Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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188 ELT No. 9 Wir Zionisten, die wir auf allen Gebieten, nach außen und nach innen, mit jeder rührseligen und unwahrhaftigen Apologetik gründlich gebrochen haben, wir werden auch den Mannesmut aufbringen, einzugestehen, daß uns vieles noch fehlt. Wir werden es ruhig gestehen, daß die große Mehrheit des jüdischen Volkes heute noch abseits von der breiten Heerstraße der großen Menschheitskultur wandelt. Dieses Geständnis drückt sicherlich unsern Nationalstolz und unser freudiges Volksbewußtsein nicht um ein Jota herab. Erstens wissen wir, wieso es gekommen ist, daß wir nicht anders sind. An uns hat die Weltgeschichte schwer gesündigt und wir wollen ihr eben helfen, das Unrecht an uns gut zu machen. Zweitens aber wissen wir, — ich glaube übrigens, alle Welt weiß es! — daß es kaum noch eine ethnische Gruppe gibt, die eine so gewaltige Kulturkapazität besäße, wie das jüdische Volk. Wie lange ist es denn her, daß man uns die Schulen geöffnet hat? Und wie weit sind wir schon gekommen? Davor zittern ja die Herren Russen und Rumänen, und darum dekretieren sie: nur von den Schulen haltet sie fern, sie wachsen sonst zu rasch! Immerhin: es fehlt noch viel zur vollen Kultur! Welche Kultur ich meine? Nun, ich meine einfach die europäische Kultur in jüdischer Ausprägung. Nun gibt es Menschen, die sich ein Vergnügen daraus machen, blanke Definitionen zu fordern von Begriffen, die man nur unmittelbar, mit einer Art von innerer Anschauung, erfassen kann. Es gibt wirklich nichts leichteres, als einen Menschen zu fragen: Was ist das, „Volksseele", „Nationalkultur" u. dgl. m. Man bringt einen dadurch zweifellos in Verlegenheit, denn einer prägnanten Definition sind diese Begriffe nicht .zugänglich. Jede Definition wird doch nichts anderes werden, als eine mehr oder minder geistreiclielnde Umschreibung. Und doch sind diese Begriffe ganz reale und verständliche Gedanken, diese große Erscheinungsgruppen zu erklären vermögen. Ja, noch mehr; diejenigen, die lächelnd fragen: „Was ist das, jüdische Kultur?" operieren mit den Begriffen „deutsche Kultur", französische Kultur" usw. wie mit kurssicherm Goldgeld. Also: Jüdische Kultur soll eben nichts anderes heißen, als moderne Menschheitskultur in jüdischer Ausprägung, mit der Klangfarbe der jüdischen Eigenart. Das ist zweifellos eine der vornehmsten Aufgaben des Zionismus, das jüdische Volk zur europäischen Kultur zu erziehen. Da kann wohl mancher den oberflächlichen Einwurf machen: das ist ja ein alter Schlachtruf der Assimilation! Was wollte die denn anderes, als europäische Kultur unter den Juden verbreiten? Nun, der Unterschied ist doch ganz gewaltig. Die Assimilation hielt sich an den einzelnen Juden und den wollte sie auf Kosten seines Judentums in die europäische Kultur einführen. Und es ist nicht zu leugnen, der Erfolg entsprach durchaus der Absicht. Selten mehr, als zwei bis drei Generationen kultivierter Juden hielten es im Judenturt} aus. Früher oder später, eher früher als später, verschlang sie Europa ganz. Der einzelne Jude, oder die kleinen versprengten Gruppen von Juden konnten nicht lange Widerstand leisten. Das Stärkere, Aktivere und Aktuellere siegte. Man gab den Juden etwas Fremdes, Geschlossenes, in fremder Sprache und fremdem Geiste und entfremdete sie so ihrer Eigenart. Der Zionismus hat ein anderes Ziel und einen andern Weg. Sein Ziel ist nicht die Kultur des einzeln Juden und nicht die der kleinen Gruppen, sondern die Kultur des ganzen jüdischen Volkes. Wenn wir das Postulat aufstellen: Europäisierung des jüdischen Volkes, so ist es unser Ziel, das ganze jüdische Volk in die große moderne Kulturgemeinschaft einzuführen. Im großen Orchester der modernen Menschheitskultur soll der eigene Ton der jüdischen Volksseele hörbar werden. Zu diesem Ziele führt ein anderer Weg, als der bisherige. Nicht in fremder Sprache und in fremdem Geiste soll den Juden Kultur gegeben werden, sondern in der eigenen uralten und doch wieder jugendfrischen hebräischen Sprache und im eigenen schöpferischen Geiste, der nur geweckt und gepflegt werden muß, um Wunder zu wirken. Damit europäisiert man wohl daes Judentum und bringt es in die Höhe, erhält es aber auch in seiner Eigenart und seiner Vollkraft. Damit lenkt man die große und starke jüdische Volksseele auf modernes Schaffen. Damit macht man aus dem schiefen Golusjudentum ein aufrechtes modernes Kulturvolk. Das ist des Zionismus Zweck, das ist geradezu sein historischer Endzweck. Darum eben darf der Zionismus das jüdische Kulturproblem nicht einen Moment aus den Augen verlieren. Und darum muß auf dem Kongresse über dieses Problem ernst nur sachlich gehandelt werden. Das ist nämlich so: die Kongreßtribüne hat in den letzten Jahren vollständig ihre Bestimmung verfehlt. Da bemühten sich immer die geistreichen, glänzenden Redner, an denen wir — ich hätte beinahe gesagt: leider! — einen kolossalen Oberfluß haben, Schlager in die Organisation zu werfen, starke, tönende, mitunter paradoxe Worte, die einen Augenblick die Zuhörer hinrissen oder betäubten. Bis aber die Delegierten nach Hause kamen, war der Rausch verflogen und sie konnten bloß leere Worte auskramen. Auf der andern Seite bemühten sich die praktischen, sozusagen: kaufmännischen Menschen zu bremsen und die Flügel abzustutzen. Für diese beiden an sich recht unfruchtbaren Tätigkeiten hat aber die Kongreßtribüne wirklich viel zu viel Publizität. Soviel Publizität vertragen sie beide nicht. Die Kongreßtribüne hat eine Bestimmung. Von ihr aus sollen positive und fruchtbare Anregungen den einzelnen Gliedern der Organisation gegeben werden. Das ist ja der tiefste Sinn menschlicher Organisation, von dem sie auch den Lehrnamen hat, daß ein einheitlicher starker Wille sie durchströmt und lenkt. Dieser organisierte Wille soll sich auf die Kulturarbeit lenken und der Bewegung Aufgaben stellen. Der Einzelverein und die Ortsgruppe in der Provinz sterben gar häufig an Anämie, weil sie nicht wissen, was weiter zu tun, wenn sie' ihre Schekel und ihre Nationalfondsbeiträge schlecht und recht bereits eingesammelt haben. Diesen Zellen unseres Organismus muß man frische Anregungen geben. Durch Kongreßbeschluß sollen sie verpflichtet werden, hebräische Schulen, Bibliotheken, Toynbeehallen und was der Kulturinstitutionen für das Volk noch mehr ist zu gründen und zu erhalten. Ich möchte es übrigens auch gerne sehen, daß der Kongreß, die oberste Parteibehörde, beschlußweise jeden Zionisten verpflichten soll, hebräisch zu lernen und seine Kinder lernen zu lassen, hebräische Publikationen zu fördern und zu verbreiten.