Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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194 DIE^ELT No. 9 gleichnamigen Blatte (Nr. 7 und 8), deren Gedankengang wir nachfolgend kurz skizzieren. Zunächst gibt Witkin ohne weiteres zu, daß der neue Jischuw tatsächlich eine schwere Zeit durchmacht. Nach außen hin begegnet er einer Verständnislosigkeit der Regierung und ruchlosen Verleumdungen nichijüdischer und jüdischer Feinde. Nach innen betrachtet, stellt er kein festes organisiertes Gefüge dar. Es fehlt im Lande an weitausschauenden Führern, an großen Kapitalien und an einer breitschichtigen Volksmasse, aus der das sich nur allmählich verwirklichende Regenerationswerk Kraft schöpfen könnte. All diese Umstände zusammen bilden die Wurzel des Je-usch (der Resignationsstimmung in unsern Kreisen). Indessen findet Witkin, daß es, objektiv genominen, mehr als gewagt erscheint, auf diese Augenblickserscheinungen hin in c'er historischen Entwicklung eines Volkes ein Urteil für alle Zeiten fällen zu wollen. Eine historische objektive Beleuchtung der Grundlagen des zionistischen Werkes zeigt klar und deutlich, daß alle für die pessimistische Auffassung ins Treffen geführten Behauptungen nicht stichhaltig sind. Daß die Liebe des jüdischen Volkes zu Palästina nicht etwas Neues, Erkünsteltes ist, sondern vielmehr so alt ist wie das jüdische Volk selbst, davon zeugt unwiderleglich jedes Blatt unserer Geschichte. Schon der Umstand, daß das jüdische Volk noch vor 25 Jahrhunderten kraft dieser Liebe bewußt sein Zentrum von der Diaspora nach Palästina verlegen konnte, ist ein beredtes Zeugnis für die lange Dauer dieser Elementargewalt. Freilich paßte sie sich stets den gegebenen Bedingungen an. In ruhiger Zeitläuften latent und schlummernd, flammte sie in den römischen Freiheitskriegen zu einem hellen Feuer auf. Dann begann das Golus, und da sie infolge des furchtbaren Druckes aus der realen Welt -verwiesen wurde, suchte sie ihre Zuflucht in dem Gemüt und in den religiösen Vorstellungen der Nation. Die Liebe zu Zion vertiefte sich so immer mehr und mehr in der Seele des Volkes, sie wurde daselbst mit den schönsten und erhabensten, mit den phantasievollen Träumen einer messianischen Zeit auf das innigste verwoben und bildete dergestalt einen ewigen Jungbrunnen für die geistigen und sittlichen Kräfte des Volkes. Mit dem Eindringen der Assiniilationsideen beginnt ein Kampf um Zion in der Seele des Volkes. Auf der einen Seite Assimilation und radikale Reformbewegung, auf der andern Seite Kalischer, Heß und die praktischen Versuche der Kolonisation. Da diese Kolonisation aus seelischem Drängen hervorgeht und fast jeder Erfahrung, jedes Planes und aller Mittel bar ist, so steht sie bereits in den ersten Jahren vor einer drohenden Krisis. Da erscheint Benjamin Edmund Rothschild, ein Einziger, auf dem Platz und schützt den neuen Versuch mit einem wahren Goldregen. Es erübrigt sich, über das überragende, historische Verdienst dieses großen Juden, dieses Nadiw hajadua, viele Worte zu verlieren. Leider aber war er nicht glücklich in der Wahl seiner Mitarbeiter. Anderseits blendete das Gold für Jahre hinaus die Augen der Chowewe Zion. Da sie das Wirken des Einen bestaunten, leglen sie müßig die Hände in den Schoß und vernachlässigten die Erziehung des Volkes für seine große Aufgabe. DieFoIgewar,daßHerzl,der Elementaraktivc.nurüber wenige gleichaktive Mitarbeiter verfügte. Die große Masse der Zionsfreunde begnügte sich von neuem mit der Bewunderung des Wirken: eines einzelnen, ohne selbst viel mitzuarbeiten. Als daher Herzl so früh seine tapfere Seele aushauchte, frohlockten die Bösmeinenden: Hierosolyma est perdita. Tatsächlich zeigten die ersten Jahre nach dem Heimgang des Führers ein unerfreuliches Bild. Das ist inzwischen anders geworden: siehe die rege Arbeit für die hebräische Kultur, das Erstarken des jüdischen Nationalismus, das dauernde Steigen des Jüdischen Nationalfonds usw. Unsere Übersicht über die 30 Jahre der nationalen Arbeit zeigt uns also, daß die gegenwärtige Lage nicht einem absoluten Mangel an erlösenden Kräften zuzuschreiben ist, sondern einerseits der unumgänglichen Langsamkeit, die die Umbildung alter Vorstellungen in der" Volksseele erfordert, und anderseits den zufälligen Bedingungen, die die natürliche Entwicklung jener Kräfte gehemmt haben. Wenn wir ferner bedenken, daß aller Anfang vielen Fehlern und Störungen ausgesetzt ist und daß 30 Jahre überhaupt nur ein kleiner Zeitraum in der Geschichte eines alten Volkes ausmachen, so müssen wir zu der Überzeugung gelangen, daß die Ansprüche, die unsere Pessimisten an das Volk und den Jischuw stellen, übertrieben sind. Am Ende ist doch in den 30 Jahren sowohl materiell wie auch geistig manches geleistet worden: in diesen 30 Jahren ist nicht bloß das Fundament für den agrikultureilen und kommerziellen Jischuw, sondern auch für die jüdische Erziehung und für die Belebung der hebräischen Sprache gelegt worden. Die beiden letztern Elemente, eine normale jüdische Erziehung und die kulturelle Wiedergeburt, bilden erstklassige Erlösungsfaktoren, die noch Wunder schaffen werden. Denn von nun an wird der Jude nicht bloß aus Pogromfurcht oder aus abstrakter Verneinung des Golus nach Palästina kommen, sondern aus Angst vor einem geistigen Untergang und weil er seine Nachkommen dem Volkstum wird retten wollen. Je stärker im Volke der Wille zur jüdischen Kultur und zur jüdischen Zukunft wird, desto eher wird man sich überzeugen, daß diese Kultur nicht auf fremdein Boden unter feindlichen Strömungen von einer schwachen, bedrängten Minorität verteidigt werden kann. Dann aber wird der Selbsterhaltungstrieb, dem die Nation in tausenden Jahren so hartnäckig treu geblieben ist, unzweifelhaft den Weg nach Erez Jisroel zeigen. Wir selbst werden gewiß die volle Entfaltung dieser Bewegung nicht mit eigenen Augen schauen. Aber wir brauchen bloß in die hebräischen Gymnasien zu gehen und mit den vielen Eltern, die von weither ihre Kinder nach den nationalen Erziehungsanstalten gebracht haben, Rücksprache zu nehmen, um zu erkennen, welche Kraft für die Zukunft in dieser Bewegung sich birgt. Auch unsere agrikultureile Kolonisation wird fortgesetzt. Der Nationalfonds im Verein mit der Privatinitiative werden bald mehr leisten als die Pariser Administration in ihren besten Jahren: erstens wegen der bereits gemachten Erfahrungen und zweitens wegen des Verhältnisses der Volksbeamten zur Volksarbeit: ein Verhältnis, in dem Yiel Liebe, treue Pflichterfüllung und mitunter geradezu Aufopferung steckt. Der Jüdische Nationalfonds hat planmäßig seine Arbeit aufgenommen und sein Quell wird nie versiegen. Er ist wie ein aus dem Herzen der Nation sich ergießender Strom. Schöpft mit aller Macht, und die Strömung wird stets zunehmen. Das Volk ist von der gewaltigen Aufgabe seines Fonds tief durchdrungen, und sobald es bekannt wird, daß der Volksschatz schon jetzt seine Aufgabe treulich erfüllt, wird es an Mitteln nicht mehr fehlen. Auch mißglückte Versuche werden den Glauben und Willen des Volkes nicht schwächen, wenn nur die Arbeit im Lande nicht erlahmen wird, denn nur die Todesstille des Nichtstuns ist unsere wahre Gefahr, und die Nichtbenutzung der aufgehäuften Volkskräfte und -Mittel bildet den Würgengel für eben diese Kräfte und für die ganze Nation! o o o o o o o 1 o o o jj AUS DER BEWEGUNG £ o o o o o o o I o o o o o o o Deutschland Fulda. Vor zahlreich erschienenen Damen und Herren referierte atn 17. Februar Herr Zahnarzt Bütow aus Alsfeld über die fortschreitende Entwicklung der zionistischen Bewegung in jüngster Zeit. Der Redner verstand es, die Zuhörer zu fesseln und zu begeistern. Herr Bütow brachte in später Stunde noch einige Rezitationen zu Gehör, denen die Versammlung spannend lauschte. Es wäre freudig zu begrüßen, wenn von Zeit zu Zeit in der zionistischen Ortsgruppe hier, deren Vorstand sich um die Förderung der zionistischen Bestrebungen aufrichtig bemüht, ein Wanderredner das Interesse für den Zionismus wecken würde. Hoffentlich gelingt es, den Kreis unserer Anhänger immer mehr zu'erweitern. München. Der Sprach- und Literaturverein „Ibriah" hielt vor einigen Wochen seine erste Jahresversammlung ab. Die Zahl seiner Mitglieder beträgt Iii, darunter 92 männlichen, 19 weiblichen Geschlechts. Die Mitglieder verteilen sich hinsichtlich ihrer Heimat folgendermaßen: Münebener 29, Deutsche (außer München) 33, Ausländer 49. Der Verein erteilt in 10 Wochenstunden an sechs Kursen Unterricht, und zwar an vier Anfängerkurse (Kinderkursus, Anfängerkursus für Erwachsene, Kursus der Verbindung im K. Z. V. „Jordania", Kursus des „Vereins jüdischer Studenten"), einen mittleren und einen oberen Kursus. Außerdem findet allwöchentlich ein Klubabend statt für diejenigen Herren und Damen, welche die Sprache schon gut in Schrift und Wort beherrschen. Der Lehrstoff der einzelnen Kurse ist folgende: 1. Der Kinderkursus: Lese- und Schreibübungen. Lektüre eines Lesebuchs für Kinder (Mikreh welimmud von P. Kaplan). Elemente der Grammatik. 2. Die drei Anfängerkurse für Erwachsene: Lektüre von kleinen Erzählungen. Sprechübungen an Hand der „Berliner Lektionen" und eines Lesebuchs. Bibellektüre. System der Grammatik. 3. Der mittlere Kursus: Sprach-und Schreibübungen an Hand der „BerlinerLektionen".