Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 9 glaube deshalb, daß zu einer Masscnpetition an den preußischen Landtag (des Inhalts, daß der § 62 des Judengesetzes gesetzgeberisch entsprechend ergänzt bezw. interpretiert werden möge) mit Erfolg aufgerufen werden kann, und auf diesem Wege das Recht auf Hebräisch erkämpt werden wird! Mögen die Männer, die gleich uns diesen Weg für den richtigen halten, ihr Gewissen durch die Erkenntnis schärfen und auch — beruhigen, daß sie mit nichten in Konflikt mit ihrem staatsbürgerlichen Pflichtgefühl geraten, wenn sie um Hebräisch petitionieren, daß vielmehr der jüdische Preuße um so gesetzestreuer leben wird, je mehr er auch dem jüdischen Gesetze treu bleibt, dessen klare Kenntnis ohne Hebräisch unmöglich ist, und das Ziel dieses Kampfes ein friedliches, Staats- und kulturförderliches ist! „Im Kampfe sollst du dein Recht finden!" so lautet das Motto der klassischen Schrift Jherings, des größten Juristen, den die deutsche Erde hervorgebracht hat; und auch in unserm Kampfe gelten die Worte, mit denen Jhering seinen „Kampf ums Recht" einleitet: „Das Ziel des Rechts ist der Friede, das Mittel dazu der Kampf!" Herzls Mutter — tot Ohne Todeskampf ist Jeanette Herzl, diese Inkarnation des Willens zum Leben, ins Jenseits hinüber geglitten, sie ist verloschen wie ein Lämpchen, das den letzten Tropfen Öles aufgezehrt hat. Die stolzeste und unglücklichste aller Frauen war schon seit langem nicht mehr zu Hause in dieser Welt, die ihr so übel mitgespielt hat, die ihr die einzige Tochter nahm, wie der Frost eine Maienblüte erwürgt, dann den Gatten, der ihr der Geliebte ihrer Jugend geblieben war bis ins Alter, und endlich den vergötterten einzigen Sohn. Nach dem Hingang Theodor Herzls lebte die schmerzensreiche Mutter nur noch von Erinnerungen.. Die Gegenwart war ihr vollkommen gleichgültig geworden; selbst die Liebe zu den hoffnungsvollen Enkelkindern konnte sie nicht mehr recht mit dem Leben versöhnen, ihr Vertrauen zum Glück wieder erwecken. Ein zärtliches, unendlich ergreifendes Lächeln huschte über ihre welken Lippen, wenn Pauline, der Sprühteufel unter den drei Kindern Herzls, durch ihre Schelmereien und Bubenstreiche die Aufmerksamkeit aller Anwesenden monopolisierte; Hans, der sich immer mehr zum Abbild seines Vaters auswächst, brachte mit seinen kurzen Besuchen — er studiert nach dem Willen seines Vaters in England — eine Flut von Sonnenschein in das verdüsterte Witwenheim; Trude, das Nesthäkchen, tat ihr besonders wohl, denn aus Trudens strahlenden Kinderaugen sah ihr die eigene Jugend entgegen. Die Besuche der drei Enkelkinder waren Festtage im Einerlei ihres haltlos gewordenen Daseins, aber diese gelegentlichen Herzstärkungen hielten nicht lange vor: ihr war ein für allemal Farbe und Duft, Reiz und Täuschung aus dem Leben geschwunden. Sie sah nicht mehr gerne fremden Besuch. Das Reden strengte sie an und noch mehr das Zuhören. Es war ungemein schwer, ihr auch nur die magersten Auskünfte über die Kindheit und Jugend Theodor Herzls abzuschmeicheln, geschweige denn abzuringen. Die Größe ihres Sohnes berührte sie fast nie, — die war ihr so gar nichts Verwunderliches, etwas ganz Selbstverständliches. Theodors Leistungen als Schriftsteller? Sie hatte das immer vorausgesehen; sie war ungehalten genug, daß die dumme Leserwelt so lange Zeit brauchte, um das Genie ihres Sohnes zu entdecken. Theodors Taten für sein Volk? Diesem Gesprächsstoff ging sie mit einer abwehrenden Handbewegung aus dem Weg, sie trug an dem zionistischen Ruhm ihres Sohnes wie 1<)1 eine Makkabäerniutter, aber über sein Martyrium zu sprechen, das brachte sie nicht über sich . . . Und in den letzten Jahren schrumpften alle schriftstellerischen Triumphe, alle zionistischen Großtaten ihres Sohnes ganz in ihrer Schätzung zusammen; ihr Herz wurde nur noch von ein er Erinnerung lebendig erhalten: „Ich bin von meinem Schmerzenskinde geliebt worden, wie keine zweite Mutter von einem Sohn." Des war sie voll, und darauf kam sie, wTenn man sie zum Reden brachte, immer wieder zu sprechen. Ich bat sie, mir über den und jenen Punkt im Leben Theodors zu erzählen, und war glücklich, daß sie meiner Bitte Gehör gab. Aber das ganze Ereignis wurde zu einem einzigen persönlichen Erlebnis ihres Mutterherzens: Theodor hatte wieder einmal gezeigt, daß seine Mutter ihm über alles ging in der Welt. Und das war keine Illusion. Jeannette Herzl war die erste und letzte Liebe Theodors. Sie besaß alles was Theodor bewunderte, — quellendes Leben, strahlende Schönheit, Mutterwitz, Anmut, Haltimg, und vor allen Dingen Überlegenheit der Weit, namentlich der Männerwelt gegenüber. Diese Überlegenheit überwältigte Theodor immer von neuem. Von wannen kam dieser einfachen Frau, die in sehr beschränkten kleinbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen war, und als Ehefrau eigentlich nie über den allerengsten Bekanntenkreis hinausgesehen hatte, diese unfehlbare Kenntnis des Mannes, seiner Größe und Winzigkeit, seines Heldentums und seiner lächerlichen Schwäche? Sie betete ihren Jakob an, trotzdem sie seine Fehler durchschaute und seine Fehltritte ihr kein Geheimnis waren; sie beherrschte ihn, indem sie sich demütig unterwarf. Das Leben Jeanette Herzls war an das ihres Gatten und ihres Sohnes gebunden; wenn man sagt, was sie denen war, hat man alles gesagt. Jeannette, eine gefeierte Schönheit, wrar wie ihr Mann aus gutjüdischem Hause; von ihrer Mutter Katharina, einer geborenen Abelcs, ist nichts näheres bekannt. Ihr Vater Wolf Hermann Hersch, der ein Kleidergeschäft hatte, war in der Gemeinde wegen seiner Klugheit und seines Witzes bekannt. Beides hatte Jeannette in hohem Grade geerbt. Es war eine regelrechte Liebesehe, und sie fiel doch gut aus: ein glücklicheres Paar hat es nie gegeben. Jeanette war aber auch das Ideal einer Ehefrau. Sie kannte den Zauber ihrer Schönheit, war aber vollkommen zufrieden, ihrem Manne zu gefallen; sie war klug, aber niemals klüger als ihr Mann. Ihre Überlegenheit bekam er immer nur als Wohltat zu spüren. Ein Beispiel für viele Nachdem ihr Mann 1873 sein Vermögen verloren hatte, waren seine Lieblingsspeisen öfter als sonst auf dem Tisch, die Kost im allgemeinen besser als früher. „Er soll wissen, daß er mein teurer Mann ist, mit und ohne Vermögen." Sie schwieg, wenn er der Stille bedurfte, sie plauderte, wenn Worte ihm wohltaten. Sie gab nie einen ungebetenen Rat: wenn er Rat brauchte, hatte er ihn, noch bevor er ihn verlangte. Kein Wunder, daß Jakob Herzl der zärtlichste Gatte war. In den Stunden, der Erholung wurden sie immer zusammen gesehen, — im Cafe, im Theater, im Vortragssaal, im Konzert. Jakob Herzl sprach zu seiner Frau immer wie ein Werbender, seine Blicke waren die eines verliebten Jünglings. So war und blieb es bis zur letzten Stunde. Was Frau Jeannette ihrem Manne und ihrem Sohne gewesen, ist NEBELT V