Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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no. 9 —- ■ die: kommerziellen Konkurrenten ersten Ranges besitzen, haben sie doch viele der größten kaufmännischen Firmen zu begründen und zu erhalten gewußt. Am Broadway in New York, der größten Geschäftsstraße Amerikas, reiht sich ein deutschjüdisches Handlungshaus an das andere: diese Juden sind eine der ökonomisch wichtigen Gruppen im reichen Amerika geworden. Außerhalb der kommerziellen Sphäre haben sie sich indes nur wenig betätigt. Durchaus anders war das Schicksal der aus Rußland, Polen und Rumänien massenweise einwandernden Juden. Sie suchten nicht günstige Erwerbsmöglichkeit auf noch ungepflügten kommerziellen Felde, sie suchten bloß Schutz vor politischer Unterdrückung. In ihrer überwiegenden Mehrzahl gehörten sie dem Handwerker- oder Kleinhändlerstande an. Eine geringe Bildung und Unkenntnis der englischen Sprache waren ihre ungünstigen Vorbedingungen. Es ist in Amerika nicht denkbar, ohne Kenntnis des Englischen irgendeinen Beruf zu bekleiden, oder, von schwerer Arbeit in den Bergwerken und Schlachthöfen abgesehen, sein Leben zu fristen, und so ergossen sich diese Massen statt ins weite Amerika in das Ghetto von New York mit seiner unbeschreiblichen Enge und seinem dumpfen Proletarierelend. Immer neue Tausende stießen zu den Hunderttausenden, die bereits angesiedelt waren, immer mehr rückten die Mietshäuser, die sogenannten Tenements, zusammen, immer dumpfiger werden die Gassen, immer geringer die Lebensluft im jüdischen Viertel. Gewiß, Zehntausende fanden als Fabrikarbeiter in den umliegenden Werkstätten Arbeit, aber Hunderttausende blieben ohne diese relativ lohnende Erwerbsmöglichkeit, verdingten sich als Heimarbeiter und begnügten sich mit Löhnen, für die kein Amerikanischer arbeiten würde. Ihre Frauen arbeiten mit ihnen, ihre jüngsten Kinder desgleichen, damit durch die Summe all dieser winzigen Gewinste nur der Hunger gestillt würde. So grau in grau gemalt aber, so elend dieses Bild der großen Judenstadt im Osten New-Yorks erscheinen muß, ein Lichtpunkt ist zu verzeichnen: Das Aufblühen von Bildungsvereinen, Abendschulen und Kulturzentren aller Art, die nirgends im großen Amerika so dicht aneinandergedrängt stehen, so zahlreichen Zuspruch finden, wie unter diesen Elendesten der Elenden. Die Educational alliance, ein von wohlhabenden deutschen Juden begründeter Verein, hat sich einen großen Volkspalast im Herzen des alten Viertels erbaut, in dem abends Vorträge für Erwachsene und die reifere Jugend stattfinden, Knabenklubs sich organisieren, soziale und humanitäre Vereine ihren Sitz aufschlagen; jeden Abend drängen sich Tausende von Männern, den Worten der Lehrer zu lauschen. Auch politische und soziale Ideen keimen in diesen Versammlungen. Die sozialistischen Ideale, wie sie viele vor politischer Unterdrückung fliehende Juden aus der alten Heimat mitgebracht, werden bewahrt, das Feuer der Begeisterung immer aufs neue angefacht. Die Leitung der Educational alliance ist allen politischen Meinungen gegenüber tolerant; man läßt die Sozialisten in den Räumen des Hauses ruhig ihre Versammlungen abhalten; allerdings sagte mir einer der Leiter im Vertrauen, daß man Anarchisten und atheistische Freidenker nicht dulden würde. Die letztere Verfügung ist überaus charakteristisch für den Standpunkt des Amerikaners, der trotz seiner Toleranz gegenüber allen möglichen religiösen und ethischen Gemeinden der Negetation aller Religion als solcher schroff ablehnend gegenübertritt, sie mit dem Anarchismus auf eine Stufe stellt. Nahe dem Volkspalaste der Educational alliance erhebt sich das von jüdischen und christlichen Philanthropen gemeinsam begründete und verwaltete University Settlement. Auch von ihm ist die Errichtung Hunderter von Klubs, Vereinen, Bildungszentren ausgegangen, auch von ihm strahlt moderne amerikanische Kultur durch das Judenviertel, und dessen Jugend drängt sich in seinen Sälen. Zum Teil auf Anregung des Settlements wurde auch eine große Anzahl von Abendschulen für die Jugend und für Erwachsene JKELT - 193 zur Erlernung der englischen Sprache, des wichtigsten Werkzeugs im amerikanischen Daseinskampfe, begründet. Anders geht die „Davidsohn school" vor, ein Verein jüdischer Schüler und Lehrer. Die ersteren (jüdische Studenten der Universität und Intellektuelle) halten über die verschiedensten wissenschaftlichen Themata Abendvorträge; junge Männer und Mädchen der Judenstadt sitzen auf den Schulbänken und lauschen mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit den Worten des Lehrenden; die tüchtigsten Schüler werden von der Lehrerkonferenz in deren Kreis aufgenommen, um einige Jahre, nachdem sie selbst ihren Kursus vollendeten, ihrerseits Unterricht zu erteilen. In dieser Gruppe habe ich einige der merkwürdigsten Karrieren gefunden, die von den Tiefen des Elends zur freien geistigen Betätigung und endlich auch zum äußern Wohlstand emporführten: so besucht ein junger jüdischer Metallarbeiter die Abendschule, bildet sich dann allein weiter aus, gibt selbst Lehrstuuden, besucht die Universität und ist heute Universitätsprofessor. Ein junges Mädchen, das an der Schreibmaschine den Lebensunterhalt für sich und seine Eltern verdient, aber trotzdem des Abends, der Müdigkeit spottend, zur Davidsohn school kommt. Mit Elementarkenntnissen ausgestattet, geht sie zu den Abendkursen der Universität über, bis endlich die Ersparnisse von ihrer Handarbeit es ihr ermöglichen, ganz ihren Studien zu leben; heute steht sie vor dem Doktorat. Beide Beispiele sind nicht vereinzelt, sondern charakterisieren einen Typus, kennzeichnen den leidenschaftlichen Bildungshunger der genannten Judengruppe. Ungleich der deutschen Judenschaft Amerikas, sieht diese Schicht nicht im relativ leichten kaufmännischen Aufstiege ihr letztes Ziel, sie sucht geistige Güter. Von Rußland hat sie den Enthusiasmus für revolutionäre Ziele mitgebracht, im neuen Milieu Amerikas, wo es weniger politische Schlachten im enthusiastischen Sinne des Kampfes gegen zarische Übergriffe zu schlagen gibt, hat sich der revolutionäre Enthusiasmus in Bildungssehnsucht gewandelt. Der Jahrtausende alte Trieb der Rasse zum Wissen als Selbstzweck trat hinzu, und so erklärt sich diese merkwürdige Entwicklung des jüdischen Proletariats in New York, dessen Söhne und Töchter mit jedem Jahre zahlreicher in die intellektuellen Positionen des Landes einrücken. Schon zählt die „Columbia Universität" in New-York einen wesentlichen Bruchteil jüdischer Lehrkräfte". Zum Schlüsse faßt White zusammen, daß sich im freien Wettbewerb aller Anlagen, wie sie das amerikanische Milieu gewährleistet, die entschiedene Eignung der Juden, soweit sie aus Osteuropa stammen, für rein geistige Betätigungen klar erwiesen hat; etwa ähnlich übrigens, wie ja auch die Judenbevölkerung Rußlands in ihrer Elite bedeutende Intellektuelle, doch relativ wenig bedeutende Industrielle und Kaufleute hervorgebracht hat. Ein interessantes Zeichen dafür, daß die kommerzielle Richtung des jüdischen Geistes nur gewissen Gruppen, den westeuropäischen und den von ihnen abstammenden Juden, nicht aber ihrer osteuropäischen Mehrheit eigen ist. Leider läßt White den Zionismus, der gerade in Amerika viele treue Anhänger besitzt und eine segensreiche organisatorische Tätigkeit entfaltet, vollends unbemerkt, ebenso wie die beachtenswerten jüdischen Farmer, die etwa 30O0O an der Zahl in fast allen Staaten der Union die Eignung der Juden zum Ackerbau bewiesen haben. Zur Lage der palästinensischen Kolonisation Wir hatten bereits die Gelegenheit, über die Wandlung der Stimmungen in der palästinensischen Arbeiterschaft zu berichten, die insbesondere auf der letzten allgemeinen Versammlung der Organisation des „Hapoel Hazair" zum Ausdruck kam. Sehr beachtenswert ist in dieser Hinsicht eine Abhandlung des Lehrers Witkin, eines der geistigen Führer dieser Organisation, im