Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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no, 8 --■ - die: Seite der Menschheit stehen, auf der Seite der Freiheit, auf der Seite des Volkes. Überall dort, wo irgendwelche Bedrückte sind, dort sind ihre Freunde und nirgend anders. Seien Sie die Freunde dieser Bedrückten, und Sie werden immer auf dem rechten Wege sein. (Großer langanhaltender Beifall.) | Jeanette Herzl | Herzls Mutter, Frau Jeanette Herzl, geb. Diamant, ist am Abend des 20. Februar in Wien nach kurzer, schwerer Krankheit verschieden. Sie war am 28. Juli 1836 zu Budapest geboren. Sie hat ihren Gatten um neun Jahre, den Sohn um sieben Jahre überlebt. Wenn man die letzten Lebensjahre von Theodor Herzls Mutter überblickt, muß man unwillkürlich — wie Leon Kellner in der Herzlnummer der „Welt" schrieb — an eine Tragödie von Sophokles oder Shakespeare denken. Wo gibt es noch eine Mutter, die Größeres 2ELT 169 überstanden hätte, als an der Schwelle des Greisenalters einen solchen Sohn um Jahre zu überleben! Oft, wenn man das Glück hatte, in ihrer Nähe zu weilen '♦und auch heute, wenn man sich ihre adelig vornehme Gestalt und das feine milde Antlitz ins Gedächtnis zurückruft, muß man an den schönen biographischen -Spruch Goethes denken: Vom Vater hab' ich die Statur, Des Lebens ernstes Führen, Von Mütterchen die Frohnatur, Die Lust zum Fabulieren. Gegenüber dem Sinn für das Wirkliche, den unser großer Führer von seinem Vater, dem nüchternen; Kaufmann, geerbt hatte, weist der andere Grundzug seines Wesens — der künstlerische — auf die harmonisch vollendete Persönlichkeit der Mutter zurück. . Wer dem köstlichen Reiz und die dichterisch vollendete tiefe Schönheit in Theodor Herzls Essays zu genießen versteht, wird dem Ursprung des vielen Edelmenschlichen, das sie enthalten, gerne nachforschen. Über das allmählige Heranreifen von Herzls menschlicher und künstlerischer Individualität ward uns der künftige Biograph Aufschluß geben. Aber zwei von den stärksten Quellen, die seinem künstlerischen Schaffen zugrunde lagen, kehren immer wieder: die eine waren seine Kinder, die andere seine Eltern, und in den letzten Jahren die Mutter. Welch bedeutenden Anteil sie an der Persönlichkeit ihres großen Sohnes hatte, erzählte uns erst vor Monaten Leon Kellner in seiner kurzen biographischen Skizze. Unter den Frauen, zu denen das jüdische Volk in dankbarer Verehrung emporblickt, wird Jeanette Herzl für alle Zeiten einen Ruhmesplatz einnehmen. In stiller und weiser Zurückgezogenheit hat diese Frau das Schicksal getragen, das sie mit zermalmender Wucht getroffen hatte. Sie sah eine schöne und liebenswürdige Tochter in jungen Jahren ins Grab sinken. Den zärtlich geliebten Gatten raffte ein plötzlicher Tod von ihrer Seite, und kaum zwei Jahre später wurde ihr einziger Sohn zur Erde bestattet, dem bald seine Frau nachfolgte. Sie stand hinter ihrem Sohne, als er, auf dem Gipfelpunkt seines Lebens, als Führer seines Volkes, die Hand zum Schwur hob: „Wenn ich dein vergäße, Jerusalem, verdorre meine Rechte!" Sie liebte sein Lebenswerk mit einer tiefen und starken Hingebung. Denn sie war eine jüdische Mutter, die an ihr Kind glaubt. Sie kannte den Wunsch, der den sterbenden Riesen bewegte, — einmal im Land der Väter die ewige Ruhe zu finden. Der Wunsch ist noch nicht erfüllt. Neben Jakob Herzl schläft Theodor Herzl. Zu Vater und Sohn bettete man nun die Mutter. ... [Die Meldung über die Beisetzung siehe Seite 178.) Herzls Mutter „. . . . Sie war meine Mutter. Sie war für mich die Liebe und das Leiden. Die Liebe und das Leiden waren in ihr verkörpert, so daß mir die Augen übergingen, wenn ich sie nur sah. ... Sie war eine feine Dulderin, das Leben beugte sie nicht, es erhöhte sie. ..." So läßt Herzl seinen David Litwak in „Altrieuland" sprechen nach dem Tode seiner Mutter. So würde Herzl, wenn er noch gelebt hätte, an der Bahre seiner Mutter geklagt haben.