtige Arbeit im Dienst des jüdischen Volkes, insbesondere für ihre opferwillige und zielbewußte Haltung in der Schänkerfrage Dank und Vertrauen aus. Die Ereignisse der letzten Zeit haben deutlicher als je bewiesen, daß die zionistische Organisation in erster Linie berufen und befähigt ist, die politischen Rechte und wirtschafiiichen Interessen der jüdischen Volksgemeinschaft zu v/ahren. Die zionistische Studentenschaft ist überzeugt, daß nur unentwegte nationale Gegenwartsarbeit die vom Führer Herzl geforderte Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Heimatland zu erwirken vermag. Im Bewußtsein ihrer Pflicht geloben die zionistischen Studenten, sich jederzeit und allerorten in den Dienst der national-jüdischen Interessen zu stellen, und erwarten, daß die zionistischen Behörden im engsten Zusammenhang mit der Jüdischen Nationalpartei sie auf diesem Wege führen werden.