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Die Welt · 1911-02-24 · 8 (24.2.1911) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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rTA 168 DIE^ das Judentum geradezu schwärmte. Und diese Begeisterung hatte ihre natürliche egoistische Begründung: Das bedrückte Bürgertum, der bedrückte Arbeiterstand sahen in den Juden ihre natürlichen Freunde gegen den gemeinsamen Feind. Nun ist es eine sehr merkwürdige Tatsache, daß die Juden, wie sie zu Geld kommen, auf die feudale Seite übergehen. Daher das tiefe Befremden unter den demokratischen Parteien, daher die Klagen über die Unzuverlässigkeit der Juden (?). Für mich ist es aber noch etwas ganz anderes, was mich befremdet und was mir zugleich furchtbar leid tut: In diesem ungeheuren Kampf der Demokratie gegen die feudale Welt brauchen wir das Judentum, und wenn die Juden sich als Rasse, als Volkstum deklarieren würden, könnten sie eine Rolle in diesem Kampfe spielen wie keine andere Nation. Aus einem einfachen Grunde. Die Juden hätten es nicht nötig, sentimental zu sein im Kampfe gegen die feudale Welt. Denn wir Nichtjuderi tragen doch in unserm Innern die alten ererbten Wahnvorstellungen unserer Kindheit, wir müssen uns immer erst von der feudalen Welt befreien, in deren Suggestion wir aufgewachsen sind. Ich habe eine Versammlung der englichen Lords gesehen. Und wie ich die eleganten englischen Ladys und Peers in ihren Kostümen anläßlich einer Thronrede daherkommen sah, ergriff mich die Schönheit des Bildes so sehr, daß es mir fünf Minuten lang aufrichtig leid tat, daß diese so wunderschöne, ästhetisch so prachtvolle Welt zugrunde gehen soll. Das ist die verdammte Sentimentalität, die davon herrührt, das wohl mein Urgroßvater ein Knecht gewesen ist, der sich vielleicht ganz wohl gefühlt hat, daß er Fürsten dienen durfte. Irgend eine Welle ist in meinem Blute, die mir manchmal eine so sinnlose Ehrfurcht vor der Vergangenheit einflößt. Aber doch den Juden nicht! Die waren doch nicht in die Ideale der feudalen Welt eingeschlossen. Die waren doch in der Judengasse mit dem gelben Fleck. Und jetzt werden sie sentimental, wenn sie — ein Barockornament sehen. Wie prachtvoll könnten die Juden in der modernen Welt wirken, wenn sie von diesem Mangel an Sentimentalität, von diesem Ballast an unnützer Ehrfurcht vor der Vergangenheit befreit, brutal in eben diese Welt hineingreifen und sagen würden: Eure Vergangenheit haben wir Gott sei Dank nicht mitgemacht, wir schätzen sie nicht, wir brauchen sie nicht, wir wollen vorwärts. Das ist das psychologische Problem für die Juden. Und das habe ich nicht zuerst erkannt und hätte es vielleicht nie so gesehen, wenn mir nicht ein großes Glück im Leben widerfahren wäre. Ich rechne es nämlich zu den wirklich großen Glücksfällen meines Lebens, daß ich den größten Juden unserer Zeit von Jugend auf persönlich gekannt habe und daß ich mit ihm sehr befreundet gewesen bin: mit Theodor Herzl. Theodor Herzl ist ein Beispiel, an dem Sie den ganzen Leidensweg des Juden sehen können. Wissen Sie, was Theodor Herzl war, wie ich ihn kennen gelernt habe? Er war deutsch-nationaler Burschenschafter. So fing er an. Und er war ein ausgezeichneter deutscher Burschenschafter. Mit der psychologischen Geschmeidigkeit, die den Juden eigen ist, hatte er im Gehirn das ganze Deutschtum aufgenommen und wußte es nun sozusagen plastisch auszudrücken. Im Reden, auf der Mensur, im Kneipen war er der idealste deutsche Burschenschafter. Zum Lohne dafür beschloß seine Burschenschaft, als er im dritten oder vierten Semester war, die Juden aus der Couleur cum infamia zu chassieren. Das war das große Jugenderlebnis Herzls. Er, der der Bedeutendste unter diesen Leuten war, er, dem es am ernstesten war mit dem Deutschtum, er wurde herausgeworfen, obwohl ihn alle gern hatten. Man sagte ihm nur: „Wir müssen die Konsequenzen deines deutsch-nationalen Gedankens ziehen." Und wenn Sie wollen, wenn Sie es psychologisch betrachten, so hatten beide Teile nicht unrecht. Nun ging Herzl nach Berlin. Ein Faden war ihm weggeschnitten, der Versuch, in diese große deutsche Welt hineinzukommen und ein lebendiges, mitwirkendes, vollwertiges Glied zu werden, war gescheitert. Nun versuchte er, Weltmensch zu sein. In Berlin fungierte er als Wochenplauderer des „Berliner Tageblatt" in halbfranzösischer Art, etwas, was ihm, wie alle Dinge, die dieses starke Talent angriff, vortrefflich gelang. Nach außen. Für sein eignes Empfinden nicht. Denn er war ein Mensch von einer solchen innern Unschuld, daß er in der geringsten Verlogenheit nicht existieren konnte. Und so war dieses Weltmannin-Berlin-Spielen für ihn bald unerträglich, und rasch tsrgriff er die erste Gelegenheit, um nach Paris zu kommen. In Paris hat er das ganz große, aufrüttelnde Erlebnis seines Daseins gehabt. Er hat mir dies oft mit schlichter Einfachheit und doch so wunderschön erzählt. Er war als journalistischer Berichterstatter für die „Neue Freie Presse" dabei, wie dem Hauptmann Dreyfus die Epaületten vom Leibe gerissen wurden. Und er hat mir geschildert, wie die Gesichter der Menschen ringsherum ausgesehen haben und wie es für ihn war, als hätte er bisher sein ganzes Leben in einer tiefen Nacht verbracht und plötzlich sei ein ungeheurer Blitz gekommen, der ihm mit einem Male einen Moment lang die ganze Wahrheit enthüllte. Er sah auf allen Gesichtern den ungeheuren Haß, nicht EELT No. 8 gegen den armen Hauptmann Dreyfus, sondern gegen das ganze Judentum. Und dieser Anblick, dieser ganz unbegreifliche Haß, das wurde das Motiv zur Umkehr und Rückkehr. Das war der Moment, wo er sich sagte: „Du stehst unter diesen Leuten, du spielst mit der Kultur dieser Leute, du fühlst dich noch stolz, wenn du dich der Kultur dieser Leute anpassen darfst, die zu dir und deinesgleichen so stehen, mit diesem verzerrten Haß im Gesicht!" Die ganze Dreyfusgeschichte ist ja gar nichts Neues, sie ist schon einmal dramatisiert worden: im „Kaufmann von Venedig". Dort wird ein Jude um sein gutes Recht betrogen, und alle Menschen freuen sich. Ob Shylock persönlich sympathisch war oder nicht, ist geradeso gleichgültig für die Rechtsfrage in diesem Stück wie die Frage, ob Dreyfus ein angenehmer Gesellschafter war oder nicht. Tatsache ist, daß eine Gesellschaft, und zwar eine hochstehende, die der venezianischen Nobili mit Shylock den Kontrakt machen, um den sie ihn dann durch einen Witz betrügen. Das ist ihnen aber noch nicht genug. Er muß auch noch sein Geld hergeben, weil sie sich nicht sättigen können in ihrem Haß und jeden Moment benützen, um ihren gegen den Juden aufgespeicherten Haß, den Haß, der wie eine Krankheit wuchert, einmal loszulassen. Und so begnügt man sich nicht damit, den Juden überlistet und ihm das Geld abgenommen zu haben, nein, man verlangt auch noch, er soll Christ werden, weil man weiß, daß es das Schwerste für ihn ist. Was ist das? Das ist: daß jede auf feudalem Boden stehende Gesellschaft isoliert leben will. Wie das Fremde herankommt, hört alle Ethik, alle Ästhetik auf; gegen ihn, den Andersartigen, den Fremden, ist alles erlaubt. Das hat sich im Falle Dreyfus gezeigt. Ich fürchte, daß sich eine ganz ähnliche Geschichte im Falle Hilsn er abgespielt hat. Und diese Geschichte wird sich immer wieder abspielen, solange die Juden ihre Existenz als Fremde in einer fremden Umwelt suchen, sie wird erst in dem Moment aufhören, wo die Juden in Europa gerade so dastehen wie alle andern Nationen, als Angehörige einer bestimmten, bewußten, organisierten Nation. Die Frage des Zionismus, die Frage des Kolonisationswerks in Palästina, ist eine Sache, die ich viel zu wenig verstehe, als daß ich über sie ein Urteil fällen könnte. Sie ist auch, meine ich, nicht so notwendig. Notwendig ist das Judenland im Bewußtsein des einzelnen Juden. Das ist die europäische Frage für das Judentum. Denn alle die Fragen, die uns am Judentum gerade in Österreich so fürchterlich sind, hören damit von selbst auf. Wir haben in Österreich ja Verworrenheiten genug, wir haben die nationalen Kämpfe, die deswegen so böse sind, weil sie alle andern Probleme zudecken. Alle Probleme, die das übrige Europa bewegen, das religiöse, das bodenreformerische, das demokratische und andere, kann man bei uns in Österreich nicht sehen, weil darüber der wuchernde nationale Kampf und Streit ist. Und nun haben wir zu diesen nationalen Kämpfen auch noch die Juden drin. In bin einmal in Südösterreich in einen Ort gekommen, wo zwei Nationen, nebenbei beide slavisch, sich in erbittertem Kampfe gegenüberstanden. Jede dieser Nationen hatte einen ausgezeichneten Führer, beide sehr kluge, tüchtige und gescheite Leute. Der eine, Dr. A. war ein — ungarischer Jude, der andere, Dr. B. ein — österreichischer Jude. Man fragt sich unwillkürlich, was ist das für eine Rasse? Wie mag es wohl in den Gehirnen solcher Leute aussehen? Es liegt da offenbar ein großer Irrtum bei diesen Juden vor. Ich kann mir gewiß, wenn ich viele Jahre unter den Franzosen oder unter den Japanern lebe, den ganzen Gedankeninhalt der Franzosen bis zu einem gewissen Grade aneignen. Wahrscheinlich kann ich sogar in allen sittlichen Dingen mich dem Empfindungsleben einer fremden Nation anpassen. Nur glauben solche Juden, das genügt, um sich in einen Angehörigen der fremden Nation zu verwandeln. Das ist aber nicht wahr. Im nationalen Leben kommt es auf rein instinktive Dinge an. Ich kann, ein vollkommener Engländer im Denken und Empfinden werden. Aber selbst wenn ich 20 Jahre in England gelebt habe, mit einer Engländerin verheiratet bin, und mich scheinbar vollkommen assimiliert habe, dann werden noch kleine Dinge zum Vorschein kommen, die zeigen, daß ich dennoch kein Engländer geworden bin. Ich werde bei Sachen, wo der Engländer herzlich lacht, nicht lachen können, und ich werde umgekehrt eine lustige Geschiente erzählen, bei der der Engländer vollkommen kühl und ernst bleibt. Ich werde etwas grundlos sympathisch finden, was dem echten Engländer unsympathisch ist und umgekehrt. Instinktive Dinge lassen sich nicht vom Gehirn aus erraffen. Das, glaube ich, ist der tiefe psychologische Irrtum der Assimilationsjuden. Was ich sagen will, ist dies: das nach meiner Überzeugung das einzig Notwendige für die Juden und das einzig Notwendige für die andern Nationen in Europa ist, daß die Juden sich auf ihre eigne Nationalität besinnen, daß sie sich als Nation in Europa organisieren, wobei sie ja in jedem einzelnen Staat sehr gute, brave Staatsbürger sein können, und daß sie als organisierte Nation sich bekennen und leben. Wenn die Juden sich als Nation fühlen, dann müssen sie als historisch, ob sie wollen oder nicht, auf der richtigen

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