Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZEiNTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XV. JAHRG. KÖLN, 3. März 1911 pTir6 Da"nn's -HN No. 9. Raum für die Kulturfrage am X. Kongreß! Von Dr. 0. Thon, Krakau Auf dem IX. Kongreß habe ich geklagt: „. . . . Eine Sache, die lange, lange schon auf dem Kongresse gar nicht berührt wurde, ist die Kulturfrage. Früher hatte man dafür ein kleines Winkelchen reserviert gehalten, und in weihevoller Stimmung pflegte man die Sache-wie etwas Heiliges abzuhandeln. Heute ist auch das geschwunden. Aber wie wichtig ist gerade diese Arbeit! Es wächst bei uns in kultureller Beziehung sehr viel, mehr als auf allen andern Gebieten. Unsere hebräische Sprache und das hebräische Schrifttum haben Keime getrieben, die großartig sind und einen herrlichen Morgen verkünden, Das alles wächst aus sich selbst, es handelt sich aber darum, daß es auch gepflegt wird, und zwar von oben . . . So ist es in der Tat. Es ist in den letzten Jahren im Arbeitsprogramm des Kongresses eine klaffende Lücke entstanden, seitdem die Kulturfrage von seiner Tagesordnung sang- und klanglos verschwunden ist. Gewiß war die Art der Behandlung dieser zentralen Frage am Kongresse immer im höchsten Grade unzulänglich. Man hat das Problem niemals tief genug, anderseits auch nicht konkret genug erfaßt und behandelt. Ich empfinde auch durchaus keine wehmütige Sehnsucht nach der sentimentalen Festesstimmung, in die sich der Kongreß bei der Kulturfrage hineinzureden pflegte. Ebensowenig wünsche ich, daß der Kongreß als Niederschlag der Kulturdebatten mit stark übertriebener Begeisterung undurchführbare Demonstrationsbeschlüsse fassen soll. Ich verlange und erwarte vielmehr folgendes: Die Frage der jüdischen Kultur in ihrer ganzen Breite soll als zentrales und reales Problem auf dieTagesordnung desX. Kongresses gesetzt und es soll dafür gesorgt werden, daß Referat und Diskussion in klare, konkrete und durchführbare, wenn auch großzügige Beschlüsse ausklingen sollen. Bedarf diese Forderung einer nähern Begründung? Ich glaube, sie spricht für sich. Früher mag es ja anders gewesen sein. Früher — da man noch zu den Kongressen kam, um freudige Botschaften entgegenzunehmen und die Gründung von Geldinstitutionen, den sogenannten „Instrumenten der Bewegung", zu beschließen, und da man von Tag zu Tag den Charter erwartete, da mochte man wohl für Arbeiten, die naturgemäß auf lange Sichten, auf ganze Generationen berechnet sind, nicht die erforderliche Ruhe und Sammlung gehabt haben. „Zwischen heute und morgen werden die jüdischen Massen zum großen Marsche in die altneue Heimat aufbrechen, und dann sollen sie sich die ihnen adäquate Volkskultur frei schaffen und zimmern!" — So mochten viele damals gedacht haben, und zwar nicht ohne eine gewisse äußere Berechtigung. Das Endziel schien zu nahe, als daß man noch viel Zeit für längere Vorbereitungsarbeit gehabt hätte. Nun ist es anders gekommen. Und ich möchte das kühne Wort sagen: es ist gut, daß es anders gekommen ist. Wir waren für den großen Marsch durchaus noch nicht vorbereitet. Jetzt aber haben wir Zeit vor uns, um das jüdische Volk für seine große Zukunft in der Heimat gründlich vorzubereiten. Wenn wir sprechen: dem jüdischen Volke das jüdische Land, so denken wir oder sollen es mindestens denken: dem kultivierten jüdischen Volke das jüdische Land. Wie immer sich die innere Struktur des künftigen jüdischen Gemeinwesens in Palästina formen und gestalten soll, das ist sicherlich ohne weiteres klar —■ die Gründung eines solchen Gemeinwesens kann nur von einem Kulturvolk, in des Wortes ganzer und modernster Bedeutung, in Angriff genommen und durchgeführt werden. Zu einem so großen, welthistorischen Werke genügen nicht bloß arbeitswillige Hände, auch nicht tiefe und schwärmerische Liebe zum Boden, den man bearbeiten soll. Dazu gehört noch mehr, viel mehr: die ganze technische, intellektuelle, ethische und soziale Kultur, die die moderne Menschheit in ihren höchsten Spitzen bis heute erreicht hat. Kann man nun von der heutigen Generation des Judentums in ihrer Ganzheit oder bloß Mehrheit aussagen, daß sie diese Stufe erreicht hat? Nein, das kann man ehrlicherweise nicht aussagen. Im Gegenteil: