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Die Welt · 1911-03-03 · 9 (3.3.1911) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
9 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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192 DlE3§gELT No 9 in wenigen Sätzen nicht darzustellen. Eine Ahnung von ihrer Art wird der Leser bekommen, wenn er „Frau Samuel" im „Neuen Ghetto" vergleicht. Theodor wurde fast ganz von der Mutter erzogen, denn der Vater war von seinen Geschäften zu sehr in Anspruch genommen, zu oft vom Hause fort. Und was tat diese einfache Frau, derenVater nicht gar viel für ihre Ausbildung hatte geben können, nicht alles, um dem Sohne den Schulsack zu füllen! Sie hielt ihre Pflicht noch lange nicht für erfüllt, wenn sie darüber wachte, daß er regelmäßig die Schule besuchte. Ein Hauslehrer gab dem andern die Tür. Theodor lernte privat Hebräisch, Französisch, Italienisch, Englisch, Klavier. In dieser Wertschätzung des Wissens zeigte sich Frau Jeanette wieder, ohne es zu ahnen, als echt jüdische Frau. Aber noch höher als das Wissen schätzte sie die sittlichen Werte. Ein Verstoß gegen die Wahrheit war ihr ein Verbrechen, Schwäche in Dingen der Moral ein Greuel im alttestamentlichen Sinne. Aufrechtes Wesen, ein offenes Auge als Spiegel innerer Reinheit verlangte sie von ihrem Theodor, — und wir wissen alle, wie er gerade in diesem Punkte ihr Ideal verwirklichte. Als Theodor zum allerersten Male, eben flügge geworden, allein eine Studienreise antrat und das Herz der Mutter sich im ersten Trennungsschrnerze wand, hatte sie die Kraft, ihm zu sagen: „Mein teures Kind, schreibe uns jeden Tag, denn wir sind ja im Geiste immer mit dir und leben mit dir; aber eine Korrespondenzkarte genügt. Was du an Eindrücken, Stimmungen und Gedanken unterwegs findest, das arbeite als Schriftsteller aus, denn das gehört nicht uns, sondern der Welt." Wie viele Mütter haben freiwillig ein solches Opfer gebracht? Die Briefe der Mutter an ihren Sohn atmen Liebe, Glück, Stolz, fromme Angst vor dem Neid des Schicksals, Weisheit, Beruhigung. Frau Jeanette war und ist zur Lehrhaftigkeit geneigt; das Gleichnis und die Allegorie handhabt sie mit großem Geschick. Theodor war von dieser Gabe jedesmal von neuem entzückt. Eines Tages kam er etwas gedrückt zu Besuch, Die Mutter las ihm wie immer seine Stimmung von der Nase ab und fragte ihn was ihm fehle. „Ich muß ein Feuilleton für die Neue Freie Presse schreiben, und es geht mir nicht recht zusammen," sagte er. „Was ist da weiter, dabei?" lachte die Mutter. „Mach's wie der Zirkusreiter. Wenn auch die Leute mit Reifen und Bändern auf den Sprung warten, er springt doch nicht, bevor er sprungbereit ist, sondern winkt mit den Augen ab und reitet noch einmal herum. Dann gehts. So mußt du's auch machen." ,,Was sagen Sie zu meiner Mutter?" sagte der Sohn zu den Anwesenden. Jetzt ist auch ihr kluger Mund für immmer verstummt und die schmucklose Familiengruft auf der Höhe der Türkenschanze in Wien vereinigt wieder Vater, Mutter und Sohn, die im Leben unzertrennlich waren. Wir aber weinen mit den verwaisten Kindern und wissen ihnen keinen Trost, wir wissen auch keinen für unser verwaistes Volk. Czernowitz. Leon Kellner. Die Juden in Amerika In der Zeitschrift „Dokumente des Fortschritts" veröffentlicht William White einen interessanten Artikel über die Juden in Amerika, in dem er besonders die Juden von New York behandelt. Nach einer kurzen Einleitung, die die Zusammensetzung der neuen amerikanischen Rasse aus Gruppen und Splittern aller europäischen Völker bespricht, bei denen das werdende Gefühl der Zugehörigkeit zu dem neuen Lande sehr bald die ursprünglichen nationalen Gegensätze verwischt, geht White zu der Untersuchung der spezifischen Begabung der amerikanischen Juden über. Bei den Juden ist diese Untersuchung leichter als bei den Angelsachsen und Deutschen, weil sie der Religion wie dem Körpertypus nach, kennbare Merkmale und damit ein verhältnismäßig einfaches Problem bieten, während die Angelsachen und Deutsche (neuerdings auch Slaven und Italiener) eben schon in der zweiten, Deutsche vielleicht erst in der dritten Generation restlos und erinnerungslos in der amerikanischen Nation aufgehen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist über eine Million Juden (hauptsächlich aus Rußland, Polen, Rumänien, Ungarn, zum kleinern Teil aber auch aus Deutschland und Österreich) nach Amerika eingewandert, die besonders in New»York und Chicago weitausgedehnte Ansiedlungen gebildet haben. In New York ist eines der größten Stadtviertel, im Osten der Geschäftsstadt, von Juden bewohnt; man zählt deren 600 000 im Weichbilde der Vierrnillionenstadt, somit mehr als in irgendeiner andern Stadt der Erde. Ein großer Teil dieser jüdischen Bevölkerung hat seine jüdische Nationalsprache, das sogenannte Yiddish, bewahrt und auch Deutsche, Slaven, ja Engländer, die sich im Stadtviertel niederlassen, müssen das Jüdische, das die Umgangs- und Geschäftssprache des Kleinhandels ist, erlernen. Schon in viel geringerem Grade gilt das Gesagte für Chicago, während die Juden der übrigen Städte der Union unter der Bevölkerung verstreut leben und rascher in ihr aufgehen. Die junge Generation, die im New Yorker „Eastend" aufgewachsen ist, sucht übrigens mehr und mehr dieses moderne „Ghetto" zu verlassen, um sich ihren Erwerb draußen im großen Amerika zu suchen, jenseits der engen, dumpfen Gassen der Judenstadt. White unterscheidet drei Richtungen: 1. Die deutschen und österreichischen Juden, in der Mehrzahl bereits vor Jahrzehnten eingewandert, in Sprache, Wohnort und Sitten durchaus dem amerikanischen Wirtschafts- und Volksleben angegliedert. 2. Die Bewohner der Ghetti von New-York und Chicago, deren erste Generation im wesentlichen noch die Sitten der russischen, polnischen, rumänischen und ungarischen Judenansiedlungen bewahrt hat. 3. Die junge Generation dieser aus Rußland, Polen und Rumänien stammenden Juden, die aus den Ghettis heraus sich über das Land verbreitet haben. Die deutschen und österreichischen Juden weisen kaum scharfe charakteristische Eigentümlichkeiten kaum auf. In Art und Lebensführung sind sie ihren Stammesgenossen in Europa durchaus ähnlich. Ob sie aus ihrer schlesischen oder mährischen Heimat nach Berlin, Wien, New York oder St. Louis auswandern, sie tun es aus dem gleichen Geiste heraus, mit den gleichen Plänen kommerziellen Erfolges, Jen sie, vermöge ihrer hervorragenden kaufmännischen Befähigung, in Berlin wie in New York auch rasch erreichen: vielleicht in Amerika noch rascher als anderwärts, weil ihnen die unbegrenzten Möglichkeiten seines Wirtschaftslebens, die rein kapitalistische, traditionslose Gestaltung von Industrie und Handel dort freieren Spielraum gewähren. Und obgleich die Juden in den amerikanischen Städten, ungleich denen in Berlin und Wien, eine der Zahl nach ganz unbedeutende Minderheit bilden, obgleich sie im Anglo-Amerikaner auch gewiß einen

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